-Geige-   Terje Moe Hansen, Norwegen

Auszugsweise Übersetzung eines Interviews mit dem norwegischen Violin-Professor und -Virtuosen aus : "News & Views" Official Publication of the European String Teacher's Association, Summer 1999 (24 No.2) von Anne Inglis, London, "Balancing Music and Technique":

Ausgewogenheit zwischen Musik und Technik 

Terje Moe Hansen
Terje Moe Hansen (46)

Sie erhielten Ihre erste Geigenstunde im Alter von 20 Jahren. Warum so spät ? Was veranlasste Sie, anzufangen ? Warum spielen Sie linkshändig ?

Sehen Sie, mein Vater war ein Amateur-Geigenbauer. Einmal bat er mich, auf einem seiner Instrumente zu spielen, damit er die Klangqualität prüfen konnte. Intuitiv nahm ich den Bogen in die linke Hand und das Instrument auf die rechte Schulter. Es gab damals in meiner Heimatstadt keine Musikschulen. Zum Glück traf ich einen ansässigen Amateur-Violinisten. Er war bereit, mir Unterricht zu geben und nach drei Monaten Üben wurde ich als Student am Konservatorium in Oslo angenommen. Mein Lehrer wollte, dass ich den Bogen mit der rechten Hand führe, aber ich konnte nicht. Mein Talent war weg. Mit den falschen Händen (With the wrong hands) konnte ich sofort einen recht schönen Klang erzeugen, Lagenwechsel vollführen und auch schon ein primitives Vibrato erzeugen. Um die letzte Frage zu beantworten, brauchen wir die Hilfe von Experten. Und ehrlich gesagt, als ein Lehrer mit alternativen Lösungen habe ich kein Problem damit. Ich denke, manche Spieler sind einfach prädestiniert dafür, anders (links) herum zu spielen. Aber ich sehe die praktischen Probleme beim Spielen im Orchester. Andererseits ist es in einem Streicher-Quartett praktisch, da beide Violinen, einander gegenüber platziert, den Zuhörern zugewandt sind. 

Wir sehen in der heutigen Musikwelt junge, extrem talentierte Spieler, die technische Grenzen sprengen. Wie ist es mit dem erwachsenen Spieler, der sich musikalisch und technisch weiter entwickeln will ?

Bei all den Anstrengungen, dem Ansehen und der Unterstützung, die wir für die Ausbildung junger Talente aufbringen, sind diese Ergebnisse nur natürlich. Ich denke, die nächste Revolution beim Violin-Spiel wird bei der Entwicklung des durchschnittlichen erwachsenen Musikers stattfinden. Wenn ein Musiker heute ein bestimmtes Alter erreicht hat, wird er von einer Abwärts-Spirale erfasst, welche dem Erreichen einer virtuosen Technik in jungen Jahren folgt. Ich denke, wir pflegen allzu sehr unsere Versuche, kompetente Pädagogen zu sein, statt zum Hören auf Experimente und zu individuellen Lösungen zu ermuntern. Lernen durch Kopieren und Assimilieren ist für einen jungen Spieler leicht. Dieser Prozess geht bei Erwachsenen langsamer. Viele von uns (Lehrern) haben noch Probleme bei der Konfrontation mit einem erwachsenen Anfänger. Der erwachsene Spieler muss inspiriert werden, sein Lernen selbst zu gestalten. Ein Kind kann Sevcik spielen, aber der Erwachsene muss sein eigener Sevcik sein. Durch Analyse und Experimentieren können wir lernen, unserer Intuition und Impulsen zu folgen. Der Code, welcher unser musikalisches Talent frei setzen kann, unterscheidet sich von dem jedes anderen Spielers. Der letzte Schliff muss jedem Spieler alleine überlassen werden. (The final adjustments must be left to each and every player alone.) So können wir alle unser eigenes Spiel revolutionieren.

Bilden Sie nur die talentiertesten Studenten aus ? Haben Sie auch Privat-Schüler ?

Ich habe eine Klasse an der Norwegischen Staatlichen Akademie. Zusätzlich lehre ich eine begrenzte Anzahl privater Studenten. Als Pädagoge halte ich es für wichtig, auf unterschiedlichen Ebenen zu lehren.

So weit das Interview.

Anne Inglis verdeutlichte uns gegenüber ihren Eindruck vom meisterlichen Spiel Hansen's:
"Wenn man die Augen schliesst, vergisst man, ob er links- oder rechtshändig spielt." (If you close your eyes, you forget, if he's playing left- or righthanded). 

Herr Hansen unterrichtet zur Zeit 10 Studenten, die alle rechtshändig spielen. Vor einigen Jahren hatte er auch einmal einen linkshändig Spielenden. Seitdem allerdings nicht mehr. Da zeigt sich wieder einmal das ganze Umschulungs-Dilemma, welches bereits im Anfängerstadium seinen Lauf nimmt. Die Probleme sind: 

Zu viele rechtshändig orientierte Lehrkräfte bei Anfängern 
Mangelnde Möglichkeiten, Leih- und Anfängerinstrumente auch für linkshändigen Gebrauch zu bekommen.

Die Modifikation der Instrumente wird allzu sehr problematisiert.

Dabei ist alles relativ einfach und man kann von vier unterschiedlich intensiv auf LH umgebauten Geigen sprechen: 

LH-Geige
Version A = Notfall-Version
1. Die Saiten müssen spiegelbildlich aufgezogen werden.
2. Die "Brücke" muss um 180° gedreht werden
3. Ein symmetrischer Kinnhalter (ab ca. 13 DM bis ca. 70 DM) muss auf der rechten Seite, von vorn gesehen, angebracht werden. Oder ganz ohne Halter, nur mit einem Tuch o.ä. spielen. Oder den Kinnhalter auf der "Diskant-Seite", also links, wo die hohen Saiten sind, anbringen. Eine Spielweise aus früheren Jahrhunderten.

Version B = etwas luxuriöser
1) - 3) wie Version A, aber Ausführung des Umbaues durch eineN FachmannIn. (Herrn Pfürtner, dem Geigenbaumeister in der Luisenstrasse in Wuppertal-Elberfeld, danken wir an dieser Stelle recht freundlich für seine interessanten Auskünfte und wünschen ihm noch viele Einkünfte.) Der Geigenbauer fertigt eine spezielle Brücke an und passt sie ein. Dafür sind ca. 100 DM zu veranschlagen.
 

Version C = gehobener Luxus
Hier wird auch die spiegelbildliche Umversetzung der 4 Wirbel in Angriff genommen. Der komplette Umbau bleibt also der Fachkraft überlassen. Gesamtkosten für Wirbel, Brücke und Umsaitung ca. 250 DM. Mit ungefähr dieser Version hat Terje Moe Hansen dank seines hobby-mässig Geigen bauenden Vaters die ersten zwei Jahre seiner Geigen-Laufbahn verbracht. D.h. für eine passable Anfänger-Geige von ca. 700 DM legt man für den LH-Umbau noch einmal ein Drittel dazu. Wie uns Herr Hansen versicherte, ist eine dermassen umgebaute Geige auf jeden Fall brauchbar, der kleine Mangel an perfekter Klangqualität sei zu verschmerzen. 

LH-Geigendecke Innen
Version D = absoluter Luxus mit Innen-Leben
Die LH-Geige. Ab ca. 1600 DM darf man darauf hoffen. Hier stimmt alles. Auch das Innen-Leben. Bassbalken und Stimmstock sind richtig angeordnet. Der Stimmstock ist ein kleines Stöckchen, welches Decke und Boden der Geige verbindet. Der Bassbalken verleiht dem Klang der Geige den letzten Schliff, ähnlich den Verleistungen im Inneren einer Gitarre (s. LHC-1 10-1997) Frei atmet das Instrument und kann uns führen in "das Reich, nach dem wir uns so sehnen" (Sophia Willems, WZ).


Wir fragten nach beim grössten deutschen Geigen-Hersteller, der Karl Höfner GmbH in 91088 Bubenreuth. 
Nein, LH-Kinnhalter oder gar Anfänger-Instrumente für Linkshänder (ca. 700 DM) würden nicht lagermässig geführt. Der (zusätzliche) Einzelpreis für einen LH-Kinnhalter betrage ca. 50 DM, Lieferzeiten seien in Kauf zu nehmen. "Reinrassige" LH-Geigen (mit dem richtigen Innenleben) würden nur in den höheren Preisklassen (ab ca. 1600 DM), dann allerdings zum gleichen Preis wie RH, geliefert. 
Übrigens rühmt die Firma Höfner sich damit, dass der gute alte, weltweit als spielender Linkshänder anerkannte Paul McCartney, bereits 1961 einen Höfner-Bass erstanden hat. Offensichtlich dient dieser "Beatle-Bass" (500/1 LH Vintage '63 DM 2.725,00) denn auch als Alibi für Linkshand-Freundlichkeit. Ausser bei diesem Nobel-Instrument ist in dem umfangreichen Katalogwerk, sowohl bei Geigen als auch Gitarren, nirgends ein Sterbenswörtchen über LH zu finden.

Als berühmter linkshändiger Geiger wird iFunktionen der Schnecken LH-Auflistungen oft Paganini genannt. Wir fragten Terje Moe Hansen, ob damit Paganini's Linke als Spiel- oder als Greif-Hand gemeint sei. Doch ihm war nicht bekannt, dass jener überhaupt als Linkshänder bezeichnet wird.

Aber Eines zumindest haben beide gemeinsam: Geburtstag am 27. Oktober ! 

(Für die Herstellung des Kontaktes zu Anne Inglis, London bedanken wir uns bei Thomas Stölzl, Graz!)

zurück zum Anfang    zurück zu Auswahl Musik   zurück zu Infos