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Wie anno 2000 ein Lehrer einen LH-Schüler mobbt 

Frau I. (36) Diplom-Heil-Pädagogin, berichtet von einem konkreten, sich im Jahre 2000 abspielenden Fall des linkshändigen Schülers L. (10) und seines Lehrers F. (37) (alle Namen sind der Redaktion bekannt; die Altersangaben sind unverändert):
(Aus LHC-13 01-2001, S.2, Nachwort aus 09-2003)

Im Lehrerkollegium war beschlossen worden, dass dem Lehrer durch den für den Jungen zuständigen Arzt Dr. V. (53) mitgeteilt wird, der Schüler solle ab sofort links schreiben. Aufgrund eines "HDT"-Tests  (Hand-Dominanz-Test) sei er eindeutig als LH zu diagnostizieren. 

Die Vorteile der Rechtshaendigkeit

Der Lehrer drohte daraufhin, den Schüler schärfer zu beobachten bzw. sogar auch schärfer zu benoten, wenn er sich auf  links zurückschule. Er selbst habe den Jungen bei seiner Einschulung erfolgreich auf rechts schreiben geschult. Er sah auch nach Monaten noch nicht ein, warum er "sich das durch diesen modernen Firlefanz von der Hochschule kaputt machen lassen" soll. 
Er beruft sich auf Rudolf Steiner und dessen Auffassung, die Umschulung von Linkshändern auf rechts "stärke den Willen". Aber er "beuge sich der Gewalt", sprich:

Zähne knirschend die Anordnung akzeptieren aber trotzdem weiter latenten Druck auf den Schüler ausüben.

Ein Schulwechsel wurde erwogen. 

Besonders traumatisch dürfte für den Jungen das lauthalse Bloßstellen vor der versammelten Klasse gewesen sein. (Ein solches Szenario haben wir bereits in LHC-1 10-1997 unter der Überschrift "Die Vorteile der Rechtshändigkeit" skizziert).

Als Nebeneffekt, ganz im Sinne des Lehrers, dürfte sich auch eine eher still schweigende Einschüchterung anderer linkshändiger Mitschüler ergeben haben. Bei einer Klassenstärke von ca. 30 Kindern findet sich dort  kein weiteres, links schreibendes Kind. ("Normal" wäre eher ein mindestens 10%-Anteil von Links-Schreibern.)

Stand Februar 2001:
Der Junge L. und seine guten Berater haben sich durchgesetzt. Er schreibt links. Seine schulischen Ergebnisse sind erkennbar besser geworden.

(-:°
Nachwort in 09-2003:

Um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen:

1) Es geht hier nicht um eine Diskriminierung irgendwelcher Lehrer oder Lehrmeister, wie den oben erwähnten Rudolf Steiner. Einzig und allein die Tatsache, dass solche Geschehnisse in einer Großstadt in Deutschland überhaupt noch möglich und real sind, egal, in welcher Art Schule und mit welcher Begründung auch immer, hat uns zu diesem Artikel veranlasst. 

2) Besonders positive Anerkennung in diesem exemplarischen Fall "lehrerischen Fehldenkens und -verhaltens" verdienen der Arzt aber auch das ganze Lehrerkollegium für ihren heldenhaften Einsatz zum Wohle des Schülers.

3) Der hier in aller Kürze geschilderte Fall ist schon allein deshalb keine aufgebauschte Lappalie, als er sich über mehrere Monate hinzog auf dem Rücken eines verunsicherten Schülers und nicht zuletzt eine ganze Menge teure Arbeits- und Stresszeit für die Beteiligten kostete.

4) Das relativ "jugendliche" Alter des Lehrers (geboren 1963) zeigt, dass die Einstellung zum Thema "linke Hand" derzeit offensichtlich noch altersunabhängig in verschiedene Richtungen ausschlagen kann.

5) Aus Zuschriften und Anrufen mancher Betroffener ist uns bekannt, dass der geschilderte Fall kein Unicum ist, sondern gleichmäßig verteilt überall in Deutschland und anderswo vorkommen kann.
 

(N.Martin 09-2003)


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