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Musik und Linkshändigkeit

Hamburg 24.9.2005 Der Michel erstrahlt im Morgenlicht

HAMBURG. 24.9.2005. Zum aktuellen Stand der Musikpädagogik im allgemeinen und im besonderen bei Saiteninstrumenten, Klavier, Schlagzeug und Querflöte in Bezug auf händigkeitsgerechtes Spielen fand das erste Symposium in Hamburg statt. Der Zug des Links-Streichens ist in Bewegung geraten. 


Schon im Frühjahr 2005 erging die Einladung zu einem so noch nie dagewesenen Event: 

1. Deutsches Symposium Linkshändigkeit & Musik
Samstag, 24. September 2005

Die Landesmusikakademie Hamburg veranstaltet im Rahmen Ihres Fortbildungsprogramms erstmalig in Deutschland ein Symposium zum Thema „Linkshändigkeit & Musik“. Das Symposium findet am 24. September 2005 im Michael-Otto-Haus der staatlichen Jugendmusikschule Hamburg statt. Immer mehr Instrumentallehrer werden aufmerksam, stellen Besonderheiten und Unterschiede zwischen ihren rechts- und linkshändigen Schülern fest, suchen und finden neue Wege und Haltungen. Das Symposium will in Vorträgen, Präsentationen, Diskussionen und Erfahrungsaustausch den aktuellen Stand zu diesem Thema vorstellen und Möglichkeiten für die Praxis in den einzelnen Fächern aufzeigen.

Die Referenten sind Dr.Johanna Barbara Sattler, Walter Mengler, Thomas Stölzl, Geza Loso  und Solveig Fiedeler, die Teilnehmergebühr beträgt 60,- Euro.



Während der HSV dabei ist, die Bayern 2:0 zu besiegen . . . 

. . . . passieren also auch andernorts in Hamburg am sonnigen Samstag unweit der Außenalster merkwürdige Dinge.

Cello-Quartett

Ein Cello-Quartett aus zwei links- und zwei rechtshändigen jungen Spielerinnen und Spielern, Schülern von Ilka Wagener, erfüllt den Raum. Im Halbrund sitzen vom Publikum aus gesehen die Linksspieler links und die Rechtsspieler rechts. 
Links gespiegeltes Klavier ertönt vom Elektro-Piano durch die offensichtlich wohlgeratenen Loso-Söhne, Frédéric und Jefferson Loso. Man wird über ein schwieriges Thema sprechen: Linkshändigkeit. 


Winfried Stegmann, Leiter der Landesmusikakademie Hamburg (mit Ulrike Beißenhirtz) wird von der Idee zu einem solchen Symposium schon seit vielen Jahren umgetrieben. Wir zitieren aus seinem Statement (Auszüge):

Winfried Stegmann

Nachdem einer meiner Gitarrenstudenten am Hamburger Konservatorium als Linkshänder den Wunsch äußerte, das Instrumentalspiel umzulernen (Anm.: von rechter auf linke Spielweise zu wechseln), habe ich mich intensiv mit dem Thema "Linkshändigkeit &  Musik" beschäftigt.  .....  In einer Zeit, in der die individuelle Förderung und Entwicklung der Kinder zurecht immer mehr an Bedeutung gewinnt und auch die Instrumentalpädagogik immer feiner und differenzierter wird, gehört die Frage einer händigkeitsgerechten Entwicklung in jedes (!) pädagogische Curriculum. Gerade in der Musik, wo es um Kreativität und persönlichen Ausdruck, aber auch um komplexe motorische Abläufe geht, verdient ein so wichtiger Aspekt der Persönlichkeit besondere Beachtung.


Zur gleichen Zeit, 400 Kilometer weiter südlich: Wuppertal.
Ein Gitarrenladen in Sichtweite der Schwebebahn: "Hardline".

Im Hardline-Fenster spiegelt sich die Schwebebahn

Schon durch das Schaufenster erkennbar stehen dort auf einem Podest reinrassige Linkshänder-Gitarren (Richwood). Zwei akustische und eine halbakustische mit cut-away. In der E-Ecke stößt man dann auch noch auf drei elektrische . Ab 139 Euro aufwärts bis 399 Euro. Wohlgemerkt: Der Besuch des Linksspielers war nicht angemeldet. Die Linkshand-Gitarren stehen an exponierter Stelle, als sei dies das Normalste auf der Welt. Eddi, der kompetente Mann mit gelungener Elvis-Tolle, zeigt die Schätze und hat Zahlen parat: 

Eddi praesentiert drei LH-Gitarren

- Lagerbestand durchschnittlich ca. 300 Gitarren
- davon 6 Linksmodelle = 2%
- diese sind gut sichtbar gekennzeichnet und stehen direkt beieinander
- sie sind spielbereit und können in aller Ruhe ausprobiert werden
- pro Jahr verkauft man ca. 15 LH-Gitarren
- trotz des noch geringen Anteils sieht man eine steigende Nachfrage

Gehandelt wird zweigleisig. Sowohl über das Ladengeschäft als auch über den Cyber Rockstore von ebay. Linkshandgerechtes Feingefühl beweisen die Hardliner auch in der angegliederten Musikschule "Rock'n'School" (Schlagzeug, Gitarre, Bass, Keyboard). Von zur Zeit 30 Schlagzeugschülern spielen 3, also 10%, links herum. Von 70 Gitarrenschülern spielen ebenfalls 3, also 4,3%, mit links. Und dies, obwohl die Lehrkräfte selbst allesamt Rechtsspieler sind.

Im Vergleich mit der Left Hand Corner-Gitarrenhändler-Umfrage von 1997 liegt "Hardline" am oberen Ende der Skala. Alle damals befragten Händler mit einem Lagerbestand bis 500 Gitarren hatten z.B. Links-Gitarren nur "hin und wieder" im Angebot. Und auch die "Rock'n'School" unterscheidet sich deutlich von ewig-konservativen Instituten (siehe Left Hand Corner-Umfrage von 1998). Allein durch  die Tatsache, dass sogar Schlagzeug-Schülern, die links spielen, die Toms und Tams, Hats und Snares richtig herum aufgebaut werden, empfiehlt sich diese Musikschule für Linksspieler (aber natürlich auch für Rechtsspieler). 

Hardline music & Rock'n'school, Friedrich-Engels-Allee 4, 42103 Wuppertal
Tel. 0202-446 88 00, www.hardline-music.de 
Geöffnet Montag bis Freitag 10-13 und 14-19.30 Uhr, Samstag 10-16 Uhr.


Zurück in Hamburg.
Frau Dr. Johanna Barbara Sattler aus München, seit 1985 bekannt als Pionierin für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder, erklärt in den ersten zwei Stunden die Grundzüge ihres Werkes. Zwei Stunden, die dem eigentlichen Thema "Musizieren" fast verloren gehen, aber mit den Grundzügen der Linkshänderberatung nach der Methode Dr. Sattler vertraut machen. Bewegung kommt in das 60-köpfige Auditorium, als der Beweis erbracht wird, dass Händefalten und Armeverschränken (und vermutlich auch Beineübereinanderschlagen) keine brauchbaren Diagnosehilfen bei Bestimmung der Händigkeit darstellen. Als die unterschiedlichen Arbeitsweisen der rechten und linken Gehirnhälfte dargestellt und dabei die "optimistische" linke (bei Rechtshändern dominante) und die "pessimistische" rechte (bei Linkshändern dominante) erwähnt werden, kommt ein lauter Zwischenruf einer Dame aus dem Auditorium. Das sei ja wohl vollkommen unwissenschaftlich und wertend, von optimistisch und pessimistisch zu reden, fast schon diskriminierend. 

Johanna Barbara Sattler

LHC-Lesehinweis: "Linkes Rechtes Gehirn" von Sally P.Springer und Georg Deutsch,  (Siehe Left Hand Corner-Literaturliste). Der dort erklärte "Wada-Test" (1977) zeigte tatsächlich die unterschiedlichen Rezeptionsstrategien der Gehirnhälften zwischen Niedergeschlagenheit und Hochstimmung. 

Aus Ratlosigkeit in Bezug auf die komplexen Funktionen und Abläufe im Gehirn und deren Auswirkungen im allgemeinen und zur "Seitigkeit" im besonderen wird in dem oben erwähnten Springer/Deutsch-Buch kein Hehl gemacht. In 14 Kapiteln tauchen mindestens 10 mal Aussagen auf, die Ungewissheit oder Zweifel bekunden: "Wir wissen noch nicht. . . " oder "Wir vermuten, dass. . ." oder "Häufig widersprüchliche Befunde . . ." oder "Es bleibt noch zu klären. . . ." oder "Es ist noch nicht vollständig anerkannt. . . " oder "Von der zukünftigen Forschung erhoffen wir uns Hinweise darauf, wie dies alles zusammenpassen soll." 

Diese Ehrlichkeit ist aber besser, als eine "Überinterpretation von Befunden aus der Hirnforschung", vor der der Herausgeber, Bruno Preilowski (Professor für Physiologische Psychologie, Uni Tübingen), warnt. Gleichwohl finden Überinterpretation, Dramatisierung und Mystifizierung in den Medien mit schöner Regelmäßigkeit statt. 

Wir lesen zum Beispiel in der deutschen Ausgabe der "Medical Tribune" vom 11.2.2005 auf Seite 3 die Überschrift: "Eigentlich zum Aussterben verurteilt . . . Wie Linkshänder überleben". Zum x-ten Male wird da die uralte "Schwerthand-Theorie" aufgekocht, nach der Linkshänder angeblich besser zuschlagen können und deshalb noch nicht ausgestorben sind. Oder die "Westdeutsche Zeitung"  vom 22.10.2005 verrät das "Geburtstags-Geheimnis": Linkshänder erblicken angeblich bevorzugt zwischen September und Februar das Licht der Welt. 

Left Hand Corner bleibt dabei: Linkshänder existieren genau so real wie Rechtshänder. Das Warum und Wieso sind erst einmal völlig belanglos. Es gibt uns. Auch in einer Welt voller Rechtshänder.


Der nächste Referent ist Walter Mengler. Cellist im Sinfonieorchester Aachen, Musikpädagoge und Fachautor. Er präsentiert uns ein links winkendes Krebsgetier und erinnert durch seinen herzerfrischenden Vortrag daran, dass hier über ein heiteres, die Welt verschönerndes und bereicherndes Thema gesprochen wird: Die Musik. 

Walter Mengler

Er ist selbst Linkshänder. Aber in seiner täglichen Berufspraxis rechts spielend. Zur Zeit denkt er nicht an eine Rückschulung auf die linke Bogenhand. Und damit streifen wir auch schon einen wichtigen Fragenkomplex im Bereich "Linkshänder": Die Rückschulung (bei ursprünglich verwendeter dominanter, dann aber umgeschulter Hand) bzw. Neuschulung (bei bisher nicht verwendeter dominanter Hand). Wann ist sie sinnvoll und empfehlenswert? Wann und warum eher nicht? Wie kann ein vorübergehender, sich je nach näheren Umständen manchmal über Jahre hinziehender Leistungsabfall überbrückt werden, wenn die Tätigkeit täglich und dazu noch "perfekt" ausgeführt werden muss? Ist ein regelmäßiger  Wechsel der Spielhand auf Dauer ratsam? 

Geht man von den Erfahrungen vieler Betroffener beim Schreiben aus, ist es nur schwer vorstellbar, z.B. morgens mit rechts und nachmittags oder abends mit links zu schreiben. Oder verhält es sich bei der Musik doch ganz anders und könnte ein "beidhändiges" Spiel sogar neue Kreativ-Türen öffnen? Alles Fragen, die noch viel Forschung und Diskussion verlangen. Dass solche Fragen überhaupt aufgeworfen und angestoßen werden, ist allein schon ein großes Verdienst dieser Symposiums-Premiere.

Um den berühmten "Flow", eine Art lustvoller Trancezustand während intensiver Betätigung, auch beim Cellospielen erreichen zu können, ist die Verwendung der dominanten Hand für das Bogenspiel eigentlich unumgänglich. Unzählig viele Stricharten der Bogenhand aber nur wenige unterschiedliche Bewegungsabläufe der Griffhand unterscheiden rechts und links deutlich. Ausdruckswille und Ausdrucksfähigkeit brauchen die Bogenhand, die den "Frosch", den Griff am Bogen, leicht und unverkrampft halten muss, wenn ein kreatives Spiel entstehen soll. Sogar beim Erzeugen eines Vibratos bestimmt der Bogen einen großen Teil der Tonbildung . Menglers Beobachtungen an sich selbst, seinen Kollegen und Schülern ergeben: Die Aufgabenverteilung der Hände spricht für eine Verlagerung des Bogens in die dominante Hand.

Die Greifhand ist eher haltend, zuarbeitend, untergeordnet.
Die Bogenhand vollführt die komplizierten Bewegungen, erfordert mehr Kraft und höheren Emotionsgehalt.

Zur aktuellen Situation: Herr Mengler weiß von 30 in Deutschland professionell links  spielenden Cellisten. Weitere 50 bis 100 jugendliche Links-Streicher, die sich noch in der Ausbildung befinden, werden demnächst die Orchester bereichern. Die werden dann nicht "mit angezogener Handbremse" spielen, wie viele ihrer umgeschulten Kollegen. "Der Zug des Links-Streichens ist in Bewegung geraten", schließt Walter Mengler seinen höchst aufschlussreichen, kurzweiligen und optimistischen Vortrag. 

Viel Interessantes ist im Script zu seinem Vortrag zusammengefasst (Auszug):

In der Geschichte der Musikausübung wurde die Seitenwahl eher offen gehandhabt, Blasinstrumente waren meist für beidseitigen Gebrauch konzipiert. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Streichinstrumente seitenvertauscht gespielt wurden. Erst mit der erheblichen Steigerung der Anforderung an die Aufführungsqualität in den (Anm.: letzten) Jahrzehnten (Funk, CD etc.) sind Ansätze des Ausprobierens der beiden Seiten fast völlig verschwunden. Nach der Befreiung der Schreibhand erkennt man mehr und mehr die Bedeutung der Händigkeit beim Musizieren. 50 - 100 jugendliche Streicher spielen heute entsprechend ihrer Händigkeit seitenvertauscht. Die Erfahrungen sind durchweg positiv, besonders augenfällig sind die Folgen der "Befreiung" bei denen, die zum Teil nach Jahren noch umlernen. (!)
Den Berufsorchestern ist der Gedanke, Linksstreicher aufzunehmen, zur Zeit noch recht fern, in den Schulorchestern gibt es im Allgemeinen keine Akzeptanzprobleme. Linksstreicher benötigen unter Umständen ein wenig mehr Platz, ein zusätzliches Pult kann hilfreich sein. Die optische Beeinträchtigung wird nach kurzer Eingewöhnungszeit nicht mehr als störend empfunden. Inzwischen werden immer mehr Streichinstrumente als Linkshänderinstrumente angeboten, sowohl im Verleih, als auch im Verkauf. Neue Instrumente werden meist ohne Mehrkosten als LH-Instrumente gebaut. Das Unterrichten eines Linksspielers erfordert außer gutem Willen keine besondere Umstellung, lediglich die Wortwahl rechte und linke Hand muss allgemeingültig gefasst werden (Greifhand und Bogenhand).


Während der Mittagspause haben einige Teilnehmer eine kurze, zufällige und amüsante "Klopapier-Autogramm"-Begegnung in der Einkaufspassage mit dem Musik-Fachmann Roger Willemsen, nicht ahnend, dass der HSV zu diesem Zeitpunkt schon 1:0 führt gegen Bayern.


Dann hören wir Herrn Geza Loso aus Trier, den berühmten ersten Eigentümer und meisterhaften Spieler eines ausgewachsenen Linkshänderflügels (Blüthner Leipzig). 

Geza Loso

Erstaunt erfahren wir, dass bedingt durch die Umstände nach dem schlimmen 11.9.2001 noch kein weiterer Linkshänderflügel gebaut worden ist. Eine für damals geplante Werbekampagne in den USA sei bis heute nicht gestartet worden. Vielleicht sollte man unseren Vorzeigelinkshänder Bill Clinton mal an solch einen schönen Blüthner-Flügel setzen, denke ich. Als praktizierender Saxophonist müsste der das doch auch hinkriegen. 

Und wieder steht eine Frage im Raum: Wie verhält es sich mit "beidhändigem" Spiel?
Geza Loso praktiziert das Klavierspiel an beiderlei Instrumenten. Linken und rechten. Neben seinem Flügel in Trier spielt er, wie auch hier, auf einem elektronisch umgepolten Keyboard. Ebenso hat er aber auch regelmäßig Auftritte an rechtshändigen Instrumenten.

Fuer Elise von rechts nach links

Seit 2001 hat er acht verschiedene Versionen einer neuen, linkshändergerechten Notation ausprobiert, entworfen und teilweise wieder verworfen. "Sie waren alle besser, als die normale", sagt Geza Loso. Die zur Zeit aktuelle Version wird mit normalen, also nicht gepiegelten Noten, von oben nach unten und von rechts nach links, geschrieben. Die Frage nach der Notation eines eventuellen Textes konnte noch nicht geklärt werden. Soll dieser dann in Spiegelschrift ebenfalls von rechts nach links verlaufen? Oder in Normalschrift? Herr Loso stellte einen Vorschlag bis Mitte Oktober in Aussicht. (www.gezaloso.de). 

Auf seiner Webseite findet man neben vielen Informationen rund ums Flügelspiel auch einige Left Hand Corner-Fotos zu Finger- und Handübungen für Linksspieler. Zum eigenen Nachteil sitzt der Pianist allerdings einem möglichen Irrtum auf, wenn er bei einem Vergleich eine positive Entwicklung im Bereich der Nachfrage und Verfügbarkeit bei zahnärztlichen Behandlungseinheiten sieht. Sollte an der Situation, wie sie noch 1996 in "Zahnärztliche Mitteilungen" dargestellt wurde, sich nicht Gravierendes geändert haben, sieht es mit der Präsenz von linkshandgerechten Arbeitsplätzen für Zahnärzte nicht gerade rosig aus. (LHC-11 April 2000, S.37). Zitat: "In nur wenigen deutschen Ausbildungsuniversitäten finden sich reine Linkshänderstühle. Gibt es mehr linksorientierte Studenten als Stühle, beginnt jeden Morgen das grosse Rennen, und man kann sicher sein, dass es ein ständiges Gerangel bleibt. In Würzburg hat man zum Beispiel bei der Planung der Neuausstattung gänzlich von dem Konzept der Linkshandförderung Abstand genommen." Und: "So gibt es in Düsseldorf nur Rechtshänder-(behandlungs-)Einheiten und jeder Linkshänder wird sich dort innerhalb der ersten zwei Jahre, gegebenenfalls zähneknirschend, umgewöhnen müssen."

Dies schwere Los wollen wir Herrn Loso und der wagemutigen Firma Blüthner nicht wünschen. Bei allem aufzubietenden Optimismus wird aber sicherlich noch so manch harte Überzeugungsnuss zu knacken sein, bis in jeder Musikschule auch ein Linkshänderklavier steht.



Solveig Fiederling

Jetzt sind alle gespannt auf die vorletzte Referentin, Frau Solveig Fiedeler, linkshändige Flötistin und Musikpädagogin aus München. "Was machen Sie mit bockigen Kindern", fragt sie die Zuhörer. Mit der Zeit gelingt ihr, was sie beabsichtigt: zu provozieren. Einem Teilnehmer platzt förmlich der Kragen, als er sie bittet, jetzt doch mal von der Selbstdarstellung zum Thema zu kommen. Spannung baut sich auf. Provokation als Selbstzweck? 


Bayern München liegt schon 2:0 zurück, 

Thomas Stoelzl

als Thomas Stölzl, der Schlagzeuger und Musikpädagoge aus Graz und Salzburg in Österreich das Podium betritt. Seine Sprache klingt nach Mozart und Schubert, aber auch nach EAV und Falko, jedenfalls sympathisch-musikalisch. Er hat Handfestes zu sagen und zu trommeln. Direkt aufs Rednerpult trommelt er, zeigt dabei den Unterschied zwischen der führenden und der eher "mitmachenden" Hand. Er weist auf die Dynamik hin, die auch beim Schlagzeug eine große Bandbreite umfasst. Eine Trommel kann mit fünf Prozent aber auch mit 100 Prozent Intensität gespielt werden. Auf die Stufen dazwischen kommt es beim kreativen Spiel an. Und das kann sich nur dann ganz entfalten, wenn die Aufstellung und Nutzung der Instrumente der angeborenen Seitigkeit entspricht. 

Er befürwortet, nicht zuletzt aus eigener Erfahrung heraus, neben der Respektierung der Seitigkeit bei Anfängern auch eine Rückschulung auf die dominante Seite bei bereits länger spielenden Musikern. Er selbst ist das beste Beispiel für positive Effekte durch eine Rückbesinnung. Er erlebte die Heilung einer chronischen Nervenentzündung an beiden Händen durch die linkshändergerechte Umstellung des Schlagzeuges. Sehr anschaulich hat er Abläufe und Umstände dazu auch schon in einem Artikel in Left Hand Corner Nr. 4 im Sommer 1998 geschildert.

Mit lang anhaltendem Beifall wurde Herr Stölzl, dessen Flieger zurück in die Alpenwelt schon wartete, verabschiedet. 


Das Schlussplenum

Fazit: 
Der Initiator hatte sich gewünscht, "dass dieses Symposium aufmerksam macht und zu Diskussionen anregt." Musikpädagogen sollen immer mehr nachfragen, welche Händigkeit ihre Schüler mitbringen und nach Wegen suchen, sie gemäß ihren Anlagen zu fördern. Dieses Ziel wurde in Hamburg erreicht.

Hoffen wir, dass Winfried Stegmanns Wünsche flächendeckend aufblühen und nicht nur an der Waterkant Widerhall finden. Dann werden wir vielleicht bald überall nicht nur Quartette sondern sogar ganze Orchester mit wahrhaft symmetrischer Aufstellung und glücklich-unbeschwert mit links und rechts aufspielenden Musikerinnen und Musikern antreffen. 

Wo auf der einen Seite für mehr Liberalisierung geworben und gleichzeitig Problematisierung betrieben wird, erwächst die Gefahr, dass der langsam in Bewegung geratene Linkshänderzug wieder ins Stocken gerät und die Fahrgäste ratlos auf offener Strecke wieder aussteigen. So, wie im Bereich der allgemeinbildenden Schulen noch bei vielen Lehrkräften Nachholbedarf besteht, leidet gerade auch die Musikpädagogik unter einer weitgehend konservativen Haltung gegenüber der Links-Rechts-Frage. "Ach wissen Sie, eigentlich ist es egal, ob sie rechts oder links spielen, üben müssen Sie auf jeden Fall, dann spielen Sie doch der Einfachheit halber rechts." Rational lässt sich die Verweigerungshaltung vieler Musik-Lehrkräfte, auch Links-Schüler zu unterrichten, nicht begründen. Tief verwurzelte Vorurteile und die Befürchtung, die eigene Lebensfilosofie ("Mir hat das auch nicht geschadet") in Frage stellen zu müssen, führen oft zu einer erstaunlichen Linkshänder-Feindlichkeit.

Wenn Eltern, Schüler und Musiker mehr und mehr ihr Recht auf Respektierung der Händigkeit einfordern, werden noch viele Musikpädgogen mit auf den Linkshänderzug aufspringen, wo man sie als gern gesehene Mitfahrgäste begrüßen wird, auch wenn sie Rechtsspieler sind.



Links:
Hier auf lefthandcorner.wtal.de finden Sie mehr Artikel und Aufsätze zum Thema Musik und Linkshändigkeit (ARTIKEL/Infos/Musik). In unseren LINKS finden Sie wichtige einschlägige Adressen. Außerdem:

www.landesmusikakademie-hamburg.de
www.clement-weise.de (Geigenbauer)
www.ratz-mkn.de (Kinnhalterbauer)
www.hardline-music.de (Gitarrenladen und Musikschule in Wuppertal)

(c) Norbert Martin, Left Hand Corner Wuppertal, Dezember 2005

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