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Möglicher Rückschulungsverlauf

Die Konfrontation mit der selbst erfahrenen Umschulung (hauptsächlich beim Schreiben, aber auch bei anderen feinmotorischen, den Intellekt fordernden Tätigkeiten wie sie in der Musik, im Sport und im Handwerk vorkommen) wird vom Umgeschulten selbst oft ganz unterschiedlich kommentiert. Von "Das hat mir überhaupt nicht geschadet!" bis "Was haben die mir angetan?!". 

Die Konfrontation mit den laut Sattler zu verzeichnenden sekundären, langfristigeren Umschulungsfolgen wie z.B. Rechthaberei, "Demosthenes-Effekt", Kasperei, Selbstzerfleischung, übersteigerter Pessimismus, soziale Unverträglichkeit, Pedanterie, Hang zur Sektiererei, Rachegefühlen und Suchtverhalten und das Erkennen mancher dieser Eigenheiten durch den Betroffenen an sich selbst, löst verständlicherweise zunächst nicht gerade Freudenstürme aus. Einzig der "Demosthenes-Effekt" kann sich insofern zunächst positiv auswirken, als man es bei konsequenter Nutzung des Effektes "zu etwas bringt im Leben". Doch mit zunehmendem Alter kann sich die lebenslange unausgewogene Beanspruchung der Gehirnhälften mit psychischen und auch physischen Ausfallserscheinungen rächen. Die unter "sekundäre Umschulungsfolgen" aufgelisteten möglichen Symptome müssen natürlich nicht alle bei allen Umgeschulten auftreten. Aber wo sich Defizite zeigen, ist die Ursache beim umgeschulten Linkshänder zu einem großen Teil die Umschulung selbst. 

Letztlich muss jeder erwachsene umgeschulte Schreiber für sich selbst entscheiden, ob sie oder er es belassen will bei dem in frühen Jahren installierten Irrtum. Meist hat man sich damit zurecht- und abgefunden und die Erinnerung an den Umschulungsvorgang, der sich über einen mehr oder weniger langen Zeitraum hingezogen haben mag, erfolgreich verdrängt. Auch ist man zufrieden mit der rechten Handschrift, Leserlichkeit und Geschwindigkeit sind zufrieden stellend.

Wer aber als schreib-umgeschulter Linkshänder in sich hinein hört und irgendwann den Willen verspürt, "zu sich selbst" zu kommen, sollte an diesem Punkt sich selbst ernst nehmen. Warum sollte er es sich selbst und seinem Gehirn verwehren, in die "Linkshand-Welt", die ja eigentlich seine ureigenste Heimat ist, hinein zu schnuppern? Warum sollte er den Schreibstift nicht wenigstens hin und wieder auch in die linke Hand nehmen? Oder in beide Hände? 

Mögliche Stadien einer Rück- bzw. Neuschulung zum Schreiben mit links bei erwachsenen umgeschulten Linkshändern über fünf Jahre hinweg: 

Tabelle Rueckschulungs-Verlauf, Beispiel

Das kann ein jahrelanger, wenn nicht sogar ein den Rest des Lebens begleitender Prozess sein. Die Dauer ist auch abhängig vom Lebensalter und der Intensität der einstmals erfahrenen Umschulung. Wenn die Umschulung z.B. erst kurze Zeit zurückliegt und nur beim Schreiben, und da auch noch relativ gewaltfrei stattfand, bei allen anderen Tätigkeiten (z.B. Musik, Kunst, Sport, Haushalt) aber überhaupt nicht, wird eine Umsetzung in die Praxis, also ein Integrieren des kontinuierlichen Links-Schreibens in das eigene Leben eher leichter und damit auch schneller vonstatten gehen. Eine Zeitspanne von 1 bis 5 Jahren zur Erlangung einer flüssigen persönlichen Links-Handschrift ist in der Tabelle nur ein Beispiel für einen möglichen Verlauf  bei einem Erwachsenen. 

Zeitlich gänzlich abweichende Verläufe sind möglich, sowohl nach hinten, als auch nach vorn. Aber auch inhaltlich sind die Aktivitätsfelder in der Tabelle nur als ein mögliches Beispiel zu sehen. Es soll damit verdeutlicht werden, dass mit der Rückschulung beim Schreiben auch Veränderungen in anderen Lebensbereichen vor sich gehen. Auch das soziale und berufliche Umfeld reagieren oft unerwartet ablehnend, Kopf schüttelnd oder mitleidig. Hier sollte der Linkshänder versuchen, zu einem gesunden Selbstbewusstsein zu kommen und sich in Gelassenheit zu üben. Nicht zuletzt ist auch ein sich rückschulender Linkshänder mehr oder weniger häufig mit "unentdeckten" umgeschulten Linkshändern konfrontiert, welche bei Anschneiden des Themas "links schreiben" oft erschreckend aversiv reagieren. Und dies nicht nur in Laien- sondern auch in Fachkreisen. Letztlich muss jeder Erwachsene für sich selbst entscheiden, mit welcher Art zu schreiben er sich am wohlsten fühlt, sei es nun rechts, links oder sogar mit beiden Händen abwechselnd.

Welche Aversionen allein der Anblick einer Handschrift eines sich zurück schulenden Linkshänders hervorrufen kann, zeigt z.B. die Zuschrift einer Leserin aus dem Jahre 1999, nachdem sie das handschriftlich ausgefüllte Rechnungsformular für das Left Hand Corner-ABO erhalten hatte:

" Werte Damen und Herren ,
hiermit kündige ich mein Abo zum . . . . Haben Sie es wirklich nötig, dass ein Rechtshänder mit der linken Hand eine Rechnung/Lieferschein ausschreibt ????? Meine Tochter ist erst in der 1.Klasse und schreibt mit links schon wesentlich besser."

Der Schreib-Rückschulungs-Prozess kann als erfolgreich verlaufen betrachtet werden, wenn sowohl das Schreibtempo, als auch die Leserlichkeit und Größe der Handschrift den jeweiligen Anforderungen mühelos und automatisch angepasst werden können, ein Hang zum Rückfall in das Schreiben mit rechts nicht mehr besteht und das Schreiben sowohl im Privaten als auch vor anderen weniger als Last, sondern eher als Lust empfunden wird. 

Ausdrücklich warnen möchten wir vor der Erwartung, dass mit Aufnahme und Fortführung der Rückschulung automatisch Glück, Wohlstand und Gesundheit ins Leben einkehren. Schon recht nicht lassen sich bereits manifestierte sekundäre Symptome durch die Rückschulung einfach beseitigen. Man denke nur an Alkoholismus, Medikamenten- oder Sekten-Abhängigkeit. 

Doch der erfolgreiche Rückschüler kann bestätigen, dass er den Schritt hinein in die eigentliche "Normalität" nicht bereut. Er wird allmählich ein freundschaftliches Verhältnis zu seiner neuen Handschrift finden, wird sich auch bei höherer Schreibgeschwindigkeit an ihrer Leserlichkeit erfreuen, wird sich wohl fühlen beim Schreiben und wird dabei "besser denken" können.

Die Rückschulung (bzw. das Schreiben an sich) ist keine olympische Disziplin, in der es gilt, Höchstleistungen zu vollbringen. Es gibt keinen Zwang zur Rückschulung. Es kann nur die Freiheit zur Rückschulung geben. Sie bietet sich an. Sie kommt bescheiden daher, nicht mit lautem Getöse, nicht mit harten Schnitten. Der einstmals erfahrene Zwang soll nun nicht durch einen neuen Zwang ersetzt werden. Lassen wir unseren Händen endlich die Freiheit, die sie so lange entbehrt haben. Auch der rechten nicht nur der linken. Wo vor dem Entschluss zur Rückschulung eine Diskriminierung der linken Hand bestand, soll man nun nicht in das andere Extrem verfallen und seine rechte Hand diskriminieren.

Einzig das "sinnerfüllte" Schreiben, also das Umformen der gedachten, gehörten, gesprochenen oder gelesenen Worte und Sätze in Schrift-Zeichen sollte früher oder später im Verlauf der Rückschulung der dominanten Hand vorbehalten bleiben. Aber andere, in das Tätigkeitsfeld "schreiben" hineinragende Aufgaben wie unterstreichen, radieren oder auch kalligraphische Elemente können möglicherweise der nicht dominanten Hand überlassen werden.

Das alles gilt es, für sich selbst auszuprobieren, zu beobachten und zu erfühlen.

© Norbert Martin 01-2003


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