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Akkordeon und Linkshänder

Wenn Siegfried Binder links spielen würde

. . . so ungefähr sieht das aus, wenn links herum gespielt wird. (Abb. aus einem Hohner-Katalog. Der Akkordeon-Profi Siegfried Binder wurde gespiegelt.) 

Wir fragten den Produkt-Manager Horst Fausel von der Hohner Musikinstrumente GmbH & Co.KG im schwäbischen Trossingen nach der Situation in Bezug auf linkshändiges Spielen bei Akkordeons. (Anmerkungen in Klammern von LHC = Left Hand Corner, Abkürzung LH = Linkshänder):

LHC:
Gibt es Akkordeons speziell für Linkshänder?

Hohner:
Nein. 

LHC:
Wieviele Anfragen nach LH-Instrumenten erhalten Sie im Durchschnitt pro Jahr?

Hohner:
In den letzten 10 Jahren (1996-2006) habe ich zwei bis drei Anfragen erhalten.

LHC:
Gehen wir richtig in der Annahme, dass Sie deshalb eine Herstellung von LH-Instrumenten nicht beabsichtigen?

Hohner:
Ja.

LHC:
Ist ein umgekehrtes Anschnallen und Spielen Ihrer Instrumente möglich, sodass sich links die Klaviatur und rechts die Akkord-Tasten befinden?

Hohner:
Ja. Das ist möglich und es gibt, bzw. gab einen in Musiker-Kreisen sehr Rudolf Würthner spielte linksbekannten, auf diese Weise spielenden Virtuosen: Rudolf Würthner (geboren 13.8.1920, gestorben 3.12.1974, von 1947-1963 Leiter des weltberühmten Hohner-Akkordeon-Orchesters aus Trossingen. Weitere Infos siehe unten).

LHC:
Wie ist der Tonhöhen-Verlauf bei "normalen", rechtsseitigen Klaviaturen und wie wird gespielt?

Hohner:
Oben auf der Klaviatur sind die tiefen (Bass-) und unten die hohen (Diskant-) Töne. 

LHC:
Also ist es beim LH-Spiel genau umgekehrt. Oben hoch und unten tief.

Hohner:
Richtig. In der Regel spielt man auf der Klaviatur (mit der rechten Hand) mit allen fünf Fingern und auf der anderen Seite nur mit einem Drei-Finger-System.

LHC:
Funktioniert das umgekehrte Umschnallen bei allen Akkordeons problemlos?

Hohner:
Ja, kann man so sagen: Ja. Manche Instrumente haben an den dafür vorgesehenen Stellen jeweils schon vorgefertigt doppelte Haltepunkte für den oberen und unteren Gurt. Aber bei einigen Modellen müsste das nachträglich angebracht werden, was aber nicht sehr aufwändig ist. 

LHC:
Und wie ist das mit der Luftklappe?

Hohner:
Beim normalen Tragen wird sie mit dem Daumen der linken Hand betätigt. Umgekehrt dann mit dem kleinen Finger der rechten Hand. Die Luftklappe dient zum Ausströmenlassen der nach dem Spielen noch im Faltenbalg befindlichen Luft. Das heißt, während des eigentlichen Spielens wird sie nicht betätigt. Nur bei diatonischen Akkordeons braucht man die Luftklappe auch während des Spielens. Deshalb ist der Luftklappenknopf bei dieser Instrumentenart in der Regel auch zentraler angebracht.

LHC:
Was kostet eigentlich ein Akkordeon im Laden?

Hohner:
Gute Anfänger-Instrumente gibt es ab 700 Euro, sehr gute Instrumente starten bei ca. 3500 Euro und Spitzen-Instrumente liegen bei 20- bis 30-Tausend Euro. Convertor-Akkordeons gibt es ab ca. 10 Tausend Euro.

LHC:
Was sind Converter-Akkordeons?

Hohner:
Bei dieser Art kann man zwischen "Freebass", also Einzeltonbass und den Akkorden des Quintenzirkels hin und her schalten, sodass es zusammen mit der Klaviatur auf der anderen Seite im Freebass-Modus möglich ist, z.B. auch klassische (durchkomponierte) Stücke zu spielen, d.h. auch jede  (kleine, knopfartige) Akkord-Taste ist mit nur einem Ton (in chromatischer Reihe), statt mit einem Dreiklang belegt.

LHC:
Also entsteht dadurch so etwas wie "Gleichberechtigung" zwischen beiden Händen?

Hohner:
Das kann man so sagen. Unser Service-Leiter hier bei Hohner ist auch Linkshänder, spielt das Akkordeon aber in der üblichen Haltung und ist bei den Akkord- bzw. Bass-Tasten, die er ja mit der linken Hand spielt, ganz hervorragend.

LHC:
Herr Fausel, herzlichen Dank für das Gespräch. 



Mit Rudolf Würthner begegnen wir einem Schicksal, das dem des Worpsweder Künstlers mit dem "Künstlernamen" Heini Linkshänder, 68, (siehe ARTIKEL/Bilder/Norbert Martin-Galerie) ähnlich ist. Beide sind ursprünglich Rechtshänder. Beide haben bei einem schweren Unfall Amputations-Verletzungen rechts erlitten. Heini Linkshänder verlor seinen rechten Unterarm bis über das Ellbogen-Gelenk, Rudolf Würthner verlor beim Unfall mit einer Landmaschine große Teile von Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. Aber im Gegensatz zum bereits 1974 im Alter von 54 Jahren verstorbenen Musiker erfreut sich der bildende Künstler bester Gesundheit.

Der Historiker des Deutschen Harmonikamuseums in Trossingen, Herr Heffner, nimmt an, dass Würthner nicht zuletzt aus Gram über den Niedergang der Harmonika-Musik und die Schließung des Harmonika-Orchesters schon so früh verstorben ist. Seine Blütezeit erlebte das Akkordeon in den 1920/30er Jahren. Nach 1950 ebbte seine Popularität zwar mehr und mehr ab, ist aber bis heute sowohl in der Unterhaltungs-Musik, als auch in Konzertsälen präsent. In allen Winkeln der Welt wird Ziehharmonika gespielt und Musikstile wie Musette, Tango, Cajun und Zydeco wären ohne Handzuginstrumente undenkbar.

Rudolf Würthner betrachtete das Orchester des Hauses Hohner als großes Orchester und besetzte es mit 25 Akkordeons, 3-6 Electronien und Clavinet. Soloparts wurden manchmal auch von Mundharmonika-Virtuosen übernommen. Mit Professionalität und hohem künstlerischem Niveau setzte Würthner für die Akkordeonorchester völlig neue Maßstäbe, an denen die Musiker sich bis heute messen. 

Wer nun trotzdem vor der Anschaffung eines 10 bis 15 kg auf die Waage bringenden Akkordeons zurückschreckt, aber gleichwohl ein tragbares polyphones Instrument mit angenehm-metallischem Klang sucht: Mundharmonika! Es gibt eine Riesen-Auswahl an Hohner-"Bläsle" für jeden Geschmack und Geldbeutel. Musik machen im Grünen, in der U-Bahn, am Lagerfeuer oder sogar im Weltall, wie es als erster Mensch der Gemini-Raumschiffkapitän Walter Schirra 1965 mit einer Hohner "Little Lady", der kleinsten Mundharmonika der Welt, tat. 

Links die Little Lady, rechts das etwas größere Schwesterlein

Wie bei jedem Musikinstrument fängt man am besten mit einem einfachen, aber soliden Modell in einer gängigen Tonart, z.B. A oder C, an. Mundharmonika-Spielen ist relativ einfach erlernbar. Learning by doing funktioniert garantiert. Nicht nur der Atemapparat und die Lippen, auch die Zunge spielen mit. Und beide Hände. Oder nur eine Hand. Links oder rechts. Oder gar keine, wenn man einen Haltebügel oder gesunde Zähne hat.

Links:
www.hohner.de
www.harmonika-museum.de
www.akkordeon-online.de

(c) Norbert Martin Left Hand Corner Wuppertal 03/2006

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