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Das Schreiben 3 (08-2005)

Die "LAVA"-Frage

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Im Text hin und wieder auftauchende Abkürzungen:
LA = Lateinische Ausgangsschrift
VA = Vereinfachte Ausgangsschrift
DS = Druckschrift

Im November 2003 war in einer Nachricht in WDR-2 zu hören:
Am 18.11.2003 sei durch die zuständigen Gremien beschlossen worden, dass in allen Grundschulen in Nordrhein-Westfalen (NRW) einheitlich zu Beginn Druckschrift (DS) gelehrt und gelernt werden solle.

WAS IST DAS DENN JETZT SCHON WIEDER??
Eine mit "PISA" begründete Strafmaßnahme? 

Die bisher in NRW geübte Praxis sah eine Wahlfreiheit für die einzelnen Schulen vor bezüglich:

- Zeitpunkt des Erlernens der DS (Vor, nach oder sogar parallel zur verbundenen  
  Schrift)
- Anwendung der LA oder VA.

Man nimmt also Eingriff in die bisher wenigstens teilweise vorhandene Gestaltungsfreiheit der Lehrkraft und verurteilt nun alle Schüler zu einem Fragen aufwerfenden pädagogischen Experiment.

Wo bisher zum Dilemma des Schwankens zwischen LA und VA wenigstens ein liberaler Umgang mit der Gewichtung des Lerninhaltes "Druckschrift" möglich schien, rückt nun diese Entscheidung eine dringende Frage in den Mittelpunkt:

Ist es sinnvoll, wenn ein Grundschulkind zwei oder sogar drei verschiedene Handschriften erlernen muss?



Stellen wir uns ein sechsjähriges Schulmädchen vor, das innerhalb von 24 Monaten nach seiner Einschulung wegen Stellenwechsels der Mutter oder des Vaters oder beider zwei Mal in ein anderes Bundesland, Stadt und damit auch Schule kommt. Es kommt also in den Genuss dreier verschiedener Grundschulen während der ersten beiden, für das Erlernen des Schreibens wichtigsten, Schuljahre.  

Zum Beispiel beginnt es in Schule 1 mit DS (Druckschrift).
Das Kind freut sich, als es schon bald alles Gedruckte in Zeitungen, Comics und im Computer lesen kann. Aber die häufigen Schreibübungen in DS nerven und langweilen sie manchmal schon. Gerne würde sie auch einmal etwas schneller schreiben. So ähnlich, wie sie das bei ihren Eltern sieht, nur schöner. Die können beide ziemlich schnell schreiben. Aber lesen kann sie deren  Handschriften nur ganz schwer, meist überhaupt nicht.

Nach Ende der ersten Klasse erfolgt der erste Umzug. In Schule 2 beginnt man jetzt mit Druckschrift, nachdem hier die VA (Vereinfachte Ausgangsschrift)  bereits gelehrt worden war. Das Kind kann gut damit leben. Das kennt es ja schon. Brav und langsam schreibt es alles sehr gekonnt und "schön", fast wie gedruckt. "Arial"-artig. Die Lehrerin kommt nicht auf die Idee, Fragen an das Kind über das bisher Gelernte zu stellen. Das Kind schweigt und schreibt. Manchmal hört es den VA-Begriff durchs Klassenzimmer fliegen, ohne damit etwas anfangen zu können. Ein befreundetes Schulkind zeigt ihm, wie die VA aussieht und gibt ihm eine Vorlage mit 32 kleinen und 26 großen Buchstaben mit. Das gefällt unserer mittlerweile Siebenjährigen und sie fängt für sich zuhause an, damit zu schreiben. Ganz unbewusst, und ohne Lehrer, entwickelt sie eine sehr gut lesbare "Schreibschrift" als eine Mischung aus der in der Schule gelernten DS und den für sie neuen VA-Buchstaben. Sie wundert sich über die plötzliche Schnelligkeit mit ihrer neuen, mehr verbundenen, Handschrift. Und entdeckt eine Ähnlichkeit mit der Schriftart "Times New Roman", die sie aus dem Computer kennt. Aber über das sturzkomische "z" der VA wundert sie sich und kommt zu dem Schluss, dass sich da wohl jemand geirrt haben muss; nichts erinnert sie bei diesem "Wurm" an ein z. In der Schule und den schulischen Hausarbeiten schreibt sie weiter brav Druckschrift. Und wundert sich, und fragt sich: Wozu? 

Aus ihren Tagträumen herausgerissen, heißt es urplötzlich wieder: "Wir ziehen um." 

Schule 3. Hier soll sie die letzten vier Monate der zweiten Klasse erleben. Und hier ist man mittendrin im LA (Lateinische Ausgangsschrift)-Pauken. Wenigstens wird hier das Kind gefragt, was es denn bisher so gelernt hat. Die Schülerin beginnt, von Druckschrift zu erzählen. Die Klasse kichert, der junge Lehrer schreit auf. Und weist sie an, alles bisher Gelernte zu vergessen. In seinen Klassen regiere das Prinzip: Friss, Vogel, oder stirb. Man könne die Zeit nicht zurückdrehen. Sie solle üben und gut aufpassen, bald beginne der Ernst des Lebens. Ohne gekonnte LA mit einer anständigen Rechtsneigung seien höhere Weihen ihr versagt.



Hier soll niemand Angst gemacht werden. Aber die Verhältnisse in einer Gesellschaft, in der die Bildungsverantwortlichen und mittlerweile schon die Schulen selbst sich produzieren, präsentieren und profilieren müssen, um nicht den Geldhahn abgedreht zu bekommen, treiben wildeste Blüten, was nicht zuletzt das Rechtschreibreform-Theater zeigt.

Wäre es nicht sinnvoll, in einem solch überschaubaren Land wie Deutschland den Schülern nicht auch noch durch verwirrende Vorschriften, das Leben schwer zu machen? 

- Wäre nicht die stärkere Vermittlung von Inhalten viel fruchtbarer, als die jahrelange Einübung verschiedener Schreibformen, Schreibstile?

- Genügt nicht die undogmatische Vorgabe eines einzigen, praktischen, individuell formbaren, schnell fließenden, gut lesbaren Schreibstiles?

- Könnten kalligrafische Ambitionen von Lehrkräften und/oder auch Schülern nicht im Kunstunterricht abgehandelt werden?

Natürlich haben Schulkinder immer mehr oder weniger lösbare Probleme, wenn sie, aus welchem Grund auch immer, die Schule, oder sogar nur die Klasse wechseln müssen. Lernstandsunterschiede, Verschiebungen oder Überlappungen in den Lehrplänen wird es immer geben. Aber ein Basishandwerk wie das Schreiben sollte doch nicht auch noch der Experimentier- und Kontrollwut der pädagogisch Verantwortlichen unterliegen.

Norbert Martin
(c) Left Hand Corner 08-2005

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