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Am 10. Februar ist wieder

der Japanische Linkshändertag


Left Hand Corner und Freunde laden ein zur japanfreundlichen  Begehung bei hoffentlich schönem Wetter in Düsseldorf im Japanischen (Paradies-) Garten im Nordpark (Park hinter dem Aquazoo) am Samstag, 14. Februar 2004, etwa zwischen 12 und 15 Uhr. 
 
 


 

Gegen eine Aufstockung unserer Sake- und Sushi-Vorräte durch kleine Mitbringsel haben wir nichts einzuwenden.(-:°


(Aus LHC-11 04-2000. Der Artikel wurde hier für die Webseite erweitert um den Text zum Frage- und Antwort-Bogen Nr. 9 mit Frau Yasuko Stiebeling und einen Auszug aus dem Editorial aus LHC-11) 
 

DAS JAPANISCHE GEHIRN

Schon vor einigen Monaten hatten wir Kontakt aufgenommen mit Takeshi Kawashima, dem Webmaster der Japanischen Takeshi KawashimaLinkshänder-Seite www.webee.co.jp/southpaw (siehe "LINKS") . Er sieht den LH-Anteil in Japan steigen, da jüngere Eltern weniger konservativ seien. 

Später trafen wir den Japan-Kenner Klaus Stiebeling (siehe weiter unten), der 30 Jahre in Tokio gelebt hat und vor Kurzem wieder nach Wuppertal zurück gewandert ist. Wer hier in Deutschland japanisches Flair erkunden möchte, kann sich in Düsseldorf zwischen Immermann-, Marien-, Ost- und Klosterstrasse tummeln. Da sind japanische Banken, Geschäfte, Hotels, Der Japanische Club und vor allem Restaurants, in denen hauptsächlich rohes Meeresgetier verzehrt wird. 

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Yasuko Stiebeling (41), Lehrerin, Tokio, Japan

Wo auf der Welt haben es Linkshänder am besten ? Auf diese Frage Nr. VI in unserem Fragebogen antwortet Frau Stiebeling mit voller Überzeugung: In Japan . 
Frau Yasuko Stiebeling (41) mit Sohn Daniel (12)
Sie muss wissen, wovon sie redet, denn als Klassenlehrerin an einer Junior High School in Tokio sitzt sie direkt am Pulsschlag der japanischen Bildungs- und Sozialpolitik. Am meisten interessierte uns die Frage, ob es in Japan Richtlinien, Erlasse oder Ähnliches gibt, die den in Deutschland existierenden Lehrplänen vergleichbar sind und in denen auch zur Behandlung links schreibender Schüler Empfehlungen ausgesprochen werden (s. auch LHC-1 und LHC-3 "Aus der Schule geplaudert"). 

Doch erstaunlicherweise gibt es in Japan nichts dergleichen. Das Schreiben ausschliesslich mit der rechten Hand scheint dort dermaßen selbstverständlich und gesellschaftlich so tief verwurzelt zu sein, dass staatliche Kommentare oder Richtlinien dazu völlig unnötig sind. 
Unterschrift von Frau Stiebeling, 2-x waagrecht, 1-x senkrecht
Frau Stiebeling's Haupt-Fächer sind Kunst und Ethik. In ihrer 36-köpfigen Klasse finden sich 3 Linkshänder, hat sie festgestellt. Doch völlig selbstredend schreiben auch diese 3 mit rechts. 
Aber im Sport dürfen sie ihre Natur ausleben. Und nicht nur das. Die amerikanische Bezeichnung "Southpaw" für Linkshänder ist sehr modern und in Bezug auf den populären Baseball geradezu eine Auszeichnung. In diesem Bereich werden Linkshänder sogar gefördert. Aber eben fast nur dort. 

Aber auch in der Kunst werden Ausnahmen vom Rechts-Zwang hingenommen. Sie selbst würde sich zwar nicht als Linkshänderin bezeichnen, ihre liebste Tätigkeit mit links ist aber Malen und auch Kalligraphieren. Zwei in Japan sehr populäre Maler aus der Zeit um 1900 waren bekennende Linkshänder: Der Franzose Georges Bigot, der 1894-95 in Japan lebte und Jingoro Hidari, der sein LH-Prädikat sogar im Familiennamen trägt, denn . . .  . . . .
Hidari Ki Ki = Linkshänder oder Linkshändigkeit auf Japanisch
"Hidari Kiki" (Dialekt: "Shidari Kiki"), ist die Bezeichnung für Linkshändigkeit und nach Frau Stiebeling's Erkenntnissen eher eine Auf- als eine Abwertung. Ein verwandtes Wort dazu ist "Hidari To" und heisst so viel wie "Saufnase", "Bacchus-Bruder" o.ä. , denn der heisse Sake wird mit links in's Tässchen gegossen. Kampai !

Der Modeschöpfer YAMAMOTO und der Komponist SAKAMOTO sind berühmte japanische Linkshänder.

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Gehirn, von vorn gesehen

Statistiken belegen einen 10 - 15%  Anteil Linkshänder an der Gesamtbevölkerung. Aussagen namhafter Pädagogen und Psychologen (z.B. Dr. B. Sattler, München) postulieren sogar die Möglichkeit eines Verhältnisses von 50 zu 50. In unserer westlichen Hemisphäre ist ein stetiger Zuwachs zu verzeichnen, z.B. USA und England 1930 3% gegenüber 1970 11%. Lediglich Taiwan und Japan scheinen mit 3% 1970 weltweit eine Ausnahme zu bilden. (Dr. A. Swelam, Linkshändigkeit / Interkulturelle Vergleiche, Verlag für Psychologie Dr. C.J. Hogrefe, Göttingen 1989).

Aufhorchen lässt auch folgender Absatz und die  Tabelle aus Ahmed Swelams Buch (Seiten 12-13):

Tabelle, Ahmed Swelam, LH-Anteil

" Zur grössten Verunsicherung gegenüber der Linkshändigkeit tragen in der heutigen Zeit die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Auffassungen bei. Zum einen gilt dieses Phänomen als normale Erscheinungsform der Händigkeit, zum anderen als pathologisch bedingte Entwicklungsabweichung.  . . . Ein undurchdringlicher Wirrwarr für Pädagogen wie für Nichtpädagogen."

" Es ist klar aus Tabelle 1 zu erkennen, dass es deutliche gesellschaftliche Unterschiede in Bezug auf die Häufigkeit der Linkshändigkeit gibt. Dafür sprechen offensichtlich verschiedene Faktoren wie Alter, Bestimmungsmethode, kulturelle und biologische Faktoren. Es stellt sich daher bis heute noch die Frage, inwieweit diese Faktoren die reale Ausprägung der Linkshändigkeit beeinflussen."

Auffallend bei dieser Statistik ist der extrem geringe Linkshänder-Anteil in Taiwan und Japan. 

Wie uns die Pädagogin Yasuko Stiebeling aus Tokio berichtete, unterstellt man in Japan Linkshändern generell eine grössere Geschicklichkeit, kommen sie doch dem Ideal des "flexiblen Beidhänders" viel näher, als ein nicht umgeschulter Rechtshänder. Hier scheint sich ein Kreis zu schliessen. 

Die Völkerverständigung lebt in den Erkenntnissen des Dr.-Ing. Martin Schmauder: "Linkshänder sind nun aber keine spiegelbildlichen Rechtshänder, sondern eine weniger asymmetrische Variante" (aus der Broschüre: Technik 19; Händigkeitsgerechte Gestaltung von Arbeitsmitteln; Denkanstösse für Produktgestalter, Konstrukteure und Designer. Hrsg.: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Dortmund, Oktober 1999). 

Es mag ja sein, dass Beidhänder auch biologisch-physiologisch tatsächlich existieren, dass nicht alle Gehirne die gleichen Dominanz-Verteilungen, hüben wie drüben, aufweisen. Doch fehlen hierzu bis heute endgültige Beweise. Dagegen ist eindeutig durch die bildungs- und gesellschafts-politische Geschichte der letzten ca. 100 Jahre bewiesen, dass wissenschaftliche Hypothesen und Lehrmeinungen, die als Ideal den "Beidhänder höherer Ordnung" als Ergebnis vorweisen und vorwiesen (z.B. Sovak 1962), einer Umschulung linkshändiger Kinder auf die rechte Hand bis heute Tür und Tor geöffnet haben. 

Das Schreiben ist in Japan eine Wissenschaft für sich. 

3 Schreibweisen für Sake

Es gibt die japanische Silbenschrift "Hiragana", chinesische Schriftzeichen "Kanji", die "lateinische" Schreibweise "Romaji" genannt und "Katakana" für die Schreibung von Fremdwörtern. 

Chines.Schriftzeichen für Sake

Das "Hepburn-System" ist das gängigste Konvertierungs-System von Schriftzeichen zu lateinischer Schrift. In der Schule wird zunächst nur die japanische Silbenschrift und  Kanji gelernt. Später kommt dann auch die für "Westler" lesbare Schreibweise dazu. Beim Schreiben mit dem Computer erfolgt die Eingabe mit einer 

Tastatur einer japanischen Schreibmaschine

handelsüblichen Tastatur in Romaji. Wenn der eingegebene Text danach auch in japanischen bzw. chinesischen Schriftzeichen gewünscht wird, konvertiert ein Word-Processor den Text, indem er Wort für Wort Übersetzungsvorschläge macht. Eigentlich böte sich der Umgang mit der Schrift in Japan als Eldorado für Linksschreiber an, kann doch beliebig horizontal aber auch vertikal (nicht gespiegelt) geschrieben werden. In vielen Zeitungen und Büchern wird hauptsächlich die Vertikalschrift von rechts nach links gepflegt. Folglich fangen diese Bücher "hinten" an.

Staebchen mit links
Aber auch das Speisen birgt für westliche Gaumen und Hände so manches nicht leicht nachvollziehbare Geheimnis. Der Umgang mit den für Links- und Rechtshänder gleichermaßen (un-) geeigneten Stäbchen muss geübt werden. Wer als Linkshänder an einem in japanischen Restaurants üblichen Theken-Sitzplatz essen möchte, könnte wegen der ebenfalls gebräuchlichen recht engen Bestuhlung mit links sitzenden, rechtshändigen Nachbarn Aneck-Probleme bekommen. Deshalb kann es sinnvoll sein, bei "Übungs-Dinners" an einem der Tische, und damit ohne "Ellbogen-Begrenzung",  Platz zu nehmen. 

Japanisches Menü

Sind's biologische oder kulturelle Faktoren, die den geringen LH-Anteil in Japan begründen ? Eine enge Verknüpfung zwischen beiden Faktoren stellt der japanische Wissenschaftler Tadanobu Tsunoda her, indem er über Hörtests bewiesen haben will, dass Kultur die Lokalisierung im Gehirn beeinflussen kann: In einer Studie versuchte er herauszufinden, welche Teile des Gehirnes bei bestimmten Tests am meisten aktiviert sind:

"Für eine Person aus der westlichen Welt waren nur sprachliche Konsonanten und Rechenaufgaben (bei allen Tests) linkshirnig, während für eine japanische Person auch das Hören von Vokalen, menschlichen Stimmen, Geräuschen von Tieren (Grillen-Zirpen) und traditioneller japanischer Musik die linke Hirnhälfte aktivierte. Der Unterschied wurde damit erklärt, dass Japanisch eine der sehr seltenen Sprachen ist, mit der ein komplexer Satz nur unter Verwendung von Vokalen gebildet werden kann." (Aus: www.cuug.ab.ca/~dorfsmay/delirium/brain 
Hemisphericity of the brain and its consequences on education, Yves Dorfsman, December 5th 1997, Hemisphärizität des Gehirnes und ihre Konsequenzen für die Erziehung.) Titel: The Japanese Brain von Tadanobu Tsunoda
In seinem Buch "The Japanese Brain" (Das Japanische Gehirn  -Einzigartigkeit und Universalität-, Tadanobu Tsunoda, translated by Yoshino´ry Oiwa, Taishukan Publishing Company, Tokyo, 1985, englisch, deutsche Übersetzung: Norbert Martin) erklärt der Autor auf den Seiten 3 und 4 die bei seinen Tests entstandenen Oszillator-Abbildungen:Gehirn-Dominanzmuster
"Die Farbbilder zeigen gehirn-evozierte Potentiale, erzeugt durch einen akustischen Reiz und gemessen durch 12, an verschiedenen Stellen des Kopfes angebrachten Elektroden. Die Gehirnzonen mit den höchsten hervorgerufenen Potentialen sind rot (bzw.  dunkel), so dass die Hemisphäre mit einer grösseren roten (bzw. dunklen) Zone betrachtet wird als mehr aktiviert oder dominierend über die andere Hemisphäre in Bezug auf einen einzelnen Reiz.
Die oberen sechs Abbildungen zeigen die Gehirn-Reaktionen einer japanischen, die unteren sechs jene einer amerikanischen Person. Der Japaner zeigt eine links-hemisphärische Dominanz bei einem gleichmässigen Vokal  /a/  und beim Klang der Grille, während der Amerikaner bei diesen Klängen eine rechts-hemisphärische Dominanz anzeigt. Aber bei harmonischen Klängen, z.B. Violine oder Flöte, zeigen beide eine rechts-hemisphärische Dominanz.

Auch zeigen die Japaner eine links-hemisphärische Dominanz beim Klang der japanischen Shakuhachi-Flöte und somit eine unterschiedliche Lateralität zu der von Westlern ("Westerners"). Der Amerikaner ist dem Japaner insofern ähnlich, als eine linke Hirndominanz induziert wird durch die Silbe /ga/, aber insofern unterschiedlich, als eine Rechtshirn-Dominanz durch ein gleichmässiges  /a/  ausgelöst wird.

Als ein Ergebnis bewies diese topographische EEG Farbanzeige-Methode Tsunoda's Erkenntnis, dass Hirndominanz-Muster von Japanern und westlichen Menschen sich unterscheiden." 

Sein Vorwort erklärt in groben Zügen seine Intentionen und Untersuchungen (Auszug):
"Vorwort
Die Leser werden feststellen, dass meine in diesem Buch vorgestellten Studien abweichen vom Hauptstrom der Gehirn- und Sprach-Wissenschaften im Westen. Dr. R.W. Sperry und andere westliche Wissenschaftler haben einen grossen Beitrag geleistet zum Verständnis der unterschiedlichen Funktionen der rechten und linken Gehirnhälften. Ich glaube, dass meine Studien den westlichen Erkenntnissen nicht widersprechen, sondern dass sie eher das generelle Verständnis von der Hirn-Asymmetrie ergänzen durch Vorlage eines neuen Zugangs zum Thema, und einer neuen Betrachtungsweise dessen. 

Meine Forschung zum Zusammenhang zwischen Gehirn und sprachlichem Umfeld geht zurück auf ein Treffen im Jahre 1971 mit Professor A.M. Liberman von den Haskins Laboratories, USA . . . . 
. . . Dennoch gibt es einen Teil der menschlichen Sprache, der nicht durch den Computer simuliert werden kann und den man präverbalen oder semiverbalen Klang nennen könnte.
Ich habe die Reaktionen des menschlichen Gehirnes auf diese wenig bekannte Sorte von Klang eingehend erforscht und benutzte dabei normale Gegenstände und eine Auswahl von Klängen aus der Natur und unserer alltäglichen Umgebung. Als ein Ergebnis fand ich heraus, dass das normale menschliche Gehirn einen gut ausgebildeten, unterbewussten Mechanismus hat, der Klänge an der Basis ihrer physikalischen Eigenschaften auf der sub-kognitiven Ebene unterscheidet. Die Entdeckung dieses "Schaltmechanismus" wurde möglich durch Studien der menschlichen Aufnahme gleichmässiger Vokale - einer Art semi-verbalem Klang, der bei westlichen Wissenschaftlern bisher geringste Beachtung gefunden hat.

Meine Erkenntnisse scheinen eine Erklärung zu liefern für die einzigartigen und für die universellen Aspekte der japanischen Kultur. Warum verhalten sich japanische Menschen in ihrer charakteristischen Weise ? Wie hat die japanische Kultur ihre Eigenheiten entwickelt ? Ich denke, der Schlüssel zu diesen Fragen liegt in der japanischen Sprache. Meint: "Japaner sind Japaner, weil sie japanisch sprechen." Meine Untersuchungen haben ergeben, dass die japanische Sprache das japanische Gehirnfunktions-Muster formt, welches wiederum als eine Basis für die Entwicklung der japanischen Kultur dient.

Es wurde heraus gefunden, dass es grundsätzlich zwei Gehirnfunktions-Muster gibt: Das eine bei japanischen und polynesischen Menschen und das andere bei dem Rest der Menschen. In Anbetracht dieser Erkenntnis fragten mich viele Menschen, einschliesslich Westlern, welches Muster das bessere sei und unterstellten dabei, dass ein Unterschied notwendigerweise eins dem anderen überlegen machen müsse. Meine Erkenntnisse rechtfertigen solch ein Werturteil nicht, sondern haben eher stets die Wichtigkeit des Verstehens und Respektierens anderer Kulturen hervor gehoben.

In einer Zeit, wo die technologischen Aspekte der Kommunikation schnell und weltweit expandieren und das Interesse wächst, eine "Welt"sprache zu lernen, wie Englisch und Französisch, ist es einmal mehr wichtig, dass Menschen ihre eigene Sprache sprechen und ihre eigene Kultur pflegen. In einigen der früher kolonisierten Ländern  beginnen die Menschen tatsächlich, ihren eingeborenen Sprachen und Kulturen wieder Wichtigkeit beizumessen.

Obwohl das Thema Rassen-Diskriminierung einen grossen Anteil unserer Aufmerksamkeit in den vergangenen Jahrzehnten gewonnen hat, denke ich, wir müssen unser Denken auch dem Thema der kulturellen Diskriminierung gegen Menschen anderer Kulturen zuwenden. Es scheint, dass ein Weg, solche Vorurteile zu korrigieren, darin besteht, die universelle Qualität, derer wir als menschliche Wesen teilhaftig sind, voll zu akzeptieren. Der von mir vorgestellte Schalt-Mechanismus zeigt ebenfalls die fundamentale Universalität der Gehirnfunktionen bei allen Menschen auf Erden."

Wie nun passt der aus Japan berichtete Schul-Drill zu den Beschwörungen von Vorurteils-Korrekturen des Herrn Tsunoda ? 

Ist das Nicht-Vorhandensein links schreibender Menschen in Japan nicht vielmehr ein Indiz für rigorose Umschulung ? Und dienen seine nicht unumstrittenen Erkenntnisse nicht letztlich auch der Rechtfertigung einer Umschulung der Linkshändigkeit ? Und warum hat er bei seinen Hör-Experimenten zu fast 100% auf links-hirnige i.e. rechts-händige Personen zurück gegriffen ?

In einem wahrhaft erschütternden Bericht gab das ZDF am 19. August 1999  in der Sendung "Kinder ohne Kindheit"  Einblick in die aktuelle Situation im japanischen Bildungswesen und in japanischen Familien. Parallel dazu fand sich auf der Homepage des ZDF  www.ZDF.de ein Text des Autors Thomas Euting, aus dem wir einige Stellen zitieren. Der Bericht sprach zwar das Thema Linkshändigkeit nicht direkt an, aber der bei grossen Teilen der Bevölkerung offensichtlich teils beängstigende bzw. erzürnende Umgang mit ihren Kindern, lässt Schlimmes vermuten und passt zu den Statistiken über Seltenheit der Linkshändigkeit in Japan. Kultur-Natur pur. Zitat ZDF:

"Seit fünf Jahren lebe ich in Tokio. Einer meiner Nachbarn ist ein 80-jähriger Bonsai-Gärtner. So manches Mal haben wir ein Bier geteilt und über seine Minibäumchen und den Gang der Welt ge-plaudert. Jetzt steht der alte Mann zwischen seinen Bonsais und blickt hinüber zum Kindergarten. 
Dort geht es zu wie einst bei der kaiserlichen Armee: 
Befehle ertönen, aus dem Knäuel der Dreijährigen stürzen Kinderfü-ße den Kommandanten entgegen, formieren sich sekundenschnell in Hab-Acht-Stellung. Die Kindergärtnerinnen inspizieren die Truppe und verkünden den Tagesbefehl: Spielend gehorchen!
„Ja, ja ... „ - sagt der 80-jährige Bonsai-Gärtner: „...  so ist es richtig: Natur will geformt werden. Dann erst entfaltet sie ihre ganze Schönheit“. Und während Herr Kato, den die Kinder „Bonsai-Opa“ nennen, seine Bäumchen bearbeitet, ihre Wurzeln manipuliert und ihre Zweige mit Draht in die gewünschte Form zwingt, erklärt er mir, warum diese kleinen Japaner dort drüben anders als die Kinder in anderen Ländern sind.

Die Karriere beginnt bereits im Mutterleib
„Weil ihre gesamte Kindheit sie lehrt, dass das Wichtigste im Leben die Fähigkeit zur Unterordnung ist! Insofern sind Kinder wie Bonsais: Sie müssen so früh wie möglich von den Wurzeln her zu-recht gestutzt und in die richtige Form gebracht werden ...“
Diese Bonsai-Theorie bringt Professor Hideo Obara in Rage. Er, der in Amerika studiert und deshalb den kritischeren Blick „von draußen“ gelernt hat, vergleicht die Ausbildung von Nippons Söh-nen und Töchtern gern mit der Dressur eines Schoßhündchens: „Ja-panische Kinder können mit zwei Jahren Klavier spielen, aber mit sechs keine Banane schälen“, meint der Verhaltensforscher: 

„Die Entwicklung von selbstständigem und kreativem Handeln bleibt in japanischen Kindergärten auf der Strecke. Statt dessen züchten wir menschliche Roboter heran!“

Wie ziehe ich Genies heran?
Auf der Reisstrohmatte liegt ein Bestseller-Buch.  Sein Titel: „Wie ziehe ich Genies heran?“ Daneben liegt Frau Takahashi. Sie ist im dritten Monat schwanger. Aus dem Lautsprecher auf ihrem noch flachen Bauch ertönt eine monotone Stimme: 
Vokabeln werden verlesen, auf einem Monitor erscheinen die dazu-gehörigen japanischen und englischen Schriftzeichen.
„Bei diesem vorgeburtlichen Trainingsprogramm dringen Sprache und Bilder in mich ein“, sagt Frau Takahashi - „das schult und för-dert die Intelligenz des Kindes, das ich in mir trage.“ Und wie zur Bekräftigung zitiert sie aus ihrem Buch: „Das perfekte Kind ist kein Wunder, sondern das Produkt von Erziehung!“

Dass Frau Takahashi daran glaubt, und mit ihr Millionen japanischer Mütter, ist das Verdienst des Pädagogen Manabu Shichida. Mit seiner „visuell-suggestiven Methode“, die er in 330 sogenannten Kinder-Akademien anbietet, ist er zum Guru der „Bildungsmütter“ geworden.

Nach konsequentem pränatalen Training setzt Frau Takahashi auch nach der Geburt ihrer Tochter weiter auf die Shichida-Methode: Mit neun Monaten hockt die kleine Miho auf ihrem Windelpo und kon-zentriert sich auf sogenannte „Flashcards“, die ihr die Mutter im Sekundentakt zeigt. Dabei spricht sie die Schriftzeichen aus, die auf den Kärtchen zu sehen sind. Dank dieser Methode kann die kleine Miho bereits japanisch lesen. Mit zwei Jahren wird sie englisch sprechen und mit drei bereits ein Tagebuch führen. Dass sie mit anderthalb Jahren schon Klavier spielt, wird sie einem anderen Kartensatz verdanken.
Damit dürfte Miho fit sein für das, was man in Japan die „Examenshölle“ nennt: Eine lange Reihe strenger Aufnahmeprüfungen, an de-ren Anfang der Eingangstest in den Kindergarten steht, gefolgt von Aufnahmeprüfungen für die Grund- und Oberschule und schließlich für die Universität.
Eltern, die ihren Kindern diesen Marsch durch die Karrierehölle er-sparen wollen oder ihn sich nicht leisten können, verurteilen den Nachwuchs zu einer beruflichen Karriere zweiter Klasse. Denn nur dem, der die besten Schulen besucht und seinen Abschluss an einer der Top-Universitäten geschafft hat, stehen in Krisenzeiten wie heute noch die Türen zu einem lebenslang garantieren Arbeitsplatz bei Sony, Toyota und Panasonic weit offen.
Den beschwerlichen Weg an die Spitze ebnen sogenannte „Jukus“: Private Pauk-Schulen, die für eine Gebühr ab 1.500 Mark im Monat das Bestehen aller Aufnahmeprüfungen und den Zugang zu den Spit-zenhochschulen des Landes garantieren.
Als Kaito im zarten Alter von sechs in der Aufnahmeprüfung gefragt wurde, „welche Formel die Zahl Neun ergibt“, antwortete er ohne Zögern: „Zum Beispiel 1 + 8“. Bei der „Mathe-Olympiade für Kin-der“ stand er bereits auf dem Siegertreppchen. Doch selbst damit war der Weg in diese Eliteschule noch lange nicht frei: Auch Kaitos Eltern wurden getestet: 
Sie mussten sich einem Intelligenztest unterziehen, über ihren Ausbildungsweg Rechenschaft ablegen, eine Empfehlung ihrer Arbeitgeber präsentieren und in Anwesenheit der Prüfer mit dem eigenen Kind über „japanische Werte“ diskutieren.

Eine Zeitschrift für Drei- bis Fünfjährige 
Einer der erfolgreichsten Anbieter ist die Firma „Benesse“, die sich auf „Nachhilfeunterricht“ spezialisiert hat und damit vier Millionen Kinder betreut, darunter 170.000 Babys. Dabei kommen Lernvideos, pädagogische Computerspiele und, kaum zu glauben, eine Zeitschrift für Drei- bis Fünfjährige zum Einsatz. Angeboten wird solche „Kleinkindererziehung im Multimedia-Pack“ von Windelherstellern, Erdölkonzernen und Verlagshäusern. „Gedächtnisbildung durch audiovisuelle Bearbeitung“ nennen das die Verkaufskataloge: Ein Milliardengeschäft - „Damit ihre Kinder eine Zukunft haben!“

„Die japanische Zwangsjackengesellschaft“ 
Der Psychologieprofessor Masao Miyamoto sieht in diesem Bil-dungsboom mit seiner Technikhörigkeit einen gefährlichen Trend, den er im Titel seines bekanntesten Buches auf den Punkt gebracht hat: 
„Die japanische Zwangsjackengesellschaft“.
„Sehen Sie“ - sagt Myamoto, als wir uns zum Interview treffen, „wie jeder Japaner verbeuge ich mich vor Ihnen. Das steckt in uns drin. Wir machen uns klein, damit der andere sich größer fühlen kann.  Und das nennen wir dann Respekt! Das Bild vom Bonsai lebt leider immer noch fort“, sagt der 51-jährige Professor, den einige Medien hierzulande zum bestgehassten Mann Japans erklärt haben. „Das Ziel des Bonsai-Erziehungssystems ist die psychologische Kastrierung des Einzelnen.  Entscheidungsstarke und konfliktfreudige Menschen sind in Japan unerwünscht. Sie wären mit dem Streben nach totaler Harmonie unvereinbar.“
„Eine Folge davon ist, dass Japaner große Probleme damit haben, deutlich Ja oder Nein zu sagen. Sie vermeiden in der Regel jede kla-re Meinungsäußerung, was Ausländern den Umgang mit ihnen so schwierig macht. Wer aber seine ganze Energie darauf konzentriert, in einer Gesellschaft den Status Quo zu erhalten, der ist ungeeignet für jede Art von Wandel und Fortschritt.“
„Schließlich haben Bonsais weder Augen noch Ohren ...“
Miyamoto selbst ist ein Opfer dieses Systems. Auch er hat die Prüfungshölle durchlaufen, auch er war ein „gehorsames Schaf, das der Herde folgt, wohin auch immer der Weg geht.“ Erst spät, nach vie-len Auslandsaufenthalten und einer langen Suche nach den psycho-logischen Wurzeln japanischen Verhaltens, hat er begriffen, wie sehr er ein Leben lang unter seiner ge-raubten Kindheit gelitten hat - so sehr, dass er jetzt beschloss, seiner Heimat ganz den Rücken zu kehren und in Amerika zu leben.
„Das ist mein Protest“, sagt er zum Abschied: „Doch ich befürchte, kaum jemand in Japan wird ihn verstehen - schließlich haben Bonsais weder Augen noch Ohren ...“



Eine aktuelle Meinungs-Umfrage (03-2000) des grossen japanischen Fernseh-Kanals "TBS" (Television Broadcast System) zum Thema "Linkshänder" ergab:

73 % der Bevölkerung haben die Vorstellung, dass Linkshänder intelligent sind.

73 % halten Linkshänder für gute Sportler

66 % halten sie für gut in Kunst und für "geschickt".

49 % möchten selbst gerne Linkshänder sein 


Sehr wertvolle Unterstützung bei unseren Recherchen erfuhren wir von Klaus Stiebeling (61) aus Wuppertal, der 30 lange Jahre in Japan (Tokio) gelebt hat und erst seit Kurzem wieder in den Genuss des Schwebebahn-Fahrens kommt. 

Kontakt: Deutsch-Japanischer Freundeskreis Wuppertal, Klaus Stiebeling, tel. 0202-7240406, Fax -7240407, Homepage: www.dt-jp-Freundeskreis-wtal.de

Klaus Stiebeling, 2000

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