Dieser Artikel ist Teil eines Buches über die Rückschulung der Händigkeit, das im 
kommenden Jahr veröffentlicht werden soll. Erstveröffentlichung dieses Artikel in 
Left Hand Corner  -Ausgabe Nr. 09,  10-1999

Dr. Johanna Barbara Sattler
 

Chancen und Gefahren einer Rückschulung der Händigkeit 
bei Erwachsenen (Teil 3)

Praktische Hinweise zum Vorgehen bei einer Rückschulung der Händigkeit

In den letzten Jahren hat es sich immer mehr bestätigt, dass fast jeder, der die Umschulungs-problematik der Händigkeit bzw. deren Folgen bei sich feststellte, sofort auch das Bedürfnis hatte, das erlittene Leid, die erlittene Beschädigung wieder gut zu machen, indem er sich auf seine ursprünglich dominante linke Hand zurückschult. 

Hinzu kommt dann meist eine hohe Erwartungshaltung, durch diese Maßnahme eigene Leistungs-schwierigkeiten auszugleichen oder die intellektuellen Fähigkeiten sogar noch zu verbessern. 

Die Rücksichtnahme auf die eigene Lebenssituation wurde in dem Buch "Der umgeschulte Linkshänder" ausführlich betont . 

Hat sich jemand nun aber entschlossen, das vermeintliche bzw. tatsächliche Unrecht der Umschulung der Händigkeit wieder rückgängig zu machen, sind einige Problembereiche zu beachten. Die folgenden Tipps sollen als Hilfestellung betrachtet werden : 

1. Interessanterweise zeigt sich in der Praxis immer mehr die Richtigkeit der Beobachtung, dass ein großer Anteil der Menschen, bei denen eine Umschulung der Händigkeit im Kindesalter relativ leicht vor sich ging (was durch gleichzeitige Teilleistungsstörungen (MCD) insbesondere in der Feinmotorik begründet werden kann), sich auch leichter im Erwachsenenalter wieder rückschulen  lässt. 

Anders ist das mit Menschen, bei denen im Kindesalter parallel zur Umschulung der Händigkeit stärkere Probleme im schulischen, intellektuellen Bereich auftraten. Sie haben als Erwachsene meist bei der Rückschulung auch wieder verstärkt Probleme. 

2. Veranlagung (Dispositionen) zu Krankheiten, also Schwachstellen der Gesundheit, können bei der Rückschulung der Händigkeit besonders zur Geltung kommen. Durch die zusätzliche Belastung der Rückschulung können dispositionell veranlagte Krankheiten plötzlich ausbrechen. 

3. Schon aus den genannten Gründen wäre eine therapeutische Begleitung der Rückschulung sehr vorteilhaft. Findet sich aber kein geeigneter Psychotherapeut, so kann die Funktion des "Überwachers" (also eines Fremdbeobachters, der objektiv die Veränderungen wahrnimmt - hier kann die subjektive Wahrnehmung des sich Rückschulenden irreführend sein) darüber, dass die Umschulung nicht zu massiv, zu "konsequent" durchgeführt und eine übermäßige Belastung hervorgerufen wird, auch der Partner, ein guter Freund oder Vertrauter übernehmen. Derjenige sollte sozusagen das Recht haben, ein Veto einzulegen, wenn er bemerkt, dass sich der Rückschulende zu viel vornimmt und kein Maß mehr für seine Leistungsfähigkeit aufbringt und den Überblick verliert. 

4. Besonders wichtig ist, dass der sich Rückschulende regelmäßig Erholungsphasen in seinen Lebensablauf einbaut und diese auch einhält. Viele Menschen betreiben Sport (zum Spaß und zur Bewegung) oder gehen regelmäßig in die Sauna. Solche, möglichst wöchentlich eingeschobenen und eingehaltenen Ruhepausen für das Gehirn sind dringend zu empfehlen. Ein ausgiebiger Erholungsurlaub ist natürlich auch sinnvoll, aber insgesamt ist jede regelmäßig wiederkehrende Ausspannungszeit, in der sich der Mensch intellektuell ausruhen darf und sogar muss, äußerst wichtig. 

Oft beobachten wir bei Rückschulungen der Händigkeit einen Zusammenbruch gerade dann, wenn aus irgendwelchen Gründen diese, wenn auch nur für ein paar Stunden wöchentlich angesetzte Ruhepause nicht mehr eingehalten wird. Es ist keine verschwendete Zeit! 

5. Regelmäßige Nachspurübungen in einer lockeren Schreibhaltung sind auch dann noch zu empfehlen, wenn der sich Rückschulende schon mit der linken Hand schreibt (beides findet man im Buch "Übungen für Linkshänder. Schreiben und Hantieren mit links"). So wird die Fingerfertigkeit der Hand weiter geübt, ohne zwangsweise das Gehirn mit den gelernten und auf der rechten Hand automatisierten Buchstaben und Worten zu belasten. Die Nachspurübungen sind quasi neutral, bauen aber neue Geschicklichkeiten und Automatismen auf, ohne dabei gleichzeitig die früher gelernten Automatismen des Schreibens mit der rechten Hand zu stören. 

6. Wenn der sich Rückschulende einmal soweit ist, dass es ihm gelingt, für den Alltagsgebrauch schnell genug mit der linken Hand zu schreiben, sollte er möglichst nicht mehr auf die rechte Hand zurück wechseln. 

Die häufig zunächst auftretende kindliche Handschrift, die viele als sehr störend empfinden, sollte kein Hinderungsgrund sein. Sie ist doch auch Ausdruck dafür, dass man sich für die linke Hand entschieden hat. Psychisch kann es sehr wichtig sein, zu dieser Entscheidung auch nach außen hin mit einer noch etwas ungelenkten Schrift zu stehen, um alte, oft verdrängte Vorurteile in sich selbst hervorzuholen und zu überwinden. 

7. Bevor man mit der linken Hand zu schreiben beginnt, kann es parallel mit den Nachspurübungen sehr sinnvoll sein, andere Tätigkeiten wie z.B. im Haushalt, auf die linke Hand zurückzuschulen. Aber Vorsicht, auch hier können anders eingeübte, automatisierte Handlungsabläufe sehr beeinträchtigend wirken. Jeder sollte für sich selbst entscheiden, ob er z.B. beginnt, das Geschirr mit der linken Hand abzuwaschen oder mit links zu nähen. 

Sehr wichtig ist die Erfahrung, dass es am günstigsten ist, neue, noch nicht automatisierte Tätigkeiten mit links auszuführen und zu üben, Tätigkeiten also, die man gleich mit der linken Hand auszuführen beginnt. Wenn man sich z.B. entschließt ein neues Instrument zu erlernen, mit einem neuen Werkzeug zu arbeiten, einer neuen Sportart nachzugehen, können diese Tätigkeiten, mit der linken Hand als Führungshand ausgeführt, weit hilfreicher und effektiver sein, als wenn schon fest eingeübte Handlungsabläufe durchbrochen werden. 

Gerade auch Erwachsenen ist zu empfehlen mit Ton, Matrix oder Wachs zu kneten, um die Finger- und Handfertigkeiten zu üben und zu stärken. Sogar ein richtig durchgekneteter Hefeteig macht Spaß und ist nützlich. Auch das Malen mit Fingerfarben kann viel Freude bereiten und hilfreich sein. 

Wirksam helfen kann das allgemein großflächige und dann immer kleiner werdende Malen von  Formen. Zunächst kann man das auch mit Wachsmalkreiden oder Tafelkreiden durchführen und später immer kleinere Formen malen. Farbige Schraffierungen geben Freude, machen Spaß und üben die Hand. Wichtig ist dabei von großen Bewegungen, die aus dem Arm heraus kommen, zu immer kleiner werdenden Bewegungen überzugehen, bis sich am Ende nur noch die Finger bewegen. 
 

Ein Hinweis in eigener Sache: Wir haben zur weiteren Erforschung und Datensammlung der Ergebnisse der Rückschulungen der Händigkeit einen Fragebogen entwickelt. Wer Interesse daran hat, uns seine Erfahrungen zu vermitteln, dem schicken wir den Fragebogen gerne zu. 
(Erste deutsche Beratungsstelle)

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