Erstveröffentlichung dieses Artikels in LEFT HAND CORNER  Nr.8 07-1999 Seiten 16-21: 
 
Zur Bedeutsamkeit einer Händigkeitsdiagnostik für die berufliche Praxis
aus der Sicht der Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder, München  : 
Dr. Johanna Barbara Sattler, Dr. Ivo-Kurt Cizek, Dipl.-Psych. , M.A. (Soz.) PRO und CONTRA einer Händigkeitsdiagnostik für die berufliche Praxis. 

Eine Händigkeitsdiagnostik in der beruflichen Praxis kann nur dann sinnvoll sein, wenn die daraus gewonnenen Ergebnisse zu folgenden Zielen verwendet werden:  

  1. größere Chancengleichheit am Arbeitsplatz für Linkshänder (Rechtshänder sind zum heutigen Zeitpunkt nicht explizit zu erwähnen, da sie bisher im Allgemeinen sowieso der Maßstab waren, nach dem ergonomische Überlegungen getroffen wurden). 
  2. Daraus ergibt sich 

  3. eine bessere Konkurrenzfähigkeit für Linkshänder. 
  4. Verhinderung von Fehlhandlungen und Arbeitsunfällen, die auf nicht linkshandgerechte Anordnungen, Abläufe, Gebrauchsgegenstände und Maschinen zurückzuführen sind, bzw. durch diese begünstigt werden.
  5. Verhinderungen von körperlichen Folgeerscheinungen, wie z.B. Haltungsschäden durch eine andauernde schlechte Körperhaltung, die sich aus für linkshändig präferiertes Hantieren ungünstigen Arbeitsabläufen ergibt.
  6. Verhinderung von negativen Folgeerscheinungen durch Arbeitsabläufe und ungünstige Belastungen, die denen einer Umschulung von der dominanten auf die nicht dominante Hand ähnlich sind und sowohl bei nicht umgeschulten Linkshändern hervorgerufen als auch bei umgeschulten Linkshändern noch vertieft werden können (s. Fallbericht "Auf Rechtshänder normierte Briefsortierung bei Postbeamten" in Left Hand Corner Nr. 6-1999, S. 10-20). 
Ziel einer Händigkeitsdiagnostik in der beruflichen Praxis darf es aber unter gar keinen Umständen sein, daß Linkshänder oder umgeschulte Linkshänder aus Arbeitsprozessen heraus selektiert werden, weil man gerade die in den Punkten 3 und 4 angesprochenen möglichen Folgen wie Fehlhandlungen, Zeitverlust durch Umgreifen oder chronische Schäden durch langjährige falsche Körperhaltungen oder Arbeitsunfälle fürchtet. 

Ebenso schlimm oder noch negativer  wäre der Versuch, aufgrund von voreiligen Schlüssen (pauschalisiert angegebene größere Gefahr von Arbeitsunfällen) und statistischen Fehlern, z.B. die angebliche frühere Sterblichkeit von Linkshändern* , Linkshänder in Kranken- und Lebensversicherungen als Risikogruppe zu behandeln (wir haben beides bereits im Ansatz erlebt).  

Ein weiteres Phänomen, an dem sich PRO und CONTRA einer Händigkeitsdiagnostik für die berufliche Praxis sehr krass beleuchten lässt, ist die Neigung vieler Linkshänder, eher besser erst allein produktiv zu arbeiten und dann ihre Arbeit in die Gruppe einzubringen. 
 
Die heute in Arbeitsplatzausschreibungen oft geforderte Fähigkeit und Freude im Team, in der Gruppe, arbeiten zu können, birgt hier die Gefahr von folgenschweren Fehlerwartungen und einem unproduktiven Zwang.  
 
Zusätzlich soll der Bewerber und spätere Mitarbeiter ja auch noch innovative Ideen entwickeln. Beides gleichzeitig ist anscheinend bei vielen hervorragenden Mitarbeitern meist nicht in gleicher Mischung vorhanden.  

Eine Händigkeitsdiagnostik könnte hier im positiven Falle helfen, unsinnige Anforderungen an einen lieber allein arbeitenden Menschen zu verhindern. Im negativen Fall kann die Händigkeitsdiagnostik aber auch sehr missbräuchlich angewandt werden. Sie ist in gewisser Weise weit leichter durchführbar als z.B. das "Herrmann-Brain-Dominance-Model", birgt in sich aber größere Gefahren, die von der Händigkeit als eher unabhängig zu betrachtenden Eigenschaften, Begabungen, Charakter, Intelligenz und Gedächtnisfähigkeit eines Mitarbeiters außer acht zu lassen.  
 

Voraussetzungen für eine nützliche Händigkeitsdiagnostik in der beruflichen Praxis 
Wir haben heute eine Situation, dass die Aufklärung über Händigkeit und Folgen der Umschulung der Händigkeit in den Grundschulen, also im pädagogischen Bereich durchaus Fortschritte gemacht hat.  

Trotz aller Bemühungen haben wir es aber noch nicht geschafft, dass ein großer Anteil der Lehrer den linkshändigen Kindern eine lockere Schreibhaltung zeigen kann und dies zum Teil sogar überhaupt nicht für notwendig hält.  

Linkshändige Kinder werden bei dem Suchen einer guten Schreibhaltung im Kampf gegen das Verwischen der Tinte noch oft sich selbst überlassen.  

In Unterrichtsfächern wie Textilarbeiten und Werken wird noch weniger auf Linkshänder eingegangen.  

Sport, insbesondere Geräteturnen und der Umgang mit bestimmten Sportgeräten ist wenig untersucht und noch viel weniger werden Ergebnisse konsequent in den Unterricht umgesetzt.  

So stehen wir heute vor einer Situation, dass 

  1. Linkshänder sich eigene Haltungen, Handlungsabläufe und eigene Handhabungen von Gebrauchsgegenständen aneignen müssen, die oft in Ablauf, Körperhaltung und Geschwindigkeit nicht optimal sind, sondern zu Verkrampfungen führen können, zu unnötigen Umständlichkeiten, sowie zu Zeitverlust, was alles die Chancengleichheit in der Konkurrenzsituation in der Schule und am Arbeitsplatz negativ beeinflussen kann.
  2. Linkshänder automatisieren oft in individueller Art bestimmte Handlungsabläufe, die zwar für sie dann umständlicher sind, aber mit denen in der Praxis viele recht und schlecht durchkommen. Meist sind sie sich dessen gar nicht bewusst, sondern bemerken das erst dann, wenn sie einen für sie ergonomisch günstigeren Gegenstand in der Hand haben und damit nicht zurecht kommen. Sie halten diesen, eigentlich ihrer Händigkeit besser angepassten Gegenstand für nicht benutzbar und entscheiden sich, den gewohnten, wegen inzwischen fest eingeübten und in Gehirnabläufen verankerten Automatismen leichter zu handhabenden (rechtshand-bestimmten) Gegenstand weiter zu benutzen. Durch diese Reaktionen werden die Rechtshänder aber wieder irritiert, übersehen, dass automatisierte Handlungsabläufe nicht einfach umgestellt werden können und ziehen den falschen Schluss daraus, dass Linkshänder die linkshandgerechten Gegenstände überhaupt nicht bräuchten. 
  3. Nicht umgeschulte erwachsene Linkshänder sind oft weit selbstbewusster und akzeptieren, wenn sie es sich "leisten können", die neuen, für Rechtshänder konstruierten Gebrauchsgegenstände und fordern ihnen Chancengleichheit gewährende Geräte zur Verfügung zu stellen (z.B. Schieblehre in technischen Berufen - Beispiele sind uns bekannt). 
Schlußfolgerung
Um eine Händigkeitsdiagnostik für die berufliche Praxis sinnvoll und effizient zu machen, soll beachtet werden, dass  
  1. entsprechende linkshandgerechte Gebrauchsgegenstände, Geräte und Maschinen vorhanden sein müssen; 
  2. diese nur dann sinnvoll sind, wenn noch keine Automatismen an nicht linkshandgerechten Gebrauchsgegenständen, Geräten und Maschinen aufgebaut wurden. 
Bevor wir über Inhalte der Punkte 1 und 2 überhaupt nachdenken können, muss eine Basisaufklärung geschehen und verständliches Infomaterial zu Geräten, Maschinen und Handlungsabläufen den Betrieben bzw. den Verantwortlichen für Arbeitsplatzgestaltung zur Verfügung gestellt bzw. zugänglich gemacht werden. 

Letzteres setzt wieder eine breitere Forschung und vor allem eine breitere, aufklärende Diskussion in der Öffentlichkeit und auch eine Schulung der Verantwortlichen voraus.  

Diese Aufklärungs- und Schulungsarbeit wird aber an viele alte Vorurteile stoßen vor allem aus dem tradierten, oft fast mythischen Bereich.  

Weiter werden sich berufserfahrene, erfolgreich (gegen ihre Natur) hantierende Linkshänder und umgeschulte Linkshänder mit folgender Aussage zu Wort melden, dass sie keine Probleme mit den aus ergonomischen Gesichtspunkten zwar für sie ungünstigeren Geräten und Abläufen hätten, sondern im Gegenteil, dass sie gerade mit zur Linkshänderanwendung ergonomisch angemesseneren Geräten nicht zurecht kämen und sie werden dadurch für große Irritationen sorgen. 

Das bedeutet, wir müssen zwischen den linkshändigen Menschen unterscheiden, die ungünstige Handlungsabläufe mühevoll automatisiert und für sich akzeptabel gemacht haben und den Linkshändern, die alle Abläufe neu erlernen und die vor allem diese ergonomisch für ihre Händigkeit günstigeren Geräte ohne vorheriges "Verlernen von Automatismen" benutzen können.  

Hier ist neben ergonomischer Forschung viel Aufklärungsarbeit mit Einfühlungsvermögen für beide diametral unterschiedlichen Linkshändergruppen notwendig und eine Bewusstmachung in der Bevölkerung an den entsprechenden amtlichen Stellen, die mit Unfallprävention, Arbeitsmedizin, Entwicklung von ergonomischen Hinweisen für Geräte und Maschinen beschäftigt sind, äußerst notwendig.  

Aus unserer über 15jährigen wissenschaftlichen und gleichzeitig stark auf die Praxis bezogenen Arbeit wissen wir, was für einen mühsamen Weg gerade die Bewusstmachung der Problembereiche in Handlungsabläufen bedeutet und dass dies nicht nur "von oben herab" gemacht werden kann, sondern auf allen Ebenen erarbeitet werden muss.  

Dazu gehören auch Berufsschulen und Lehrpläne und es ist notwendig, immer wieder eine größere Toleranz und das Bewusstsein, dass es so etwas wie einen Linkshänder überhaupt gibt, zu pflegen.  

Letztendlich sollten aber bei vielen Geräten, Maschinen und Anordnungen auch Lösungsmöglichkeiten überdacht werden, die sowohl einen gleich günstigen Gebrauch für Linkshänder als auch für Rechtshänder ermöglichen.  

Bei vielen Geräten wird es sicher im Laufe der Zeit zu einer "beidhändig" gleich guten Zugänglichkeit und Benutzbarkeit kommen.  

Fußnote:  

* Sattler, J. Barbara, ""Sterben Linkshänder früher ? Auseinandersetzung mit einer wissenschaftlichen Studie". In: Das linkshändige Kind in der Grundschule. Herausgegeben vom Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung. Vertrieb Auer Verlag Donauwörth 1993, 1998 (8), S. 111-116

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