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Linkshänder-Statistik in Presse und Alltag

0,6%? 1%? 10%? 12,5%? 15%? 37,5%? oder sogar 50%?

Wuppertal. August 2005.
Eine der ersten, vielleicht sogar die erste Aktion vor Gründung von Left Hand Corner war eine sowohl telefonische als auch schriftliche Anfrage beim Statistischen Bundesamt  in Wiesbaden im Jahre 1996: Existieren Statistiken über die Anzahl von Linkshänderinnen und Linkshändern in Deutschland?

Nein, solche Statistiken existieren nicht, war die Antwort.

Soweit bisher bekannt, existieren solche flächendeckenden Statistiken auch im Jahre 2005 noch nicht. Und auch wenn solches Zahlenmaterial vorhanden wäre, müsste um der nötigen Transparenz willen immer auch angegeben werden, wie die Daten im einzelnen erhoben wurden. Die Bezugsgröße, die "Diagnostik", die Bestimmungskriterien. 

Verwirrung herrscht allenthalben. In der einschlägigen Literatur schwanken nationale und internationale statistische Angaben zwischen einem und fünfzig Prozent (1 - 50 %). Meist basieren diese Angaben auf kleinen Versuchsreihen mit relativ wenigen Personen. Daraus werden Annahmen, Vermutungen,  Postulate und Hypothesen entwickelt. Diese werden dann veröffentlicht, der Presse angeboten und dort als Wahrheit verkauft. Oder es werden Fragebogen verteilt, deren Beantwortung oft auch von konventionellem Wunschdenken und tendenziöser Selbstrechtfertigung geprägt ist. Im allgemeinen werden für die westliche Hemisphäre Bevölkerungsanteile von 10 - 15% genannt.

Was wirklich Sache ist, könnte man doch wenigstens ansatzweise durch eine national gestreute Beobachtung schon bei Kindern und Vermerken in das ärztliche Untersuchungsheft ermitteln. Ebenso könnte man das Thema Händigkeit in Kindergärten und Grundschulen beobachten und die Fest-stellungen an Sammelstellen weitergeben. Dort könnten die gesammelten Daten zusammengefasst und veröffentlicht werden. Größere Transparenz, den Tatsachen näher kommende, das Thema entmystifizierende Zahlen wären das Ergebnis. So aber bleibt alles weiter schwammig und für Irreführungen offen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Zwei Beispiele für die herrschende Verwirrung liefern anlässlich des internationalen Linkshändertages 2005 (13. August) die weit verbreiteten Presseorgane "Handelsblatt" und "Westdeutsche Zeitung" (WZ).

Linkshaender-Statistik-WZ-2005-08-10

"30 Millionen meistern ihr Leben mit links" titelt die WZ am 10.8. auf Seite drei. 30 Millionen wovon? Deutsche, Europäer, Bayern? Erwachsene? Kinder? Greise? Fragen über Fragen tun sich auf und man liest weiter, gespannt auf Antworten in diesem Artikel. Leider kommt da nichts mehr, um den Umstand der Verbreitung der Linkshänder unter der Menschheit zu erhellen. Na gut. 30 Millionen. Damit werden wohl Deutsche gemeint sein bezogen auf die Einwohnerzahl von ca. 80 Millionen, das wären dann 37,5 % .

Wenn man von derjenigen zeitgenössischen Literatur ausgeht, die eine etwa gleichmäßige genetische Verteilung von 50 zu 50 (50%), ähnlich dem Geschlecht, postuliert, klafft hier also eine Lücke von knapp 13 Prozent. Das sind dann vermutlich die Wackelkandidaten, bei denen niemand so richtig weiß, auch sie selber nicht, wie es sich denn mit ihrer Händigkeit verhält. Beidhänder? Pseudorechtshänder? Mischhänder?

Linkshaender-Statistik-Handelsblatt-2005-08-12

Das "Handelsblatt" widmet am 12.8.2005 in seinem Weekend Journal fast eine ganze Seite dem internationalen Linkshändertag. Wir lesen, dass Gerhard Schröder umgeschulter Linkshänder ist, also rechts schreibt, sonst aber Linkshänder ist. Und wir stoßen wieder auf eine vielstellige Zahlenangabe. Doch diesmal sind es nur 10 Millionen Linkshänder, die in Deutschland leben. Das wären also bezogen auf unsere 80 Millionen hierzulande 12,5% . Auch nicht schlecht. Aber was ist denn nun wirklich los? Sind mit dieser deutlich geringeren Prozentzahl nur die wirklichen Linksschreiber gemeint? Auch hier wieder die Frage nach den Kriterien und Bezugsgrößen.



Eine Linkshänder-Alltagsstatistik aus dem richtigen Leben:
170 Inskribenden für den Ausstellungskatalog der Jens, Rolf und Manuel Löckmann-Ausstellung im Januar 2003 quittierten mit ihrer Unterschrift ihr Dankeschön in das von der freundlichen Frau Forthmann verwaltete und von der Stadtsparkasse Wuppertal ausgelegte Gästebuch. Mehr oder weniger nebenbei bemerkte die "Wächterin des Buches", ob jemand mit rechts oder mit links unterschrieb. Als ca. 100ster Inskribend trug sich Norbert Martin ein, der Herausgeber der ersten deutschen Zeitschrift für Linkshänder, Left Hand Corner. Frau Forthmann bemerkte sofort, dass er dies mit links tat und sagte, noch während er schrieb: "Sie sind der erste!" 
Linkshaender-Statistik-Eine-Unterschrift-mit-links
Da wurde der Linkshänder hellhörig und wunderte sich über diesen Tatbestand genau so, wie Frau Forthmann. Man vereinbarte, am Ende der Vernissage die aktuelle Anzahl der mit links unterschrieben habenden Gäste zu vergleichen mit der Gesamtzahl der Besucher. "Sie sind der einzige geblieben, Herr Martin", war am Ende ihre statistisch doch recht enttäuschende Feststellung. Einer von einhundertsiebzig kunstsinnigen Menschen aller Altersgruppen, das sind null-komma-sechs Prozent. 0,6 % Linksschreiber. Ein dünnes Ergebnis. 

Linkshaender-Statistik-Keiner-unterschreibt-links

Sicher ist es interessant, zu wissen ob man als Linkshänder nun zu einer aussterbenden Minderheit gehört oder zu einer großen Menge, die die Hälfte der Bevölkerung ausmacht. Genauso wissenswert ist die Antwort auf die Frage nach der Herkunft und Entstehung der Händigkeit, welche ebenfalls noch nicht geklärt ist.

Unumstößliche Tatsache ist jedenfalls die Existenz dieser Spezies Linkshänder. Ob es nun 40 Millionen oder 40 Tausend hierzulande sind. Schon früh stoßen sie auf vielfältige Behinderungen, die sie manchmal sogar zu "Behinderten" machen.

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