Die rechte Welt
um ein Buch reicher ?

Ein schönes neues Buch zu unserem Lieblingsthema. Da kann man der rechtshändigen Autorin Andrea Scholtz (42) aus Stuttgart und den Beteiligten zunächst einmal gratulieren.
Titel-Links-Rechts-AScholtz
 Der Deckel des großzügig gestalteten Schwarz-Weiß-Bandes in der für die FSB-Edition (insgesamt 15 Werke seit 1987) bekannten Qualität beschreibt: "Linkshänder in einer rechten Welt" und zeigt das links schreibende Mädchen als schrägen Vogel in einer geradeaus schreibenden "rechten" Welt. Die Schultafel ist Startpunkt für einen Ausritt auf  scheinbar bekannten Pfaden in die schräge Welt der "Spezies Linkshänder". 

Nicht überall, wo "Linkshänder" drauf steht, ist auch "Linkshänder" drin. Man kennt das von einigen Scheren, die als links- und rechtshänder-geeignet etikettiert sind, in Wirklichkeit aber reine RH-Produkte sind. 

Und nicht jede Publikation zum Thema, in welcher Form auch immer, muss zwangsläufig Fortschritte zu mehr Gleichberechtigung und ein Zurechtrücken der noch immer in der Gesellschaft tief verwurzelten Vorurteile bringen. Das ist seitens der jeweiligen Autoren sicherlich keine böse Absicht. Aber die Frage ist berechtigt, ob ein Sammelsurium an LH-Kuriositäten im Mix mit unkommentierten, teilweise längst überholten wissenschaftlichen Aussagen in einem 1999 erschienenen Buch noch zeitgemäß ist. 

Unübersehbar ist das Bestreben der Autorin nach "Ausgewogenheit". In neun Portaits von "Betroffenen" lernen wir kennen: Den "umgewöhnten Linkshänder", den "umgewöhnten Rechtshänder", die "umgetrimmte Linkshänderin", den "Mischhänder und -füßer", den "linkslastigen Beidhänder", den "verkappten Linkshänder" und den "mal Rechts-, mal Linkshänder". (S. 20-29) 

So richtig unbehaglich wird dem linkshändigen Leser dort, wo er auf die insgesamt 26 Zitate aus Martin Schmauder's Werk "Einfluss der Händigkeit bei der Handhabung von Arbeitsmitteln" (Hrsg. Bundesanstalt für Arbeitsschutz, Dortmund 1992) stößt. Linkshänder seien eine "weniger asymmetrische, eine viel ausgewogenere Spezies Mensch", lesen wir im Kapitel über händigkeitsgerechte Gestaltung. Ganz abenteuerlich wird es, wenn die Autorin Herrn Schmauder direkt zu Wort kommen lässt: . "Man müßte in manchen Dingen eher auf die Rechtshänder als auf die Linkshänder Rücksicht nehmen". (S. 85) 

Auf diese Textpassage angesprochen, erklärte Frau Scholtz, das habe der Herr Schmauder doch eher "scherzhaft" gemeint. Es darf also gelacht werden

Unter dem Gesichtspunkt "Scherzartikel" verlieren dann auch ähnlich gewagte Aussagen der Autorin zu Themen wie Umschulung oder Musizieren glücklicherweise etwas an Verwirrungskraft: 

• In deutschen Schulen werde "seit den siebziger Jahren nicht mehr umerzogen", außer "in Waldorfschulen" und "in der Familie".  (S.31) 

• ". . . machen es viele andere Linkshändige, die ihre Rechtshändergitarre einfach umdrehen und spiegelbildlich spielen." Oder:  "Andere Linkshänder drehen ihre Hand über dem Gitarrenhals um, so daß sie die Taktsaiten mit dem kleinen Finger spielen."    (S. 69) 

Als positives Gegenbeispiel sei verwiesen auf: Rolf W. Meyer, Linkshändig? 1991, 1997, Seite 68): "Geigen und Gitarren können umgestellt werden, so dass die linke Hand den Bogen hält bzw. die Saiten anschlägt. Mit diesen Tätigkeiten scheint der künstlerische Ausdruck besonders verbunden zu sein , während das richtige Greifen der Saiten eine akkurate technische Tätigkeit ist, die von der nicht dominanten Hand übernommen wird." 

Basta, klar und deutlich und zudem noch zutreffend. Aber natürlich mag es Linkshänder geben, die auch einmal in der von Frau Scholtz geschilderten Weise Gitarre spielen, genau so, wie es Fahrradfahrer geben mag, die es vorziehen, nur auf dem hinteren Rad zu fahren, dabei auf der Lenkstange zu sitzen und La Paloma zu singen. 

Zum Thema "Umerziehung in Schulen" sei der Autorin doch einmal empfohlen, einen genaueren Blick in die Rahmenrichtlinien der 80er und 90er Jahre, wenigstens auszugsweise,  zu werfen  (s. LHC-1 10-1997 und LHC-3 04-1998), ganz zu schweigen von der an Diskriminierung grenzenden Äußerung, nur noch "in Waldorf-Schulen" würde umgeschult. 
Literatur-LinksRechtsAScholtz-Küche
Alles in Allem: Gestalterisch ein schönes Buch, übersichtlich strukturiert, reich illustriert und mit einem ausführlichen Quellenverzeichnis(*)  und Register versehen. Ein Hauptnutzen des Buches: Es wirft Fragen auf und hilft dem kritikfähigen Leser zu verstehen, warum sich bisher in der Gesellschaft so wenig bewegt in Richtung eines positiven Zusammenwirkens von Links- und Rechtshändern. Vor allem, was die Welt der Arbeit betrifft, öffnen die reichlichen Zitate  aus M. Schmauder's Werken die Augen für die Zusammenhänge von gesetzten Prämissen (Geschicklichkeits-Vergleichstests zwischen umgeschulten Linkshändern und nicht umgeschulten Rechtshändern, das meint zwischen Äpfeln und Birnen) und deren teilweise fatalen Ergebnissen und Auswirkungen in der Gesellschaft. 

Bereits im Vorwort erhebt der Herausgeber Jürgen W. Braun für dieses Buch den Anspruch auf  "wissenschaftlich wertvolle Rechts-Links-Forschung" der Autorin. Daran muss sie sich messen lassen. 

Wir sehen hier leider tief  betroffen eine  verwirrende Mischung aus Sach- und Lachbuch, wobei die "Lachstellen" als solche hätten gekennzeichnet werden sollen. Oder sollen wir gar weinen, wenn wir auf Seite 78 lesen:  "Auch in Zeitungsberichten ist immer wieder von Linkshändigkeit als Indiz zur Überführung von Tätern zu lesen." ? 

Wie uns Mitte November '99 mitgeteilt wurde, war die Erstauflage von 7000 Stück zu jenem  Zeitpunkt bereits vergriffen. 

Norbert Martin, Dezember 1999 

Scholtz,  Andrea 
Links-Rechts: Linkshänder in einer rechten Welt;  ein Buch über Händigkeit
(Hrsg.: FSB-Franz Schneider Brakel). - Köln: König, 1999, 
ISBN 3-88375-325-4, 104 Seiten, A4-Format, gebunden, 36 DM

(*) Ein Kommentar von Inken Spreda zur urheberrechtlichen Behandlung von Quellen im Zusammenhang mit dem Buch von Andrea Scholtz findet sich in 
"Die deutsche Linkshänderseite" unter "Rechtliches", letzte Rubrik www.linkshaenderseite.de

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