RÜCKSCHULUNG

Ein Erfahrungs-Bericht


Von Annette Ibkendanz (47) aus Hirschberg bei Heidelberg

(Dieser Artikel ist erschienen in LHC-09 10-1999)

Vorgeschichte:Annette Ibkendanz (47)
Als im Jahrgang 1951 Geborene wurde mir bei meiner Einschulung nach damaligem Schulgesetz von Niedersachsen das Schreiben mit der linken Hand unter Strafe , Schläge und sonstigen restriktiven Maßnahmen verboten. Ich musste mich auf rechts umtrainieren. Als Kind konnte ich nicht einschätzen, was mit mir geschah, ich fühlte nur Peinlichkeit, Scham, inneres Leid und Verlust von etwas Unbestimmtem. Ich war nicht wie die anderen, strengte mich ununterbrochen an , hatte jedoch immer das nagende Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Ich richtete mich ein, machte meine Schulabschlüsse, brachte es sogar zu einem abgeschlossenen Studium der Pädagogik. Im Laufe der Zeit wurde ich jedoch immer unzufriedener, litt unter meinen Wutausbrüchen, ständigem körperlichen Anecken, Vertauschen von Seiten, Unsicherheiten im Raum, gehassten, ungeliebten und doch irgendwie benötigten Abhängigkeiten, diesem Gefühl irgendwie nicht GANZ zu sein.
Gleichzeitig strebte ich von innen heraus Erfolg an, gab mich nicht zufrieden mit Niederlagen drängte an die Öffentlichkeit- was mich alles erhebliche Kraftanstrengung kostete.
Irgend etwas lag auf meinem Leben wie ein Geheimnis, etwas Unbestimmbares, etwas, das mir den Zugang versperrte zu dem, wo ich aber fühlte, dahin zu müssen.
Ständige Unruhe und ein unbestimmbarer Zorn plagten mich. Mit 40 Jahren gab ich meine Sicherheiten auf, brach aus meiner langjährigen Ehe aus und ging mit meinem Kind auf Afrikareise.
Seit der Zeit veränderte sich mein Leben radikal. Schon immer hatte ich mich für mystische Geschichten, das Verborgene im Menschen, geistigem Heilen, Magie usw. interessiert. Auf die Zeit in Afrika möchte ich hier nicht weiter eingehen, das ist ein anderes Thema (ich baute mit eigenen Mitteln in Gambia ein Projekt auf, und stehe heute mit dortigen Frauengruppen im Engagement gegen weibliche Genitalverstümmelung). Dort allerdings kam ich zum ersten mal mit der positiven Seite der Linkshändigkeit in Berührung. Suchte ich einen verlegten Gegenstand, war oft die Frage, ob ich diesen Gegenstand mit links weg gelegt hätte. Da mein Tun häufig beobachtet wurde, hatte man schnell herausgefunden, dass ich Linkshänderin war. Somit rückte dieses Thema überhaupt erst wieder in mein Bewusstsein. Auf meine Frage hin, was das mit der Händigkeit zu tun hätte, bekam ich die Antwort, dass die linke Hand die magische Hand sei, dass besonders Linkshänder den Zugang zu verborgenen Welten hätten und zumeist Schamanen seien. Ein plötzliches Gefühl von „Zusammengesetztheit“ durchströmte mich. In unserer Kultur hatte ich nur Blamage und Behinderung erfahren, im afrikanischen Kontext war Linkshändigkeit etwas „Heiliges“.
1996 begann ich erneut Ausbildungen:
Familienpflege, Gesprächbegleitung nach Carl Rogers, Trance und Hypnose, Entspannungstechniken; ich setzte meine zwischenkulturellen, intuitiven Studien fort, vertiefte die Studien von geistigem Heilen usw.

Das Geschehen:

Während eines Fortbildungsseminars im Januar 1997 hatte ich einen plötzlichen „Black out“. Innerhalb eines Bruchteils von Sekunden veränderte sich meine gesamte Wahrnehmung, Hitze stieg in mir auf , der Kehlkopf schnürte sich zu und es verschlug mir buchstäblich die Sprache. Da ich in einem Fortbildungsseminar für Gespächstherapie saß, passierte das Ganze zu meinem Glück in einem geschützten Rahmen. Dieses Geschehen sollte in dieser Intensität eine ganze Woche anhalten, verlangsamte sich dann etwas im nachfolgenden Halbjahr, und zog eine massive Persönlichkeitsveränderung nach sich. Ich konnte plötzlich über Kopf lesen, Spiegelschrift schreiben, beidhändig schreiben, Bilderfluten tauchten auf, bebilderte Gefühle. Das war ja alles sehr bereichernd. Beängstigend wurde es jedoch für mich, dass mein sonst so scharfer Intellekt nicht mehr funktionierte. Gelesenes verstand ich nicht mehr, alles Wahrgenommene verlief spiegelbildlich, mein Erinnerungsvermögen versagte, ich konnte erworbenes Wissen nicht mehr zuordnen.
Beim Autofahren wurde es gefährlich, ich sah keine Straßenschilder mehr, verwechselte die Fahrbahnseiten , das ganze Sehvermögen war eingeschränkt., spiegelverkehrt und stand über Kopf. Ich fühlte mich von innen heraus gedrängt, mit der linken Hand zu schreiben. Am Tage des Geschehens bekam ich das Buch von Frau Sattler in die Hände „Der umgeschulte Linkshänder oder Der Knoten im Gehirn“. Ich bestellte mir die Rückschulungsübungen und lernte neu schreiben. Während der Übungszeiten brachen alle inneren Dämme der Demütigungen auf, Tränen flossen- nichts war mehr wie es mal war und ich schrieb an Frau Sattler:
„Ich weiß nicht ob ich glücklich sein soll über mein wiedergewonnenes Lebens als Frau oder Trauern soll über all die verlorenen Jahre“...
Ich entschied mich für die Freude und ein Abenteuer begann.
Untersützt durch meinen Sohn, meine Schulungen, Kolleg/Innen und viele Gespräche, entfaltete sich mit meinem unermüdlichen Willen und mit schier 
unerschütterlicher Kraft von innen heraus mein eigenes Wesen. Vieles konnte ich nicht einordnen, fast zwei Jahre verlor ich die Fähigkeit mich verbal geschliffen auszudrücken. Die ganze Sprache ordnete sich neu, meine Gefühlswelt verband sich mit meinem Ausdruck und lief nicht mehr, so wie gewohnt, bedrohlich dem Intellekt quer. Zwischendrin befielen mich immer wieder massive Zweifel und Ängste, ich sah mich in der Psychiatrie.
Jedoch lernte ich auch immer mehr Linkshänder kennen, erkannte das verspiegelte Chaos bei umgeschulten Linkshändern. Es eröffnete sich mir buchstäblich meine eigene innere, bisher unbekannte Welt, ich hatte das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein, zurück in mein eigenes Leben. Ein unbeschreibliches Gefühl von Ganzheit erfasste mich und endlich hatte sich diese schwere Tür gehoben, die sich in Kinderzeiten über mein Wesen gelegt hatte. Die größte Anerkennung bekam ich von meinem Sohn, damals 11 Jahre alt, der ja diese Veränderungen am nächsten miterlebte, als er mir bescheinigte, dass ich zwar unglaublich langsam und vergesslich geworden sei aber irgendwie viel lieber . . .  Heute empfinde ich ganz subjektiv, dass die härteste Zeit dieser Umstellung bewältigt worden ist, der Prozess aber immer noch anhält. Ich bin bewusst in diesem Prozeß und das ist wiederum eine Thematik für sich, die sehr viel Spaß macht und Kraft zum anders sein gibt.  Ich gehe mit „ links“ durchs Leben und mache es niemandem mehr „recht“....  Ich ecke immer noch an, nun weiß ich aber warum, auf vieles Unerklärliche habe ich eine Antwort gefunden. Das lässt Kapazität frei werden für noch viel mehr Leben !
Näheres zur Bewältigung des Alltags, alles, aber auch alles hat sich neu geformt und geordnet. Selbst der Freundeskreis ist nicht mehr derselbe, da die Anziehung sich verändert hat. Ich erlebte es so, als tauche das Leben aus einem Spiegel heraus auf. Aus der Sicht des geistigen Heilens würde man vielleicht sagen, das Magnetfeld habe sich verändert. Da ich durch meine Trance- und Hypnosearbeit mit der Ebene des Unbewussten umgehe, möchte ich die Aussage unterstreichen, dass mit einer Rückschulung nicht leichtfertig umgegangen werden sollte, dass sie auf jeden Fall sorgfältig begleitet und unterstützt werden muss. Ist der tiefe Wunsch da, so kann man es ohnehin nicht zurückdämmen- dann jedoch kann sie starken Willen und ungeheuere Kapazitäten freisetzen, mit denen sich dann auch alle anderen auftretenden Schwierigkeiten letztendlich meistern lassen.

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