Dieser Artikel ist Teil eines Buches über die Rückschulung der Händigkeit, das im kommenden Jahr veröffentlicht werden soll. Erstveröffentlichung dieses Artikel in  
Left Hand Corner  -Ausgabe Nr. 06 18.1.1999-  

Dr. Johanna Barbara Sattler 
 

Chancen und Gefahren einer Rückschulung der Händigkeit bei Erwachsenen (Teil 1)
Vorbemerkungen   

Unter Rückschulung der Händigkeit wird hier vornehmlich eine Rückführung zum Schreiben auf die ursprünglich dominante Hand verstanden. Wie im folgenden deutlich wird, entstehen auch Umschulungsfolgen bei anderen Tätigkeiten, wenn diese sehr intensiv und unter starker individueller Belastung durchgeführt werden. Gegebenenfalls ist auch in diesen Fällen eine vorsichtige Rückschulung notwendig und angebracht.  

Da in unserer Gesellschaft eigentlich nur Linkshänder zu verschiedenen Tatigkeiten auf ihre rechte, nicht dominante Hand umgeschult werden, befasst sich diese Arbeit hauptsächlich mit Linkshändern. In sehr seltenen Fällen kann es auch zur Umschulung von Rechtshändern auf die linke Hand kommen. Meistens geschieht dies jedoch aus äußeren Unumgänglichkeiten wie nach einem Unfall mit Verletzung oder Lähmung der rechten Hand und/oder Arm oder wegen einem Schlaganfall.  

Diese Auführungen beziehen sich vornehmlich auf Erwachsene und Jugendliche. Ein Rückschulung der Händigkeit bei Kindern ist ein sehr komplexes, separat zu behandelndes Thema, denn Kinder stehen in einem besonders komplizierten Beziehungsgeflecht zwischen Familienmitgliedern, Freunden, Pädagogen (Erzieher, Lehrer, Hortbetreuer), eventuell auch Therapeuten. Jedes Kind hat sein ganz eigenes Erscheinungsbild mit seinen körperlichen und psychischen Stärken und Schwächen und aus der Gesamtheit der Gegebenheiten muss die jeweilige Entscheidung getroffen werden. Ohne kompetente fachliche Hilfe ist das oft kaum möglich. Die zu berücksichtigenden Fragestellungen bei so einer Entscheidung über eine für ein Kind meist tiefgreifende Massnahme sind sowohl von medizinischer, pädagogischer, therapeutischer als auch soziologischer Art.  

Selbstverständlich trifft diese Entscheidungsproblematik nicht nur auf Kinder zu, jedoch ist der erwachsene Mensch weit souveräner und letztendlich für sein Handeln selbst verantwortlich.  Er kann seine Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche von dem Realisieren einer Rückschulung der Händigkeit besser reflektieren und kennt meist seinen eigenen Körper und seine Psyche besser als ein Kind.  

Wünschenswert ist natürlich auch, daß heranwachsende und erwachsene Linkshänder sich Rat und Hilfe bei Fachleuten holen, bevor sie so einen, oft einschneidenden Schritt, wie es die Rückschulung der Händigkeit ist, unternehmen.  
Da aber noch nicht ausreichend gesicherte, allgemeingültige Erfahrungen zusammengestellt und ausgewertet wurden, und es wenige kompetente Fachleute auf diesem Fachgebiet gibt, hat man manchmal keine andere Lösung, als eine Rückschulung der Händigkeit vorsichtig allein auszuprobieren.  Dabei sollte sich der umgeschulte Linkshänder aber immer bewußt sein, daß er ist dem eigenen Gehirn experimentiert und sichere Voraussagen über Erfolg oder Mißerfolg bis heute nicht zu machen sind. Die weiteren Ausführungen sind ein Versuch, Hilfestellungen zu leisten.  
  
 
 
Basis und Herleitung der aufgeführten Überlegungen  
 

Seit Entstehung der Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder (1985) in München werden auch Rückschulungen beobachtet und die Ergebnisse gesammelt. Darunter sind bereits über zwölfjährige Longitudinalbeobachtungen (Langzeitbeobachtungen) und Untersuchungen von umgeschulten Linkshändern, die sich zurückgeschult haben. Mehrere hundert Rückschulungen wurden analysiert und in einer Forschungsstudie werden die Daten von rückgeschulten linkshändigen Kindern und Erwachsenen gesammelt. Eine Arbeitsgruppe befaßt sich mit Erfahrungen verschiedener Fachleute über die Rückschulung von betreuten umgeschulten Linkshändern.  

Inzwischen kam es aber zu Initiativen durch engagierte Laien, die ihre persönlichen Erfahrungen mit der eigenen Rückschulung der Händigkeit auf alle anderen umgeschulten Linkshänder übertragen und anzuwenden versuchen. Diese Initiativen sind gut gemeint und möchten in einem Bereich helfen, in dem unser Gesundheitssystem (Ärzte, medizinische Therapeuten, Psychologen) und unsere pädagogischen Einrichtungen (Erzieher, Lehrer) bisher wenig bis gar keine Hilfestellungen anbieten. Die Gefahr solcher Initiativen liegt aber in dem meist unzureichenden medizinischen und therapeutischen Wissen der Agierenden und dem undifferenzierten Übertragen eigener Erfahrungen auf eine grosse, sehr heterogene Menschengruppe.  

Im letzten Jahrhundert und auch noch Anfang diesen Jahrhunderts gab es Fälle, in denen sich Ärzte selbst mit Krankheitserregern infizierten, um Symptome und Verlauf der Krankheit zu beobachten und durch die eigene Erfahrung besser diagnostisch beurteilen zu ´können. Selbstverständlich wurden so für die Medizin wichtige Ergebnisse erzielt. Aber, um wertvolle wissenschaftliche Schlüsse aus der Selbstbetroffenheit ziehen zu können, bedarf es einer immensen wissenschaftlichen Reife und Distanziertheit zum eigenen Erleben. Die Introspektion als wissenschaftliche Methode hat ihre Tücken, mit denen meist nur ausgebildete Fachleute umgehen können. Ansonsten werden eigene Erfahrungen und wesentliche Erkenntnisse bezüglich der Untersuchten und durchlebten Probleme nicht wirklich herausgefiltert, sondern es besteht leicht die Gefahr, pauschal zu verallgemeinern. Es ist bekannt, daß aus Gründen des unzureichenden Abstandes viele Ärzte bei eigenen Beschwerden sicherheitshalber Kollegen konsultieren und es wird vor einer Selbstdiagnose und -behandlung gewarnt.  

Wenn heute Nichtfachleute, hauptsächlich auf Basis der als positiv empfundenen Erfahrungen mit der Rückschulung ihrer eigenen Händigkeit andere Menschen zur Rückschulung anregen, so bestehen hier große Gefahren. Denn bei keinem Menschen sind die Reaktionen gleich, jeder ist ein absolutes Individuum mit einem eigenen Lebenslauf, Beziehungen, Erfahrungen und Dispositionen zu Krankheiten. Jeder steht in einer persönlichen Lebenssituation, die an ihn spezielle Anforderungen stellt und auf die er individuell reagiert. Diese unterschiedlichen Reaktionen auf eine Rückschulung werden von Menschen, die nur oder vornehmlich meist auf ihre eigenen Erfahrungen zurückgreifen, oft falsch interpretiert und es kann so oft zu einseitigen Beurteilungen kommen und zu verallgemeinernden, manchmal fast fanatisch vertretenen Einstellungen.  

Die Forschung z.B. über Entwicklungen von Heimkindern hat festgestellt, dass es bei praktisch gleichen äusseren Lebensbedingungen zu sehr grossen individuell unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann: Auf der einen Seite der unendlichen Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder werden Erwachsene mit gebrochenen Persönlichkeiten daraus, die am Rande der Gesellschaft leben und auf der anderen Seite psychisch völlig stabile Menschen. Hier ist nicht Intelligenz der massgebliche Faktor (1)   

Auch bei unserem bisherigen Wissen aufgrund von gesammelten Daten über Erfolge oder Misserfolge der Rückschulung der Händigkeit kristallisiert sich eindeutig heraus, dass jeder Mensch anders reagiert und der Erfolg bei einem Menschen sich nicht ohne weiteres auf andere Menschen übertragen lässt. Man muss sehr differenziert jede Rückschulung beobachten und beurteilen.  

Es kann z.B. nicht angehen, dass jemand, der von seiner eigenen gelungenen Rückschulung der Händigkeit spricht, sich zwar zum Schreiben auf die linke Hand zurückgeschult hat, aber dann hauptsächlich nur noch am Computer arbeitet, also beidhändig und sich handschriftlich kaum noch äussert. Wenn dieser Mensch in der angeblich gelungenen Rückschulungsphase und danach unter geringen intellektuellen Anforderungen steht, also wenig auf diesem Gebiet gefordert ist, dürfen seine Erfahrungen nicht als eine allgemein gültige Reaktionsweise genommen und auf andere unüberlegt, bzw. pauschal übertragen werden.  

Wenn diese Einzelerfahrungen dann anderen Menschen empfohlen werden, die viel handschriftlich und unter intellektueller Anspannung und beruflichem Stress schreiben müssen, so kann man das als einen unmissverständlichen Angriff auf deren Gesundheit bezeichnen.  

Leider muss festgestellt werden, dass es sich bei einer solch fahrlässigen Handlungsweise schon fast um Betrug handelt und dass hier sehr leichtfertig mit dem Schicksal anderer Menschen umgegangen wird.  

Vor einem solchen Handeln, auch wenn es noch so überzeugend klingt, möchten wir uns absolut distanzieren, vor ihm hilfesuchende Betroffene warnen und ausdrücklich darauf hinweisen, dass wir solche Initiativen nicht unterstützen.  
 
 
Definition der Rückschulung einer Händigkeit   
  
  
Rückschulung der Händigkeit bedeutet, dass man bestimmte Tätigkeiten, die von der nicht dominanten Hand alleine ausgeführt werden oder bei denen die nicht dominante Hand bisher die Führung hatte, auf die dominante Hand zurückschult.  

Dabei sind besonders zu berücksichtigen  
 

  • die Art der Tätigkeit  
  • eine gleichzeitige Verbindung mit anderen Tätigkeiten  
  • die Umstände, unter denen die Tätigkeit durchgeführt wird.  
Tätigkeiten können relativ einfach und als Bewegungsabläufe fest eingeübt und automatisiert sein. Z.B. schneiden viele Linkshänder mit der rechten Hand, ohne dass daraus schon die gefürchteten Umschulungsfolgen der Händigkeit entstünden. (2)   

Steht aber eine Tätigkeit, wie z.B. das Schreiben mit vielen anderen gleichzeitig durchgeführten Aktivitäten des Menschen in Verbindung, so kommt es bei vielen Betroffenen zu Störungen, die sich oft in bleibende Umschulungsfolgen umsetzen.  

Schreiben ist ein höchst komplexer Vorgang. Es ist nicht nur die Hand, die die nach aussen sichtbaren Buchstaben und Worte formt, sondern im Gehirn laufen gleichzeitig verschiedenste, direkt mit dem Schreibvorgang verbundene Vorgänge ab:  

  1. Überlegungen über Orthographie, Grammatik und Interpunktion.  
  2. Inhaltiche Überlegungen. Meist steht nicht nur die möglichst klare Formulierung des Gedanken im Vordergrund, sondern oft (in Schule, Ausbildung und Beruf) auch das zügige Abrufen von gelerntem Stoff, Wissen und daraus sich ergebende Schlussfolgerungen. Häufig tauchen auch Assoziationen auf, die Gedankengänge stören und überdecken können.  
  3. Emotionale Beteiligung. Ob wir wollen oder nicht, sind wir beim Schreiben mehr oder weniger immer gefühlsmäßig beteiligt. Wir können motiviert sein, wir können unter Berufsstress stehen, wir können uns aber auch ganz einfach plötzlich an Situationen erinnern, die mit dem Inhalt in direkter oder indirekter Verbindung stehen und die unser Denken so stark beschäftigen, dass wir völlig aus dem Konzept kommen. Im Extremfall sind das Erlebnisse oder Ängste, die emotional noch nicht verarbeitet und daher besonders belastend sind.  
Diese Faktoren wirken in unterschiedlicher Ausprägung während des Schreibens und belasten das Gehirn auf besonders mannigfaltige Weise.  

Dabei spielen auch die Umstände, unter welchen die Tätigkeit mit der Hand durchgeführt wird eine besonders wichtige Rolle. Muss jemand häufig unter Streß und mit hohen intellektuellen Anforderungen an das Ergebnis schreiben, so werden meist weit massivere Umschulungsfolgen auftreten, als wenn jemand ohne große Anstrengung sich regelmäßig einige Notizen macht. Diese trifft interessanterweise auch auf andere feinmotirisch anspruchsvolle Handlungen zu. In den folgenden Fallbeispielen geht es zunächst darum, zu zeigen, daß auch andere Tätigkeiten, die mit der nicht dominanten Hand durchgeführt werden, beziehungsweise bei denen die nicht dominante Hand die Führung übernimmt, Umschulungsfolgen der Händigkeit verursachen können. In diesem Zusammenhang sind Fallbeispiele und die Folgerungen daraus von grösster Wichtigkeit bei der Entscheidung für eine Rückschulung der Händigkeit und der Frage, welche Tätigkeiten alle auf die dominante Hand zurückgeschult werden sollten.  
 
 
  Fallbeispiel: Schlagzeug falsch herum gespielt
 

  
Die Geschichte der linkshändigen Corinna H. zeigt sehr überzeugend, wie belastend für sie das Schlagzeug spielen mit der nicht dominanten rechten Führungshand an der Musikhochschule geworden ist. Sie schreibt seit Kindheit immer links und hatte im Alter von etwa 14 Jahren mit dem Schlagzeugspielen in der städtischen Musikschule begonnen. Die rechte Hand wurde als Führungshand eingesetzt. Nach dem Abitur begann sie eine Ausbildung als Schlagzeugspielerin und übte weit mehr und intensiver als je zuvor. Und nun kam es bei ihr sehr schnell zu einem psychischen und physischen Zusammenbruch, für den die Fachleute zunächst keine Erklärung hatten. Das ging so weit, dass sie richtiggehend erkrankte und auch allen Lebensmut verlor und keinen Sinn mehr in ihrem Leben sah. Allmählich wurde aber deutlich, dass die so ungewohnt starke und zeitlich ausgedehnte Belastung der nicht dominanten Hand bei gleichzeitigen intellektuellen Leistungsanforderungen (Notenlesen, Kompositions- und Variationsinterpretationen und vor allem das Zusammenspiel mit anderen) die dem praktischen Spielen und Üben des Schlagzeugs, verbunden mit den intellektuellen Anforderungen des allgemeinen Studiums zu diesem Zusammenbruch geführt haben könnten.  

Corinna H. schulte sich dann mühsam zurück und machte ihre linke Hand zur Führungshand beim Schlagzeugspielen.  

Nach zwei bis drei Jahren hat sie ihr vorheriges Leistungsniveau wieder erlangt. Psychisch und physisch hat sie sich relativ schnell erholt.  

Fazit: Hier zeigt sich sehr eindeutig, wie unter bestimmten Umständen auch andere Tätigkeiten als nur das Schreiben zu Umschulungsfolgen der Händigkeit führen können, wenn sie zeitlich sehr intensiv und in der Ausführung anspruchsvoll praktiziert werden. Falls bei so einem Menschen dazu noch leichte zerebrale Irritationen kommen, die zwar wegen dem richtigen Handgebrauch in der Schule nicht auffielen und nicht zur Belastung wurden, kann so eine „Umschulung" noch negativ verstärkt werden. Möglicherweise werden dann im Gehirn Strukturen, die sich von den leichten zerebralen Irritationen schon lange regeneriert haben, aber als empfindliche Stelle noch vorhanden sind, plötzlich wieder negativ aktiv und belasten - vergleichbar mit einer wieder aufgebrochenen alten Wunde - den Betroffenen völlig unerwartet. Vornehmlich betrifft das wohl Gehirnablaufsprozesse.  

Ein anderes Beispiel dafür, dass nicht nur das Schreiben mit der nicht dominanten Hand zu Umschulungsfolgen führt, kommt aus dem Berufsfeld des Zahntechnikers. Bei diesem Beruf sind bei bestimmten Materialien verschiedene Abläufe richtunggebunden:  
 

  1. Die Drehrichtung der Bohr- und Schleifmaschine ist so angelegt, dass sich bei rechtshändigem Gebrauch der Schleifkolben vom Techniker wegdreht. Wird das Gerät nun in der linken Hand gehalten, dreht sich der Kolben auf den Arbeitenden zu und die abgeschliffenen Teilchen und der Staub wirbeln ihm entgegen.  
  2. Bestimmte Materialien für Prothesen und Modelle haben eine Faserrichtung, die so verläuft, dass man bei rechtshändigem Gebrauch nicht gegen die Fasern arbeitet. Bei linkshändigem Gebrauch geschieht aber gerade das.  
 
 
Fallbericht: Die Katastrophe bei der Ausbildung zum Zahntechniker
Der linkshändige Herr M. (er war nicht umgeschult zum Schreiben) begann nach seiner Schulausbildung eine Zahntechnikerlehre. Sein Chef bot ihm sofort an, Bohrer und Schleifgeräte speziell für ihn „umgekehrt herum" zu beschaffen, so dass er als Linkshänder problemlos arbeiten könnte. Aber Herr M. schämte sich für so viel Aufmerksamkeit, wollte keine Umstände machen und lehnte ab. Er begann mit der völlig ungeübten rechten Hand zu arbeiten, was ihm ziemliche Schwierigkeiten bereitete. Er aber biss die eigenen Zähne zusammen und fing sogar an, um seine rechte Hand besser zu üben, rechts zu schreiben. Er lebte noch bei seinen Eltern und der Mutter fiel auf, wie sich seine Persönlichkeit allmählich veränderte. Er wurde immer eigenartiger, fühlte sich zunehmend verfolgt, begann religiöse Wahnvorstellungen zu entwickeln und misstraute den ihm an sich nächsten Menschen immer mehr. Schliesslich musste er zu einem Psychiater und bekam Medikamente. Seine Leistungen in der Ausbildung verschlechterten sich und die Mutter beobachtete, dass er immer fahriger, abwesender und unkonzentrierter wurde.  

Eines Tages hatte er eine Reifenpanne auf der Autobahn und war beim Reifenwechsel etwas unvorsichtig, vielleicht auch so fahrig und ungeschickt wie zunehmend immer mehr, dass ihn ein Auto erfasste und ihm die Füsse abtrennte. Sein Glück war, dass er schnell ins Krankenhaus kam und gerettet wurde.  

Die verzweifelten Eltern besuchten ihn dort und stellten überrascht fest, dass die Wahnfantasien verschwunden waren.  

Fazit: Offensichtlich hat die Überbelastung der nicht dominanten rechten Hand bei der überwiegend feinmotorisch und auf grösste Genauigkeit bei der kleinteiligen Bearbeitung von Zahnersatzteilen ausgerichteten Berufsausbildung zu massiven ungewollten Belastungen im Gehirn von Herrn M. geführt und so Folgen wie bei einer Umschulung der Händigkeit zum Schreiben hervorgerufen, die er durch seine rechtshändigen Schreibübungen noch verstärkt hat. Das Auftreten von Wahnvorstellungen aus dem psychotischen Bereich ist nicht als primäre sondern als sekundäre Folge dieser Umschulung der Händigkeit zu interpretieren. Vermutlich lag eine Disposition dazu in der Familie vor. Es ist bekannt, dass psychotische Erscheinungen durch einen Schock beeinflussbar sein können (was man sich früher durch die in der Psychiatrie angewandten Elektroschocks zu nutzen zu machen versuchte, um diese -heilende- Wirkung zu erzielen). In dem genannten Fall könnte der furchtbare Unfall auf der Autobahn so einen Schock verursacht haben, der die Psychose abgebaut hat.  
 
  Fallbericht: Auf Rechtshänder normierte Briefeinsortierung bei Postbeamten 
 
Frau F. wendete sich verzweifelt an die Beratungsstelle für Linkshänder in München. Sie war Postbeamtin und durch Mobbing am Arbeitsplatz von Bürotätigkeit in die Briefträgerabteilung versetzt worden. Sie war Linkshänderin und schrieb auch links.  

Auf das Sortieren der Briefe reagierte Frau F. mit zuvor nicht gekannten Konzentrationsausfällen und massiven Erschöpfungszuständen. Nur nebenbei beschwerte sie sich darüber, dass sie sich ziemlich oft an dem für rechtshändigen Gebrauch ausgerichteten Wagen, in dem sie die Postsendungen ausfuhr, die Finger einklemmte und quetschte. Schwierigkeiten bereiteten ihr das Sortieren der Post , die sie dann auszutragen hatte und die Auslese von Sendungen, die sie anderen Mitarbeitern ins Fach legen musste. Die Arbeit des Briefträgers beginnt früh morgens, wenn er die vorsortierte Post für seinen Bezirk bekommt und nach Strassen und Hausnummern getrennt in beschriftete schmale Fächer ablegen muss. Der Rechtshänder hält dann normalerweise links einen Stapel Post, ergreift mit der rechten Hand den Brief, liest die Adresse und sortiert den Brief in das jeweilige Fach. Dabei ist wichtig, dass die Adressenausrichtung im Fach richtig ist, so dass  die Adresse nicht auf dem Kopf steht oder nicht alle Briefe in die gleiche Richtung einsortiert sind. Dann gibt es noch Sendungen, die in Fächer für andere Mitarbeiter gelegt werden müssen. Alles muss sehr schnell gehen, denn durch Langsamkeit verursachte längere Arbeitszeit wird nicht in Überstunden ausgeglichen. Wenn wenig Post ist, hat der Briefträger früher Feierabend, wenn viel Post da ist, eben später. Ein langsames Sortieren verursacht immer eine längere Arbeitszeit, die dann Sache des einzelnen Briefträgers ist, sich aber auch auf andere Mitarbeiter negativ auswirken kann.  

Frau F. wurde das Briefsortieren auf die für Rechtshänder typische Art gezeigt. Das führte dazu, dass sie mit der ungeübten rechten Hand alle Post in die Fächer sortieren musste. Sie nahm den einzelnen Brief also in die rechte Hand, las die Adresse und legte ihn in das entsprechende Fach. Die ganze Sache lief unter grossem Stress und Druck für sie ab. Die rechte Hand wurde für eine Tätigkeit herangezogen in Verbindung mit dem Lesen der Adresse, die Frau F. nicht gewohnt war und sie stand bald am Rande ihrer physischen und psychischen Leistungsfähigkeit. Da man aber versuchte, sie als Beamtin zur Kündigung zu bewegen, nahm sie alle Kräfte zusammen und versuchte äusserst korrekt ihre Aufgaben zu erfüllen.  

Wir holten uns Informationen von einer Linkshänderin, die im Münchner Bereich Briefe austrug. Der Arbeitsplatz zum Sortieren der Briefe war bei ihr ebenso angeordnet wie bei Frau F. Aber sie hatte ihren eigenen Weg gefunden, linkshändig und schnell ihre Briefe zu sortieren. Sie setzte sich über die vorgegebene Richtung, wie die Briefe in die Fächer gelegt werden sollten, hinweg, nahm den Briefpacken in die rechte Hand und legte mit links einfach die Briefe ab. Jetzt standen die Briefe zwar umgekehrt in den Fächern, aber sie nahm sie so wieder heraus, dass sie in der richtigen Reihenfolge ihrer Strasse in der Tasche zu liegen kamen. Einzig mit den für andere abzulegenden Briefen kam es manchmal zu Irritationen, denn sie legte sie auch umgekehrt ab und die Mitarbeiter schimpften in freundlichem Ton über die Linkshänderin, die den gewohnten Arbeitsablauf etwas störte. Aber niemand machte daraus ein Drama.  

Fazit: Die linkshändige Frau F. hat überkorrekt versucht, sich an für Rechtshänder orientierte Abläufe anzupassen. Der Zeitdruck und die Tatsache, dass es nicht nur ums Einsortieren sondern auch um den Vorgang des Lesens der Adressen ging, führten wohl zu ersten Manifestationen einer Umschulung der Händigkeit. Hätte sie von Anfang an ihrer Händigkeit entsprechend die Abläufe des Einsortierens vorgenommen und so den Handlungsablauf automatisiert, wäre es sicher nicht zu solchen Schwierigkeiten gekommen. Aber sie wollte übergenau sein und hat die Gefahren weder gekannt noch einschätzen können.  
 
  Schlussfolgerung 
 
 

Umschulungsfolgen der Händigkeit sind also nicht nur beim Schreiben mit der nicht dominanten Hand zu erwarten, sondern auch bei anderen Tätigkeiten, die vor allem unter Stress, Leistungsdruck und mit feinmotorischen Anforderungen auf einem hohen Niveau durchgeführt werden müssen. Wenn es dann noch zum gleichzeitigen Verarbeiten von Schriftzeichen oder auch Noten kommt, die ja auch oft noch mit Text verbunden sind, wird die Wahrscheinlichkeit einer Überbelastung des Gehirns und die Gefahr von Umschulungsfolgen umso grösser.  

Die vorausgehenden Überlegungen und Fallbeispiele sind sehr wichtig, um sich Klarheit über die Frage zu verschaffen, welche Tätigkeiten bei umgeschulter Linkshändigkeit notwendig sind zurückzuschulen und welche Tätigkeiten ohne Gefahr von negativen Konsequenzen weiter mit der nicht dominanten Hand ausgeführt werden können oder sogar müssen.  

Fortsetzung in    
Left Hand Corner Nr. 07 04-1999 16.4.99 :   

Welche Tätigkeiten sollten rückgeschult   
werden ?   

Hinweise zum Vorgehen bei einer Rückschulung der Händigkeit   

Was sind Kriterien für eine gelungene Rückschulung ?   

Mögliche Veränderungen durch eine Rückschulung der Händigkeit   
   

Fussnoten:  
1) Lösel, Friedrich, T. "Bliesener, Resilience in adolescense: A study on the generalizability of protective factors". In: K.Hurrelmann, F.Lösel (Eds.), Health hazards in adolescense (pp.299-320). De Gruyter, Berlin, 1990.  
Nuber, Ursula, Der Mythos vom frühen Trauma. Über Macht und Einfluss der Kindheit. S.Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 1995. Besonders Kapitel III: Das neue Bild der Kindheit. Frühe Erfahrungen müssen nicht Schicksal sein, S.74ff  

2) Genaueres zu Umschulungsfolgen siehe:   
Sattler, Johanna Barbara, Der umgeschulte Linkshänder oder der Knoten im Gehirn. Auer Verlag, Donauwörth 1995, 1998 (4). Kapitel 2.