Ein paar Worte zum Schlagzeug 
von Thomas Stölzl, Graz

(Dieser Artikel ist erschienen in LHC-04 07-1998)

 LH-Schlagzeug
Grundsätzlich kann, wie bei so vielen anderen Tätigkeiten auch, gesagt werden, dass Menschen mit einer grossen Begabung und viel Fleiss selbst bei Nichtberücksichtigung ihrer genetisch veranlagten Händigkeit sehr viel erreichen können. Ich gebe jedoch folgendes zu bedenken: Selbst die Allerbesten unter den am Instrument Umgeschulten haben das Problem, dass sie - natürlich so gut wie nie absichtlich - ihr Gehirn umpolen müssen (wenn es das nicht ohnedies von klein auf schon ist). Demjenigen aber, der auf seine Händigkeit Rücksicht nimmt -vorausgesetzt, dass diese ihm überhaupt bewusst ist - bleibt dieses Umpolungsverfahren erspart und damit auch die möglichen (negativen) Folgeerscheinungen:

1) Physisch
Sehnenscheidenentzündungen oder Nervenentzündungen an einer oder an beiden Händen.

2) Mental
-Anfangs grosser Enthusiasmus und nach einiger Zeit plötzliche, unerklärliche Unlust, die oft dazu führt, das Instrument „an den Nagel zu hängen“
-Kommunikationsprobleme mit Mitmusikern
-Übertriebenes Lampenfieber  

Ich selbst bin Linkshänder, habe 13 Jahre lang Schlagzeug gelernt und studiert, als wäre ich Rechtshänder. Mein erster Lehrer hatte mir freigestellt, wie ich spielen will. Ich wollte keine Umstände machen und habe mich für die Aufstellung meines Lehrers entschieden, also rechts. > Typisches Verhalten für Linkshänder in unserer Gesellschaft<   

Ich habe mein Musikstudium abgebrochen. 

Später einmal habe ich für einen linkshändigen Schüler das Schlagzeug linksherum aufgebaut, selbst probiert - das erste Mal nach 13 Jahren des Schlagzeugspielens ! -Mir ging ein Licht auf !-

Ich habe mich rückgeschult und mein andernorts zuvor schon wieder begonnenes Schlagzeugstudium diesmal abgeschlossen. Natürlich war das nicht ganz leicht. Es waren allerdings von Anfang an, nebst viel Ärger und Kummer über Versäumtes, drei Vorteile klar zu erkennen:

1) Physisch
Ich habe einige Jahre vor meiner Rückschulung am Schlagzeug massive Probleme mit einer Nervenentzündung an beiden Händen gehabt. Ein Monat nach Beginn der Rückschulung waren diese Schmerzen beinahe verschwunden. Wenig später und seitdem hoffentlich für immer, traten diese nie wieder auf.

2) Mental
Mehr Spass bei den Proben und Auftritten.

3) Musikalisch
Besseres Entscheidungsvermögen bei der Auswahl von Übungen, Liedern, bei der Frage, welcher Rhythmus zu welchem Lied etc.

Der einzige Nachteil meiner Rückschulung war, dass ich in meinem Können weit zurückgeworfen wurde. Ich hatte allerdings das Glück, mit rücksichtsvollen Freunden in einer Tanzband erneut Routine sammeln zu können. Ungefähr drei Jahre nach meiner Rückschulung hatte ich mein vorheriges Niveau überholt.

Als genereller Nachteil für Linkshänder, die linksherum Schlagzeug spielen, könnte ins Feld geführt werden, dass auf grösseren Bühnen bei Teilnahme mehrerer Bands oft nur ein Schlagzeug für alle aufgebaut wird (meistens für Rechtshänder). Deswegen sollte aber nicht umgeschult werden ! Lieber das eigene Schlagzeug mitnehmen, wie bei jedem anderen Auftritt auch. Dadurch bieten sich gleich zwei zusätzliche Vorteile: 

1) Es muss nicht auf einem fremden Schlagzeug gespielt werden.
2) Man lernt, seine Interessen im Umgang mit Tontechnikern und 
Veranstaltern durchzusetzen, was auch auf anderen Ebenen (z.B. Einstellung des Schlagzeugsounds) nützlich ist.

Für kurze Auftritte kann es genügen, Snare, Hi-Hat und Standtom des vorhandenen Schlagzeugs umzustellen.

Aufgrund meiner persönlichen Erfahrung kann ich Linkshändern nur raten, links herum zu spielen. Es gibt meiner Meinung nach kein vernünftiges Argument, es anders herum zu machen!

Hier die übliche Grundaufstellung für Linkshänder (vom Spieler aus gesehen) : 

LH-Schlagzeug-Aufstellung von oben gesehen
Linker Fuss für Bass Drum, Rechter Fuss für Hi-Hat, Snare zwischen den Beinen. Links vom linken Bein Standtom. Hängetoms: Grösseres Tom links, kleineres Tom rechts Becken: Ridebecken links, Crashbecken rechts

1= Bass Drum  2= Snare  3= Hi-Hat  4=kleines Hängetom
5=grosses Hängetom  6=Standtom   7=Crashbecken   8=Ridebecken
(Thomas Stölzl, Graz)



Berühmte linkshändige Schlagzeuger (Liste unvollständig) :
Phil Collins, Mickey Dolenz (The Monkees), Thomas Stölzl

Lehrbücher für Schlagzeug
Warum sollte die Situation hier anders sein, als auf dem Gebiet der (Musik-) Lehrbücher generell: Von Ignoranz bis Zaghaftigkeit zum Thema LH ist alles vertreten. Den Gipfel des Blödsinnes bilden jene Machwerke, die dem vertrauensvollen Schüler zum Thema Lateralität eine Breitseite Schwachsinn auf seinen Übungsweg mitgeben:

Es sei völlig unerheblich, ob das Schlagzeug links- oder rechtsherum aufgebaut werde, welche Hand die Führungshand darstelle und mit welchem Fuss Bass-Tom und Hi-Hat bedient würden. Also könne man sich ohne weiteres auf die rechts-artige Aufstellung der Geräte einigen. Bei der Percussion müssten sowieso immer beide Seiten trainiert werden, weshalb das Thema „Seitigkeit“ schnurzpiepegal sei. Solch Zeug wird immer noch unter die Leute gebracht, stammt also nicht aus dem letzten Jahrhundert.  

Die gemässigteren Werke weisen immerhin darauf hin, dass es so etwas wie „Linkshänder“ gibt auf der Welt. Und diese sollten im Kopf einfach alle Übungsanleitungen herumdrehen bzw. den Buchstaben R = rechts durch L = links, ersetzen. Danke, sehl komfoltaber.  
Die intelligenteste Gestaltung zeigen jene Lehrbücher, die auf die Buchstaben L + R ganz verzichten und statt dessen Symbole verwenden. Also z.B. 
O = dominante Seite    o = nicht dominante Seite



Marschmusik.  
Die dürfte für Linkshänder wohl weniger geeignet sein, wenn marschmässig auch nach aussen hin ein „ordentliches Bild“ erwartet wird. Keiner tanzt aus der Reihe, Augen geradeaus, links-zwo-drei-vier. Ein linkshändiger Trommler hat sein Instrument an der anderen Hüfte hängen, als seine rechtshändigen Mitmarschierer. 

Da erhebt sich schon einmal die Frage, ob denn wirklich alles im Leben so fürchterlich einseitig vonstatten gehen muss. Wer würde sich mit Schreikrämpfen am Boden wälzen, Schaum vor dem Mund, angesichts eines oder mehrerer linkshändiger TrommlerInnen  in einem Blechmusik-Marschierblock ?

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