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Aus der Schule geplaudert II  
Linksschreibreform 

(Dieser Artikel ist erschienen in LHC-03 04-1998, Seiten 13-21)

Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 22.9.97 :
„Entscheidend ist der Entwicklungsstand des Kindes“ von Heike Schmoll . Im Untertitel „Unsicher über die Einschulung“.

Es geht in diesem FAZ-Artikel um vorgezogene Einschulung geeigneter Kin-
der, was hier nicht unser Thema ist. Aufgrund der Brisanz für linkshändige Kinder zitieren wir aber einen Absatz, welchen wir gar nicht fett genug unterstreichen können, da er die Ergebnisse der weiter unten zitierten Forschungsarbeiten von Margot Haase aus Neubrandenburg (1997) und Ahmed Swelam aus Ägypten (1989) in ihrer Wichtigkeit einmal mehr bestätigt. Die FAZ:

„.....  . Denn Kinder müssten nicht schulgeeignet gemacht werden, sondern die Schule kindgerecht, sagt Kultusministerin Schavan (CDU) und erklärt die Grundschule zur wichtigsten Schulform. Dem Anfangsunterricht komme eine Schlüsselstellung zu. Was hier „versäumt (Anm.: oder angerichtet) werde, beeinträchtige die gesamte Schulzeit.“
(ergo: Lebenszeit nach dem fröhlichen Wahlspruch: Non scholae, sed vitae discimus= Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.)

Wie wahr, wie wahr Frau Schavan spricht. Um so mehr wundert und beunruhigt die Tatsache, dass in den uns nun schon seit Jahren begleitenden Pressemitteilungen bezüglich des grotesken Themas Rechtschreibreform soweit hier bekannt, noch kein einziges, wenigstens klitzekleines Wörtchen zur Linkshändigkeit verloren wurde, obwohl jetzt doch die beste Gelegenheit wäre, auch eine Linkschreibreform durchzuziehen. Hat damit nichts zu tun ? Aber ja doch ! Alle, die sich das Recht herausnehmen, bzw. zu ihrer Pflicht erklären, für ein zutiefst menschliches Allgemeingut wie Schrift und Sprache Regeln aufzustellen, haben sich gefälligst grundsätzlich und ganz automatisch auch mit Linkshändigkeit zu beschäftigen ! Klar ?! Sicherlich dürfen wir getrost davon ausgehen, dass in den dauerberatenden Gremien wieder einmal eindeutig zu viele "Rechtshänder" das Sagen haben. Aber wir schmeissen die Flinte nicht ins Korn, das wird schon noch werden. Ergänzend zu den Bemerkungen in LHC-1 „Ein bisschen aus der Schule geplaudert“ bestehen in den Köpfen der Linkshirner zwei grundsätzliche IRRTÜMER

1)  Die Schriftrichtung von links nach rechts begünstigt den Gebrauch der 
     rechten Hand.

2) Wo nicht mehr umgeschult wird, lernen linkshändige Kinder immer die richtige 
    Schreibhaltung 
 

Zu Irrtum Nr.1) 
Schriftrichtung

Daraus folgerten und folgern noch immer viele rechts- und sogar linkshändige Eltern und Lehrer, es sei sinnvoll und für den Schreiblehrling hilfreich, ihn auf das Schreiben mit rechts mit mehr oder weniger sanften Hinweisen zu biegen und zu brechen (breaking). 

Was aber tun Rechtshänder, die eine linksläufige Schrift (arabisch, hebräisch, etc.) verwenden ? Empfehlen sie das Schreiben mit der linken Hand ? Argumentieren sie, wie ihre rechtshändigen Nachbarn hierzulande und schreiben deshalb alle links ?

In der Veröffentlichung „Linkshändigkeit / Interkulturelle Vergleiche“ des Ägypters Ahmed Swelam (Verlag für Psychologie Dr. C.J. Hogrefe, Göttingen 1989) wurde dieser Umstand näher untersucht. Herr Swelam stellt fest, dass „die Handschrift eine durch die Kultur geprägte Äusserung darstellt“. Somit sei das Schreiben eine erlernte Fähigkeit, die sowohl von der zerebralen Dominanz (also der Dominanz der Gehirnhälften), als auch von der Übungsintensität abhängt. Daraus folgert Herr Swelam :

„ .. dass, ob man von links nach rechts (z.B. griechisch, deutsch, englisch) oder umgekehrt (z.B. arabisch, hebräisch, persisch) schreibt, dies im Grunde
weder mit Bewegungskonformität noch mit Händigkeitsdetermination zu tun hat. Wichtig dabei ist, dass mit Beginn des Schreiblernprozesses die bewusste erzieherische und pädagogische Betreuung zur korrekten Haltung des Körpers bzw. der Schreibhand zu Hause und in der Schule, sowie auch die richtige Lage des Schreibblattes vom Schreiber beachtet werden muss.“

Diese Folgerung, für einen Linkshänder leicht nachvollzieh- und einsehbar, 
scheint den meisten Kultus-Personen hierzulande nicht bekannt zu sein, obwohl dieser Text bereits seit neun Jahren verfügbar ist (wohlgemerkt: in Deutsch, nicht in Arabisch) oder aber er ist bekannt und findet nicht die ihm gebührende Beachtung.
In unserer Multikulti-Gesellschaft dürfte es nicht schwerfallen, da oder dort jemanden ausfindig zu machen, der einer der genannten linksläufigen 
Schriftsprachen mächtig ist. Staunend können wir dann beobachten, mit welcher Leichtigkeit diese Schrift, von einem Rechtshänder geschrieben, aufs Papier fliesst. Völlig unverkrampft, nicht in der „Hakenhaltung“, sondern dem natürlichen, ergonomisch sinnvollen Ablauf entsprechend.

Arabische Schriftprobe: Kitabed aliad al jusra
Herr Adam Abudalib aus Algerien und einige andere Herren aus dem arabischen Sprachraum waren so freundlich, mir eine Kostprobe ihrer Schreibkunst zu demonstrieren. Schreibmaschinen- und Computer-Tastaturen seien in Algerien, wie international üblich ausgelegt, also A S D F etc. von links nach rechts. Der Cursor, bzw. der „Wagen“ sind allerdings linksläufig. Herrn Abudalibs Bruder sei durch einen Unfall gezwungen, mit der linken Hand zu schreiben, was ihm keine Probleme bereite.

Wie lauthals, teilweise sogar nahezu poetisch, der Irrtum „Schriftrichtung“ verkündet wird, zeigen folgende Zitate aus teilweise noch gültigen Lehrplänen einiger Bundesländer (aus „Der umgeschulte Linkshänder“ von Dr. Johanna Barbara Sattler, 1995) : 

Berlin und Brandenburg : 
„Unsere rechtsläufige Schrift kann von einem rechtshändigen Kind problemloser gelernt werden als von einem linkshändigen.“

Hamburg: 
„Unsere Schrift, die auf die rechte Schreibhand ausgelegt ist, erlaubt dem rechts Schreibenden, einer für die rechte Hand günstigen Bewegungstendenz zu folgen: von links nach rechts zu schreiben. Der Linkshänder dagegen ist gezwungen, Schreibzüge auszuführen, die der sich anbietenden Bewegungsrichtung seiner linken Hand, von rechts nach links zu schreiben, zuwiderlaufen. Ausserdem muss er durch eine besondere Haltung der Schreibhand verhindern, dass der Schriftzug verdeckt oder verwischt wird. Dadurch wird der Linkshänder erheblich belastet.“

Rheinland-Pfalz: 
„Da unsere Lese- und Schriftsprache von links nach rechts angelegt ist, wirft das Schreiben für linkshändige Kinder besondere Probleme auf. Im Gegensatz zum Rechtshänder können sie das Schreibgerät beim Schreiben nicht von links nach rechts ziehen, vielmehr sind sie genötigt, es zu stossen und damit der natürlichen Bewegungsrichtung der linken Hand entgegenzuarbeiten. Erschwerend tritt hinzu, dass die Schreibhand das Geschriebene leicht verdeckt (ggf. verwischt) und damit die rasche Lesekontrolle behindert.“

Saarland: 
„Der Bewegungsablauf unserer Schrift (vor allem der verbundenen Schrift) ist auf die Rechtshändigkeit abgestimmt.“

Und so weiter, und so weiter. Sehr aufschlussreich zeigen diese wenigen Zitate, 
wie ein Irrtum sprachlich doch recht blumig und einfallsreich formuliert werden kann. Sätze wie aus Granit. Doch leider falsch. 

Um nochmals deutlich zu machen, wie sehr sich solcherlei Irrtümer quer über den ganzen Globus ziehen, hier einige Ergebnisse aus Herrn Swelams Untersuchung:

Unter anderen galt es, folgende Hypothese zu überprüfen:
„..... .
? Die Schriftrichtung (von links nach rechts oder umgekehrt) ist weder für die Bewegungskonformität noch für die Händigkeitsdetermination von Bedeutung.
........ „

Befragte Personen: 

Schüler zwischen 6 und 9 Jahren       430 Ägypter        360 Deutsche

Lehrer                                                57 Ägypter          22 Deutsche

Eltern                                               455 Ägypter        153 Deutsche

Im Zusammenhang „Schriftrichtung“ interessieren hier nur die vier letzt genannten Fragen 24) bis 27) zur (arabischen) Schrift, die leider nicht sinngemäss auch den deutschen Lehrern gestellt wurden.  Die Antworten zur Einstellung gegenüber Linkshändern und -händigkeit, insbesondere der ägyptischen Lehrer, zeigen in erschreckender Weise, dass der durch die Rechtshänder künstlich erzeugte Linkshänder-Notstand ein Problem ist, welches an keiner Landesgrenze halt macht. (Bitte diese Aussage nicht fremdenfeindlich zu verstehen !) Hier ein Auszug aus der Befragung mit einigen Fragebeispielen zur Linkshändigkeit allgemein:

LEHRERFRAGEBOGEN (Auszug)

13. Der Lehrer kann die Händigkeit eines Schülers durch Erziehung stark 
      beeinflussen
Antwort ägypt.Lehrer   Antwort dt. Lehrer
 JA       NEIN                 JA         NEIN
 %          %                    %          %
 65        35                   45           55

17. Wenn ein Schüler nur richtig übt, kann er in jedem Fall rechts schrei-
       ben lernen 
Antwort ägypt.Lehrer   Antwort dt. Lehrer
 JA        NEIN                JA         NEIN
 %            %                   %          %
75           25                  45            55

20. (eine von 5 Teilfragen) 
     e) Der Faktor „Berufschancen“ beeinflusst die bevorzugte
        Verwendung der rechten Hand 
Antwort ägypt.Lehrer   Antwort dt. Lehrer
 JA         NEIN               JA         NEIN
 %            %                    %          %
59           41                   45           55

23. Es ist Aufgabe der Lehrer, den Schüler anzuhalten, immer mit
      der rechten Hand zu schreiben 
Antwort ägypt.Lehrer   Antwort dt. Lehrer
 JA        NEIN               JA         NEIN
 %          %                     %          %
83         17                     0         100
 
24. Die arabische Schrift (von rechts nach links) ist ein Ver-
      ursachungsprinzip von weniger Linkshändern 
Antwort ägypt.Lehrer 
 JA     NEIN 
 %      % 
65      35

25. Die arabische Schrift ist leichter für Rechtshänder 
Antwort ägypt.Lehrer 
 JA     NEIN 
 %      % 
86     14

26. Die arabische Schrift ist leichter für Linkshänder 
 Antwort ägypt.Lehrer 
 JA    NEIN 
 %     % 
26     74

27. Die arabische Schrift begünstigt Rechts- wie Linkshänder
Antwort ägypt.Lehrer 
 JA    NEIN 
 %     % 
 61    39

Die Antworten der deutschen Lehrer auf z.B. Frage Nr. 23 zeigen, 
„dass in Deutschland offenbar der Einfluss einer aufklärenden Pädagogik und Psychologie wirksam wurde gegenüber mangelnden Fachkenntnissen zur Linkshändigkeit bei den befragten ägyptischen Lehrern.“

Allerdings lassen die oben zitierten Formulierungen in den deutschen Lehrplänen bezüglich Schriftrichtung die Vermutung zu, dass die Fragen 24) bis 27) von deutschen Lehrern ähnlich ihren ägyptischen Kollegen beantwortet würden, fragte man sie nach den Vor- und Nachteilen der deutschen/“lateinischen“ (rechtsläufigen) Schreibschrift.

Und damit lägen sie genau wie die Ägypter insgesamt ziemlich schief. Dr. Swelam: 

„In Bezug auf den Zusammenhang von Schriftrichtung und Händigkeitsverteilung sprechen die Ergebnisse dieser Arbeit gegen die Behauptung von KIRCHERT (1979), dass es in den arabischen Ländern ‘ einen weit höheren Linkshänderanteil’ gebe als in der Bundesrepublik aufgrund der Schreibweise von rechts nach links.

GENAU DAS GEGENTEIL IST DER FALL !!

In der Bundesrepublik lassen sich doppelt so viele linkshändige Kinder finden, wie in Ägypten.“ (Ca. 10 % Deutschland, 5 % Ägypten)

Damit dürfte klar sein, dass die oben erwähnte Hypothese sich als richtig erwiesen hat.

Literatur:
„Linkshändigkeit / Interkulturelle Vergleiche“ , Ahmed Swelam, Verlag für Psychologie Dr. C.J. Hogrefe, Göttingen 1989

„Der umgeschulte Linkshänder“,  Johanna Barbara Sattler, Auer Verlag, Donauwörth, 1995
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Nun zum Irrtum Nr.2)
Wo nicht mehr umgeschult wird, lernen linkshändige Kinder immer die richtige Schreibhaltung 

Westd.Zeitung1998
Der ungenügende Informationsstand vieler Eltern und Lehrer zum Thema wird für den deutschen Sprach- und Kulturbereich in Form einer „Stichprobe“ bestätigt durch die Ergebnisse einer Diplomarbeit von Margot Haase aus Neubrandenburg „Linkshändigkeit“ am Institut für Angewandte Psychologie und Psychosomatik in Bremen von 1997. 

Auch auf diese 50-seitige hochinteressante Arbeit können wir nicht in Gänze eingehen, sondern beschränken uns auf die Beleuchtung einer der vier aufgestellten Hypothesen:
„ .........  Hilfestellungen für das linkshändige Kind in den Grundschulen (unseres Landes) bleiben mehr oder weniger dem Zufall bzw. dem persönlichen Engagement des Lehrers (und der Eltern) überlassen, und vorhandene Möglichkeiten zur Förderung des linkshändigen Kindes in der Grundschule werden nicht optimal genutzt."

Gerichtet wurden 20 Fragen an insgesamt 10 Grundschullehrerinnen in Mecklenburg-Vorpommern. Die geringe Zahl der Befragten relativiert sich durch die Tatsache, dass diese Lehrkräfte immerhin auf  182 Schüler Einfluss haben. 17 hiervon waren Linkshänder (= 9,3%), davon 14 mit links schreibend und vier umgeschult, also rechts schreibend. Dieser prozentuale Anteil 
„bestätigt (trotz des geringen Umfangs der Untersuchung) eine angenommene Verteilung der Linkshändigkeit beim Menschen von etwa 10 Prozent.“

Auszug aus dem „Fragebogen zur Befragung von Grundschullehrern: 

"14. Wenn ein linkshändiges Kind bei Ihnen das Schreiben erlernt

  O   bewältigt es dieses im Allgemeinen recht gut ohne besondere 
       Hilfen
  O  geben Sie kleine Hilfestellungen

  O  sind unbedingt individuelle Hilfen notwendig

15.  Welche individuelle Betreuung bzw. Hilfestellungen erfährt ein 
      linkshändiges Kind durch Sie im Erstschreibunterricht ?"

Westd.Zeitung1998-2
Margot Haase kommentiert die gewonnenen Ergebnisse wie folgt:

„...... Wenn zum Beispiel als Hilfestellung die Handführung des Kindes (50% der Lehrerinnen gaben dies an)  unterstützt wird, müssen natürlich die grundlegenden Techniken für das richtige Schreiben mit der linken Hand bekannt sein. Dies ist nicht in vollem Umfang der Fall. .... Eine optimale Förderung ist so kaum möglich. Beispielsweise der Fakt des alleine Ausprobierenlassens ist wohl bei allen Befragten durch das übliche Gewährenlassen gegeben. Die Erfahrungen haben den Lehrerinnen gezeigt, dass das linkshändige Kind irgendwie auch alleine zurechtkommt.

Neben bestehenden Reserven hinsichtlich methodisch-didaktischer Kenntnisse insbesondere für den Erstschreibunterricht fielen mir in den Befragungen auch teilweise gänzlich falsche Anleitungen auf. Eine Kollegin beschrieb ... ausführlich, wie sie linkshändig schreibenden Kindern das Schreiben mit der Hakenhand beibrachte, in der guten Absicht, ein Verdecken oder Verwischen des Geschriebenen zu verhindern: der Handballen der Schreibhand sollte sich oberhalb der Schreiblinie befinden, und die Haltung des linken Armes sollte leicht nach oben schwebend eingeübt werden. Welch ein permanenter Kraftaufwand wird auf diese Weise dem Kind abverlangt, abgesehen von der Tatsache, dass die falsch eingeübten Techniken später nur schwer zu korrigieren sind !

Eine andere Kollegin betonte die Schräglage des Schreibheftes, allerdings linksgeneigt. Und drei weitere strebten bei linkshändig schreibenden Kindern, deren Schrift im Allgemeinen die natürliche Ausrichtung linksschräg bis gerade aufweist, das rechtsschräge Schreiben an."

So weit Frau Haase. 50% der Lehrerinnen taten also ihr bestes, den Irrtum Nr. 2 voll und ganz zu bestätigen. Und das im Jahre 1997. Allen Lehrkräften und sonstigen Kultus-Verantwortlichen, die immer noch meinen, das Problem Linkshändigkeit existiere für sie nicht, müssen wir leider sagen:   Setzen, sechs .

Literatur:
Diplomarbeit  „Linkshändigkeit“, Margot Haase, Neubrandenburg  am 
Institut für Angewandte Psychologie und Psychosomatik in Bremen von 1997

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