Dieser Artikel ist Teil eines Buches über die Rückschulung der Händigkeit, das im 
kommenden Jahr veröffentlicht werden soll. Erstveröffentlichung dieses Artikel in Left Hand Corner  -Ausgabe Nr. 07,  04 1999

Dr. Johanna Barbara Sattler 
 

Chancen und Gefahren einer Rückschulung der Händigkeit bei 
Erwachsenen (Teil 2)

Welche Tätigkeiten eignen sich für eine Rückschulung auf die dominante Hand ?
 

Vorbemerkung 

Diese Fortsetzung ist in direktem Zusammenhang mit den Ausführungen in Left Hand Corner Nr. 06 zu sehen. Zum besseren Verständnis soll hier die Definition einer Rückschulung der Händigkeit aus Teil 1 wiederholt werden: 

Rückschulung der Händigkeit bedeutet, dass man bestimmte Tätigkeiten, die von der nicht dominanten Hand alleine ausgeführt werden oder bei denen die nicht dominante Hand bisher die Führung hatte, auf die dominante Hand zurückschult. 

Dabei sind besonders zu berücksichtigen : 

  • die Art der Tätigkeit  
  • eine gleichzeitige Verbindung mit anderen Tätigkeiten  
  • die Umstände, unter denen die Tätigkeit durchgeführt wird.  
Tätigkeiten können relativ einfach und als Bewegungsabläufe fest eingeübt und automatisiert sein. Z.B. schneiden viele Linkshänder mit der rechten Hand, ohne dass daraus schon die gefürchteten Umschulungsfolgen der Händigkeit entstünden. (1) 

Steht aber eine Tätigkeit, wie z.B. das Schreiben mit vielen anderen gleichzeitig durchgeführten Aktivitäten des Menschen in Verbindung, so kommt es bei vielen Betroffenen zu Störungen, die sich oft in bleibende Umschulungsfolgen umsetzen. 
 
 
 
Die Funktion automatisierter Handlungsabläufe
Im Laufe unseres Lebens lernen wir viele Handlungsabläufe und speichern sie als Automatismen ab. So lernen wir greifen, laufen, hüpfen, wir verrichten die Hausarbeit nach bestimmten, ähnlichen bis fast gleichen Mustern und auch im Beruf vollziehen wir viele Tätigkeiten, ohne genauer auf die einzelnen Abläufe zu achten. Sie verlaufen automatisch, und wir sind dadurch fähig, gleichzeitig andere Dinge zu verrichten, ohne dass dabei die eingeübten Abläufe nennenswert gestört würden. Man denke an den Abwasch zu Hause, an das Abtrocknen und Wegräumen des Geschirrs, das sind normalerweise so automatisiert ablaufende Tätigkeiten, dass man nebenher über ganz andere Themen sprechen, Pläne schmieden und Ähnliches machen kann. Auch während dem Essen, dem Treppen steigen, dem Spazierengehen, müssen wir nicht dauernd über jede Bewegung, jedes Heben und Verschieben eines Körperteils nachdenken, sondern alles verläuft wie von selbst. 

Diese automatischen Handlungsabläufe sind vernetzt in unserem Gehirn, ähnlich wie in einem Computer abgespeichert und wir brauchen über sie nicht jedesmal neu nachzudenken und sie neu in Bewegungen umzusetzen. 
 
 
Automatisierte Handlungen mit der nicht dominanten Hand
Manche linkshändige Menschen führen bestimmte Bewegungen aus verschiedenen Gründen mit der nicht dominanten Hand aus. Ursachen können sein: Umschulung der Händigkeit durch die Umwelt oder durch Modell- und Nachahmungsverhalten gegenüber einer rechtshändigen Umgebung oder auch Defizite der Feinmotorik oder Koordination gerade in der linken eigentlich dominanten Hand. 

So wurde zum Beispiel früher vielen linkshändigen Kindern beigebracht, mit der rechten Hand zu essen, die Gabel, den Löffel, das Messer zu halten, weil das „richtig" oder „normal" sei und weil es sich „so gehöre". 

Viele Linkshänder benutzen auch die rechte Hand zum Schneiden, da sie herausgefunden haben, dass auf rechtshändigen Gebrauch ausgelegte Scheren besser in der rechten Hand funktionieren. Dies trifft besonders auf Kinderscheren zu, die noch nicht so scharf geschliffen sind und bei denen durch falsche Druckverhältnisse das Papier sehr leicht durchrutscht. In der rechten Hand schneiden diese Scheren besser und so üben viele linkshändige Kinder von Anfang an das Schneiden mit der nicht dominanten rechten Hand ein und es automatisiert sich als Bewegungsablauf. 

Auch im Sport bemühen sich manche Linkshänder redlich, mit rechts zu werfen, den Ballaufschlag im Volleyball mit rechts auszuführen oder den Golfschläger wie ein Rechtshänder zu benutzen. Auch diese Handlungsabläufe werden dadurch fest eingeübt und verlaufen mehr oder weniger automatisch und man kann sie nicht einfach umkehren. Erschwerend kommt hinzu, dass oft unbemerkt damit andere wichtige Abläufe einhergehen, die gleichermaßen umgestellt werden müssten und deren man sich noch viel weniger bewusst ist, geschweige denn, dass man sie gleichzeitig auch noch kontrollieren und leicht neu erlernen kann. 
 
 
Der relativ komplizierte Ablauf des Schneidens mit der Schere
Besonders typisch in Bezug auf mehrere gleichzeitig automatisierte Abläufe ist der Gebrauch der Schere: Linkshänder, die mit einer Rechtshänderscheren der linken Hand zu schneiden gewohnt sind, erklären oft, dass sie mit einer Linkshänderschere nicht zurechtkämen. Sie beachten dabei nicht, dass auch das Auge beim Schneiden eine wichtige Funktion erfüllt und man automatisch auf eine bestimmte Seite der Schneideblätter schaut, um die Schnittlinie zu sehen. Benutzt man nun eine Linkshänderschere in der linken Hand, müsste von der anderen Seite der Schneidblätter auf die Schnittlinie geschaut werden. Das ist dem Linkshänder meist aber nicht bewusst und selbst wenn er es weiß, müsste er eine gewisse Zeitspanne beim Schneiden immer daran denken und bewusst auf die andere, nicht gewohnte Seite schauen. Sobald das aber vergessen wird, beobachtet man automatisch wieder die alte, eingeübte Seite und schneidet daneben. 

Darauf, dass auch das abgeschnittene Papier ganz anders als gewohnt entlang der Schneideblätter geführt wird, wurde hier noch gar nicht eingegangen . 

Noch skurriler kann das Schneiden von Suppenfleisch ablaufen: So lange das Fleisch heiß ist und eine Gabel zum Halten des Fleisches benutzt wird, hält manch „ordentlich erzogener" Linkshänder die Gabel links und das Messer rechts; ist das Fleisch aber abgekühlt, wechselt das Messer plötzlich in die linke Hand und die rechte Hand hält das Fleisch fest. Interessanterweise handelt es sich hier oft um zwei verschiedene, fest automatisierte Abläufe bei ein und demselben Linkshänder. Eine bewusste Änderung der jeweils schneidenden Hand könnte eine große Verletzungsgefahr in sich bergen bzw. zumindest eine weit höhere Aufmerksamkeit erfordern. 
 
 
 
Fazit:

Macht es Sinn, möglichst viel bis ausschließlich alle tagtäglichen Tätigkeiten mit der dominanten Hand durchzuführen? Das heißt, soll man hier alles bewußt zurückschulen? 

Das Aufbrechen von fest eingeübten Automatismen kann, der Erfahrung nach, verschiedene negative Folgen hervorrufen. Das bedeutet, eine Änderung dieser Handlungsabläufe ist nicht nur anstrengend, sondern manchmal auch gefährlich und es stellt sich die Frage, warum man eine auf die „Falsche" (die nicht dominante) Hand eingeübte Tätigkeiten unbedingt ändern soll, wenn kein wirklicher Grund dazu gegeben zu sein scheint? 

Automatisierte Tätigkeiten, die von der nicht dominanten Hand führend ausgeführt werden und die auf der einen Seite nicht sonderlich im Mittelpunkt unseres tagtäglichen Handelns stehen und andererseits nicht in ein komplexes Handlungsgeschehen mit gleichzeitigen intellektuellen Belastungen einbezogen sind und uns dadurch sehr belasten, sollten im Normalfall lieber wie gewohnt beibehalten werden. Eine Änderung von eingeübten Automatismen sollte aber dann in Erwägung gezogen werden, wenn diese Handlungsabläufe mit derartigen anderen Tätigkeiten in Verbindung stehen, dass es zu einer starken Überlastung mit ausgesprochen negativen Folgen kommt, wie es oft beim Schreiben geschieht. Ähnliches traf auch auf das im letzten Heft von „Left Hand Corner" beschriebene Fallbeispiel: „Schlagzeug falsch herum gespielt" zu (S. 16f). Hier bewirken gleichzeitig durchgeführte intellektuelle Tätigkeiten, dass es durch die Benutzung der nicht dominanten Hand als Führungshand zu einer massiven Überbelastung im Gehirn kam. 

Eine Rückschulung der Händigkeit ist also vornehmlich für solche Handlungen in Erwägung zu ziehen, die besonders stark den Körper und das Gehirn beanspruchen. Hier sind auch die größten Entlastungen im Gehirn zu erwarten, aber gleichzeitig auch die größten Gefahren, dass es zur unerwünschten Destabilisierung kommt. 
Ein Beispiel als Analogie: Schlecht zusammengewachsene Knochen nach einer Fraktur können durch einen erneuten Bruch und eine erneute Einschienung durch den Chirurgen sowohl ein erfolgreiches Zusammenwachsen bewirken, als auch ein noch schlimmeres Ergebnis als zuvor. Vielleicht entwickelt sich sogar ein Sudeck-Syndrom und somit ein ganz neues Krankheitsbild. Ähnliche Ergebnisse können auch einer Rückschulung auf die dominante Hand folgen, die ein erneuter Eingriff in das menschliche Gehirn bedeutet und von der wir nicht sicher ein besseres Allgemeinbefinden voraussagen können. 

Hier ist größte Vorsicht geboten und es sollte genügend Zeit vorhanden sein, um die neuen Handlungsabläufe, mit allen dazu gehörenden anderen Automatismen und möglichen gleichzeitig verlaufenden intellektuellen Belastungen gewissenhaft einzuüben. 

Ganz anders verhält es sich mit n e u e n Tätigkeitsabläufen. Hier kann es sehr hilfreich sein, als Führungshand die dominante Hand von Anfang an einzusetzen, auch wenn der betreffende Mensch ansonsten mehr oder weniger konsequent auf rechts umgeschult wurde. 

Bestimmte Tätigkeiten von der nicht dominanten auf die dominante Hand umzustellen kann allerdings bei dem einen oder anderen umgeschulten Linkshänder als gezielte Vorbereitung zu einer Rückschulung der Schreibhand sinnvoll sein, aber dabei ist es sehr wesentlich zu beachten, wie belastet der jeweilige Mensch durch sein tagtägliches Leben ist und ob das nicht zu einer weiteren Überforderung führt. 

Als Vorbereitung für eine Rückschulung der Händigkeit ist es also generell ratsam, möglichst solche Tätigkeiten zu benutzen, die für den umgeschulten Linkshänder neu sind und die auch indirekt eine Vorbereitung auf die Tätigkeit darstellen, die man rückzuschulen beabsichtigt.
 
 

Fortsetzung (aus Left Hand Corner Nr. 09 10-1999) :

- Hinweise zum Vorgehen bei einer Rückschulung der Händigkeit
- Was sind Kriterien für eine gelungene Rückschulung ?
- Mögliche Veränderungen durch eine Rückschulung der Händigkeit
 

copyright : 
Left Hand Corner

Fußnote:

1)  Genaueres zu Umschulungsfolgen siehe: Sattler, Johanna Barbara, Der umgeschulte Linkshänder oder der Knoten im Gehirn. Auer Verlag, Donauwörth 1995, 1998 (4). Kapitel 2.