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MALEN, SPRÜHEN, BILDER machen (1)

(Dieser Artikel ist erschienen in LHC-10 01-2000 zusammen mit dem LHC-Fragebogen mit Michel Leymann. Einige Wuppertaler Grafitti finden Sie unter ARTIKEL/Bilder)
Michel Leymann (24), Schüler + Maler, WuppertalMichel Leymann 1999

" Mit 24 bin ich schon ein Oldie in der Graffiti-Szene ", sagt "Mitch" ohne Bedauern. Seit 10 Jahren "malt" er nur mit der Sprühdose, ohne dabei auf Schablonen zurück zu greifen. Jeder hat seine eigene Strategie, seine eigenen Vorlieben für Technik, Stil und Inhalt. 

Zur Zeit holt er in der Abendschule sein Abitur nach und möchte dann am liebsten Kommunikations-Design in Wuppertal studieren. Anfang der 80er Jahre eingeschult, wurde er in diesen modernen Zeiten auch nicht mehr umgeschult. Allerdings hat ihm auch niemand, wie das ja auch heutzutage noch unter dem grösseren Teil der Lehrerschaft üblich sein dürfte, eine ergonomisch eher sinnvolle Schreibhaltung gezeigt. So dreht er halt das Blatt ca. 60 Grad nach rechts und schreibt zudem von oben, ähnlich der berühmten "Hakenhaltung". Wie viele andere nicht schreib-umgeschulte Linkshänder auch, fühlt er sich wegen seiner Händigkeit nicht benachteiligt, hält aber das "Schreiben mit Füller" für das grösste Handicap wegen des bei seiner Schreibhaltung relativ unvermeidlichen Verwischens. 

Wenn vom "Sprayen" die Rede ist, verwendet man in der Szene das Wort "Malen". Gleich drei seiner näheren Maler-Kollegen sind ebenfalls Linkshänder. Eine auch für ihn bemerkenswerte Häufung, die ihm eigentlich erst jetzt durch den LHC-Fragebogen bewusst wurde. 

Sprayer müssen schnell sein, das Bild grob bereits im Kopf haben. Diese Kunstform hält einen regelrecht auf Trab. Der sportliche Aspekt ist nicht zu unterschätzen. Klettern, Hangeln, Springen, Schleichen sind nur einige der Disziplinen, die vor Erreichen der Mal-Stätte zu absolvieren sind, ganz zu schweigen vom mehr oder weniger fluchtartig anzutretenden Rückweg. 1993 nahmen ihn Herren aus der Sonderkommission "Grafitti" unweit eines S-Bahn-Depot's nach Fertigstellung eines Bildes in Empfang und er wurde doch wirklich und wahrhaftig zu drei Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Absitzen musste er die Strafe allerdings nicht. 

Michel's Bilder sind überall in Wuppertal zu sehen. Warum sprayt er ? "Auffallen, Spuren hinterlassen, ich bin da", sagen. Hinzu kommt der nicht zu unterschätzende Kick des Ungewöhnlichen, teilweise Verbotenen. Wie erhebend der Augenblick, wenn der nächtens verzierte Waggon bei Tageslicht in angemessenem Tempo vorbei zieht und das Kunstwerk durch die Landschaft trägt. Das "TAG" , die Signatur, verhilft zu Identifikation in der Szene, wozu auch die sachverständigen Gesetzeshüter zu zählen sind. 

Falls dereinst diese Form der Kunst das Stigma der "Schmiererei" verloren haben wird, können die Sonder-Kommissare sich ja auch als "Kunstführer" verdingen, sind gerade ihnen doch die Werke und ihre Macher bestens vertraut und zudem fotografisch bis in's Detail dokumentiert. Das wäre doch einmal eine vertrauensbildende Massnahme: Graffiti-Ausstellung im Polizei-Präsidium.

Wilde Sekunden-Grafitti, Wupp., 01-2000
Mal im Ernst: Ist denn ein schönes, grosses Bild im Freien, an welcher Wand auch immer, ein solch katastrophaler "Schaden"? Zusammengebrochen ist dadurch, soweit bekannt, noch keine Mauer, noch kein Zug entgleist.
Westd.Zeitung 16.12.1999
Michel "Mitch" Leymann haben wir nach unserem ersten und bisher leider einzigen Treffen aus den Augen verloren. Zwei Termine sind radikal geplatzt; auch telefonisch war nichts zu machen. Jedenfalls von hier aus alles Gute, wie auch immer. So müssen wir also weiter rätseln, welche Bilder im Wuppertaler Stadtbild seiner linken Hand entstammen. (-:°

Auszug aus der Internet-Seite der Firma Farben-Jenisch: www.farben.com:
Graffiti (Singular: Graffito)
Graffiti bedeutet „in Wände eingeritzte Inschriften“. Graffitis sind keine Erfindung unserer Zeit. Graffitis sind in jeder Zeitepoche zu finden. Im alten Pompeji hat die Lava ausser den kulturhistorisch bedeutenden Wandgemälden in den Häusern reicher Bürger auch eine ganze Subkultur von in die Mauern geritzten Schmähschriften, Karikaturen und Obszönitäten konserviert.
Eine neue Welle der Graffitis wurde 1968 von einem Jugendlichen in Manhatten ausgelöst. Man schrieb seinen Vornamen und die Nummer der Strasse, in der man wohnte, mit Filzstift an die Wände. 1971 entstanden dann die ersten mit Farbdosen aufgesprühten, über einen halben Meter grossen Graffitis. Unter-schiedliche Schriftstile bildeten sich heraus. Farbige Umrisslinien, die Outlines und zusätzliche bildhafte Darstellungen betonten die Individualität und die Krea-tivität. Mittlerweile hat sich ein typischer Graffitistil herauskristallisiert: Im Mit-telpunkt steht ein Wort in dekorativ gestalteter, ornamentaler Schrift mit einem oftmals als Wolke ausgeführten „Background“. Auf einzelnen Buchstaben oder auch daneben sind sternförmige Strahler, die sog. „Highlights“ gesetzt. Als weitere Schmuckelemente werden Kugeln, Wolkengebilde, Pfeile, Farbeffekte und Symbole eingesetzt. Figürliche Elemente, meist aus Comics entnommen, vervollständigen die Graffitis. Natürlich hat es zu jeder Zeit auch politisch motivierte, oftmals auch für radikale Gruppen um Sympathie ringende Graffitis gegeben.

Die Wissenschaftler der Universität Köln fanden heraus, dass mittlerweile fast die Hälfte der Bevölkerung Graffitis positiv bewertet und als Bereicherung der sonst so grauen Umwelt empfindet. Die Sympathie gilt aber nicht den aufgesprühten Parolen, sondern den bildhaften Graffitis.
Einen wesentlichen Beitrag hierzu leistete der als „Sprayer von Zürich“ bekannt gewordene Harald Naegeli (60) . Von 1977 bis 1979 verzierte er Zürichs Betonwelt mit schätzungsweise 400 bis 600 Strichfiguren aus der Spraydose.

Um die bildhaften Graffitis zu legalisieren und die jugendlichen Sprayer aus dem Untergrund zu holen, wurde 1986 in München die EGU, die Euro - Graffiti - Union, Gesellschaft für Strassenkunst und Jugendkultur, gegründet. Leider ist unter der von Jenisch angegebenen Tel.Nr. niemand zu erreichen, auch im Internet war nichts über die "EGU" zu finden.



MALEN, SPRÜHEN, BILDER machen (2)

(War Albrecht Dürer Linkshänder?)

(Dieser Artikel ist erschienen in LHC-10 01-2000)

"Ich male nicht, was ich sehe, sondern was ich gesehen habe." 
(Edvard Munch, "Der Schrei")

" . . . Wirksam helfen kann das allgemein großflächige und dann immer kleiner werdende Malen von  Formen. . . . Wichtig ist dabei, von großen Bewegungen, die aus dem Arm heraus kommen, zu immer kleiner werdenden Bewegungen überzugehen, bis sich am Ende nur noch die Finger bewegen." (Dr. Johanna Barbara Sattler)

"Die menschliche Fähigkeit ist . . . , Ideen abzugeben" (Joseph Beuys)

"Ich kann nicht mehr mit dieser Unbekümmertheit drauflosmalen, sitze statt dessen oft lange sinnierend vor der jungfräulichen Leinwand." (Leo Leonhard)

" . . das Zeichnen . . . ist doch nur ein Schlüssel, der die Tür zu anderen Zielen öffnet". (Betty Edwards)

"Kunst soll nicht hingenommen werden, sondern bietet immer eine Plattform zur Auseinandersetzung" (Heini Linkshänder)



"Was tun Sie am liebsten mit links?" 
Auf  diese Frage Nr. 2 im Left Hand Corner-Frage- und Antwortbogen antworteten  3  von 7  Kandidaten : MALEN, ZEICHNEN.


Auch das Weisseln einer Zimmerdecke ist "Malen". Denn plötzlich ist etwas da (die aufgetragene Farbe), das vorher nicht da war. Darum scheint es zu gehen: Hinterlassen von Spuren (die jetzt helle Decke sagt: Da war jemand tätig), Erzeugen von Stimmungen (Der Raum wirkt jetzt hell). Gedanken und Ideen erkennbar und lebendig machen. Erinnerungen konservieren und beim späteren "Spuren lesen" abrufen. Eine einmal gezeichnete Landschaft wird einem unvergesslich bleiben und bei oft Jahre späterer Betrachtung der Zeichnung  lebendig vor einem liegen


Ist das Kritzeln mit dem Kugelschreiber "Malen"? Warum nicht. Es muss nicht immer gleich ein komplettes Kalligrafie-Set sein, auf allerfeinstem Bütten. Oder Eimer von Farbe, riesige Paletten, fabrikähnliches Atelier. Nein, Malen kann man fast immer und überall, wo "Warten" angesagt ist. Besteht nicht das halbe Leben aus "Warten"? Z.B. auf Reisen, im Konzert, im Restaurant, bei Krankheit. Deshalb ist es sinnvoll, immer eine kleine Grundausstattung, z.B. ein kleines, möglichst unliniertes Notizbuch in A6 und einen Kugelschreiber oder Bleistift bei sich zu haben. Wichtig ist, Zeichen-Rhythmen zu finden und diese durchzuziehen. Deshalb sollte am Rand des Bildes oder auf einem separaten Blatt genug Platz sein, um den Stift, das Instrument, aufzuwärmen, zu "stimmen", Rhythmen anzutesten und erzielbare Helligkeits-Unterschiede auszuprobieren. 

In der ratternden Eisenbahn entwickelt sich sicher ein anderer Takt, Tempo, Intensität etc. als auf einer Parkbank oder im Auto. Der Zeitaufwand und der Stil für eine Skizze können völlig unterschiedlich sein. 
Einige Beispiele für Kugelschreiber-Skizzen finden Sie in ARTIKEL/Bilder/Norbert-Martin-Galerie



Wachs-Malstifte oder Pastell-Ölkreide (empfehlenswert: "Jaxon") lernen Kinder meist spätestens im Kindergarten kennen. Aber ebenso können auch Erwachsene ihre Freude daran haben. Besonders im Hinblick auf das oben stehende Zitat Frau Dr. Sattler's (s. LHC-09 10-1999, S.16), von grossflächigen zu immer kleiner werdenden Bewegungen zu gehen, verdient genauere Beobachtung und lässt sich mit diesem Malmittel auf kräftigem, weissem Papier hervorragend umsetzen. Eine Fläche von A4, besser A3 oder grösser, sollte zur Verfügung stehen. Als "Staffelei" kann eine Zimmertür dienen. Einfach aufkleben (empfehlenswert: "Scotch"-Klebeband, da leicht abnehmbar). 

Die ganze Fläche "einwachsen", günstigerweise mit hellen Farbtönen. Grosszügig umgehen mit der Farbe. Weitere, dunklere Farbflächen darüberwachsen. Wichtig ist, die eingewachsten Flächen mit dem Daumennagel sorgfältig zu glätten. Später können dann mit den unterschiedlichsten Werkzeugen (Messer, Gabel, Kamm, Kratzer), Feinheiten bis zur Millimeter-Grösse, heraus gekratzt werden. Unterschiedliche Kratztiefen ergeben unterschiedliche Farbeffekte. Nach dem Kratzen immer wieder glätten, Wachs-Krümel mit der flachen Hand zügig entfernen und ab und zu weg saugen. 

Mit Wachs können auch leicht Kopien von Bildern hergestellt werden. Dabei wird die Rückseite des zu kopierenden Bildes gleichmässig, mit beliebigen, eher dunklen Farben eingewachst. Dann wird dieses "Original" auf die Malfläche geklebt, damit das Bild mittels "Durchschrift" (wie bei Kohlepapier) übertragen werden kann. Dazu kann z.B. ein Kugelschreiber mit leerer Mine verwendet werden. So ist auch das Bild "Curt Cobain" (A2-Format) von N. Martin entstanden.

Auf's Sprühen braucht man auch innerhalb geschlossener Räume nicht zu verzichten. Die Firma P & M Promotions Ltd. stellt den sogenannten "Blitzer" her, einen Blasebalg mit einer Halterung für Filzstifte, die so zu Blitzer-Sprüh-GerätAirbrush-Malmitteln werden. Ein witziges Gerät, bei dem sowohl Grobmotorik, als auch genaues Zielen lustvoll geübt werden können. (Flüssige Sprühfarbe lässt sich natürlich auch gut mit einem mit dem Mund zu blasenden "Firnis-Röhrchen" aufbringen. Da kann auch genauer gezielt werden.)

Reizvoll ist die Mischung unterschiedlichster Techniken. Warum sollte man sich Beschränkungen auferlegen ? Probieren geht über studieren. 

Gerade im Hinblick auf eine (Re-) -Aktivierung der linken, durch Umschulung unterforderten Hand ist auch die Einbeziehung von "Schrift-Bildern" denkbar, z.B. der spielerische Umgang mit Spiegelschrift, aber auch mit probeweisen Normal-Schriftzügen mit der linken Hand. 

Mit den oben genannten Techniken ist das Bild "OW2" entstanden. Siehe ARTIKEL/Bilder/Norbert-Martin-Galerie/Raum 3



Vor waghalsigen Hirnexperimenten im Kunstunterricht soll hier gewarnt werden. Wie beim Schreiben, sollten auch beim Malen und Zeichnen keine "Beidhänder-Züchtungsversuche" unternommen werden. Natürlich muss man je nach Technik auch einmal die nicht dominante Hand einsetzen. Aber eine dauernde Belastung der nicht dominanten Seite dürfte auch bei der bildnerischen Gestaltung ähnliche Folgen wie die Umschulung der Schreibhand haben.

Als berühmter linkshändiger Maler wird oft Albrecht Dürer genannt. Wir fragten den in Mainz lehrenden Kunst-Professor und Künstler Leo Leonhard, worauf sich diese Behauptung stützt. Herr Leonhard teilte mit.

"Ich habe mir einige Dürer-Zeichnungen genau angesehen und bin zum Ergebnis gekommen, dass sie mit grosser Wahrscheinlichkeit mit der rechten Hand gezeichnet wurden, auch wenn man das beim Formstrich nicht ganz so sicher sagen kann, wie bei der Parallelschraffur (z.B. bei Leonardo). In kunstwissenschaftlichen Schriften ist mir bisher noch nichts über diesen Sachverhalt unter die Augen gekommen."

Also lassen wir als vorläufigen Beweis für Dürer's Linkshändigkeit eine Radierung von Leo Leonhard von 1989 gelten: "Dürer malt den Kaiser"  ; und zwar mit links. In der rechten Hand hält er Palette und Malstock. Siehe ARTIKEL/Bilder/Dürer malt.

"Das habe ich bewusst in Kauf genommen", sagt Leonhard, der sich selbst als umgeschulten Linkshänder bezeichnet. Deshalb schreibt er rechts und mühelos Spiegelschrift mit links. Auch bei seiner Kunst übernimmt die rechte Hand die Hauptarbeit. Im Kunstunterricht stellt das Thema Händigkeit seines Erachtens kein "Problem" dar.



Anmerkung:
Für das Zeichnen und Malen gelten sinngemäß auch die für das Schreiben gegebenen Empfehlungen bezüglich Beleuchtungsrichtung, Bewegungsfreiheit etc. Siehe ARTIKEL/Infos/Schreiben

13 Bildbeispiele des schon immer linkshändig zeichnenden und malenden Linkshänders Norbert Martin finden Sie in ARTIKEL/Bilder/Norbert-Martin-Galerie. 

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