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Linkshändige Kinder richtig fördern?

Selbstsicher und couragiert oder verunsichert und problematisiert?
Sylvia Weber's Buch hilft Kleinkinder beobachten, wirft Fragen auf und bleibt Antworten schuldig.

Ein kleiner Berg von sechs Büchern in 10 bis 20 Minuten.

Von Frau Dr. Sattler aus München ("Der umgeschulte Linkshänder") ist bekannt, und daraus hat sie auch nie einen Hehl gemacht, dass sie selbst umgeschulte Linkshänderin ist, die nach wie vor, aus welchen Gründen letzten Endes auch immer, mit rechts schreibt und somit aus eigener Betroffenheit heraus nicht müde wird, vor einer Rückschulung beim Schreiben zu warnen. Von der "Betroffenheit" der Autorin des Taschenbuches 
"Linkshändige Kinder richtig fördern",  Dipl.Biologin Sylvia Weber, erfahren wir im Geleitwort Dr. Satt- ler's. Auf Frau Weber's homepage www.linkshaenderberatungsstelle.de erfahren wir Genaueres: Sie habe ihre Linkshändigkeit erst als Erwachsene "entdeckt", habe vor fünf Jahren mit der Rückschulung begonnen und sei bereits nach neun Monaten zur Linkshänderin geworden. So richtig glücklich scheint sie damit nicht geworden zu sein. Oder will sie ihr Glück für sich behalten? Oder ist sie gar wieder zur Rechtshänderin geworden? Warum problematisiert und verunsichert sie, gibt Rätsel auf und liefert statt Antworten 12 Seiten Häkeln, Stricken, Sticken? 

Titelbilder - Weber - Sattler - Scholtz 05-2003

Springen wir also hinein in ihr im April 2003 erschienenes Büchlein, oder halt!, bleiben wir zunächst beim Titelbild stehen: Ein Mädchen schreibt links. Holen wir das kurz zuvor, im Januar 2003, im Auer Verlag Doanuwörth erschienene Sattler-Buch ("Das linkshändige Kind - seine Begabungen und seine Schwierigkeiten" LHC-Prädikat: empfehlenswert) hervor: Ein Mädchen schreibt links. Da fällt uns das 1999 im Verlag Walther König Köln erschienene Buch der Rechtshänderin Andrea Scholtz ("Links-Rechts -  Linkshänder in einer rechten Welt") ein: Ein Mädchen schreibt links (und eins rechts). 

Ob sich für diese illustrierte Dominanz des weiblichen Geschlechtes im Weber-Buch eine Erklärung findet? Tatsächlich, auf Seite 35-36, stoßen wir auf einen geschlechtsspezifischen Hinweis: "Darüber hinaus kann das ständige Wechseln der Arbeitshand als diagnostisches Merkmal für Teilleistungs- störungen und Entwicklungsverzögerungen herangezogen werden, die in jedem Fall behandlungsbedürftig sind, auch in Fällen, wenn sie kaum auffallen oder, wie es gerade bei Mädchen vorkommen kann, scheinbar gut kompensiert werden (Sattler 2001a, 143).

Nun kennen wir die angegebene Sattler-Quelle (Artikel aus "Kinder und Jugendarzt") zwar nicht, wissen aber, dass die seit Kramer (1970) bekannten Statistiken über Häufigkeit der Linkshändigkeit bei Kindern fast durchweg einen deutlich höheren, teilweise fast doppelten Anteil an Knaben, Buben und Jungs ausweisen. Kramer schrieb dazu: "Da die Mädchen motorisch meist geschickter und beweglicher sind als die Knaben, wenigstens in einem bestimmten Alter, könnte es auch sein, dass sich ihre Motorik leichter anzupassen vermag."

Es wäre fatal, wenn aus solchen Äußerungen eine größere Förder-Bedürftigkeit der Linkshändigkeit bei Mädchen abgeleitet würde, zumal der Grund für das offensichtlich häufigere Auftreten der Linkshändigkeit beim männlichen Geschlecht noch nicht restlos geklärt ist und eine Umschulung bei Jungen genau so schädlich ist, wie bei Mädchen. Der "Elternverein NRW" (www.elternverein-nrw.de) warnt sogar schon vor einer übermäßigen "Verweiblichung" der Pädagogik in Kinderhorten, Grund- und Hauptschulen, bei der die Jungen als "Opfer der Gleichberechtigungswelle" auf der Strecke blieben. Versuchen Sie einmal, lieber männlicher Leser, in einer Runde von Pädagoginnen, Ärztinnen, Therapeutinnen, Kindergärtnerinnen und Handarbeitslehrerinnen den Sinn eines Strickunterrichtes für Schuljungs in Frage zu stellen. Aber hallo! Strafende Blicke sind noch das Harmloseste. 



Da präsentieren wir zur ausgleichenden Entspannung gerne noch das Titelbild derTitel Lechts oder Rinks Bildgeschichte über die starke linke Hand, "Lechts oder Rinks" von Eric Morava und Norbert Martin: Hier sind die Titelrollen gleichmäßig auf Eva und Adam verteilt. Aber in den Hauptnebenrollen, zugegeben, ist "Lechts oder Rinks" dann doch ziemlich mann-lastig. Männlich sind außer Adam noch: der Lehrer, Herr Dinks (Mr. Deft), der Arzt und, natürlich, der Vater von Eva. Für eine geschlechtsmäßig ausgewogenere Quote werden Fortsetzungen von "Lechts oder Rinks" sorgen. Allerdings ist Eva, das Schulmädchen in dieser ersten Ausgabe von Anfang bis Ende die Hauptperson. Näheres zu diesem Werk finden Sie unter ARTIKEL/Infos/Medien/Lechts oder Rinks.


Wie nun soll es weitergehen, wenn das Kind, ob Junge oder Mädchen, bereits in den Brunnen gefallen, also schon umgeschult ist? Kann uns dazu Frau Weber Neues raten oder finden wir auch zu diesem so wichtigen Punkt nur wieder, was wir bei Frau Dr. Sattler ausführlich nachlesen können? Nicht nur nichts Neues finden wir, sondern die Autorin scheint die verständlichen Sattlerschen Bedenken zu einer Rückschulung doch so extrem verinnerlicht zu haben, dass sie vom Warnen, Problematisieren und Verunsichern gar nicht mehr ablassen will. 

Was wir da auf den Seiten 51-53 lesen, kann von Rat suchenden Eltern nur als ein absolutes Abraten von jeglicher Korrektur einer Umschulung verstanden werden. Wer es dennoch wagt, den lässt Frau Weber mit einem prall gefüllten Päckchen voller Umschulungsfolgen im Regen stehen: "...es besteht jedoch keine Garantie, dass alle beobachteten Schwierigkeiten vollständig behoben werden können." Und weiter: "...auch ein vorübergehendes Abrutschen im gewohnten Leistungsniveau kann Konsequenzen haben, die nicht mehr akzeptabel sind." Doch auch die Erwachsenen selbst lässt sie lieber weiter im Umschulungs-Sud schmoren: "Fest steht, dass die Flexibilität und Regenerationsfähigkeit des erwachsenen Gehirns nicht mehr mit denen eines Kindes zu vergleichen sind. Eine späte Rückschulung ist ein Experiment, bei dem niemand vorhersehen kann, ob es gelingt.

Wovor soll man sich nun mehr fürchten, vor den Umschulungsfolgen, die sie auf immerhin vier Seiten vor uns ausbreitet, oder vor der Rück- schulung? Schade, dass hier eine Chance verpasst wurde, Sicherheit zu erzeugen, Courage zu fördern und Lösungsansätze zu bieten.

Für Leserinnen und Leser, die sich mit diesem Buch zum ersten Mal mit der Linkshändigkeit bei (ihren) Kindern befassen, bietet Frau Weber ganz sicher auch Nützliches an. Besonders ihre genauen Beobachtungen zur "motorischen Ent- wicklung des Kindes unter dem Aspekt der Händigkeit" in zeitlich akkuraten Schritten von der Geburt bis zum sechsten Lebensjahr, können nicht nur Eltern und/oder Erziehern, sondern auch Kinderärzten eine Hilfe bei der frühzeitigen Feststellung der Händigkeit oder auch eventueller Entwicklungsstörungen sein. Auch ihre praktischen Tipps für das Zurechtfinden in einer an "Rechtshändern orientierten Umwelt" sind sicher eine gute Ergänzung des schon vor Jahren in der gleichen Buchreihe "Kinder sind Kinder" erschienenen Büchleins "Linkshändige Kinder in Familie und Schule" von Alfred Zuckrigl.

Doch gegen Ende ihres Werkes reißt sie uns auf Seite 73 noch einmal jäh hinab in fast Unglaubliches! Da nimmt sie sich der Musikinstrumente an, verweist auf ihr irreführendes "Hersteller"-Verzeichnis am Ende des Buches und behauptet allen Ernstes: 

"Ganz allgemein ist natürlich sehr wichtig, dass der Lehrer des Kindes bereit ist, es am umgestellten Instrument anzuleiten. Ist dies nicht der Fall, sollte die rechtshändige Version akzeptiert werden, um dem Kind die musikalische Erfahrung nicht zu verwehren.". 

Also grünes Licht für rückständige Musiklehrer? Statt Eltern zum Einspruch und Kinder zum Selbstbewusstsein zu ermuntern, redet sie dem Phlegma und der Ignoranz einer Vielzahl unbelehrbarer Musikpädagogen das Wort. 

Ganz dringend empfehlen wir ihr deshalb die Lektüre des ebenfalls im Ernst Reinhardt Verlag aktuell erschienenen Werkes "Zivilcourage wagen  -  Wie man lernt, sich einzumischen" von Prof. Dr. Kurt Singer. Dort widmet der Autor ein ganzes Kapitel (30 von 200 Seiten) dem Thema Zivilcourage in der Schule - Einer vernachlässigten Tugend Geltung verschaffen. "Im Klima der Anpassung wächst keine Zivilcourage - Eltern, Schüler und Lehrer können sich gemeinsam emanzipieren." Übertragen auf unser Thema "linkshändige Kinder" könnte das heißen: Falls Eltern und Kinder LH-emanzipatorisch schon weiter sind, als die Lehrkraft, sollte der Lehrkraft eine, allerdings zeitlich begrenzte, Chance zur Korrektur ihres Wissensstandes gegeben werden und "nachzuziehen". Immer wieder hebt Kurt Singer dabei hervor, dass eine solche wechselseitige Emanzipation taktvoll und sachlich vor sich gehen sollte und kann. Das können wir nur unterstreichen, denn im Grunde will ja keiner der Beteiligten dem Kinde etwas Schlechtes. Auch Eltern, die dem Kind die linke Hand verkleben, wollen ihm damit nur helfen und ihm Vorteile für das Leben verschaffen. Aber der gute Wille allein schützt nicht vor Irrtum und mindert nicht das Leiden eines "gebrochenen" Linkshänder-Gehirns. 

Gerade in der Musik, ob "Laien"- oder Berufsmusik, die ja nicht nur Klang ist, sondern auch "Lesen und Schreiben", ist die richtige Verteilung Spielhand zu Hilfshand mindestens so wichtig, wie beim Schreiben der Buchstaben. Natürlich gibt es wie überall Ausnahmen, Linkshänder, die links schreiben, aber rechts Geige spielen etc. Wieviele linkshändige Jugendliche und Erwachsene brechen aber das Musizieren irgendwann früher oder später ab, aus Gründen, die sie sich selbst vielleicht nicht einmal genau erklären können? Hier möchten wir noch auf ein ebenfalls sehr wichtiges Buch verweisen: Ein 108-seitiges Taschenbuch "Kinder optimal fördern - mit Musik" von Hans Günther Bastian (Schott Musik International, 2001). Zwar ist in dem Büchlein nirgends ein Hinweis zur Asymmetrie bei den Instrumenten zu finden, aber der in einer Langzeitstudie gesuchte Nachweis über eine durch das Musizieren messbar steigende Intelligenz, auch die "soziale" und "emotionale" Intelligenz, wurde durch Professor Bastian erbracht. Also muss das Musizieren dringend gefördert werden mit der Intention, dem jungen Menschen ein Stück Glück mit auf den Lebensweg zu geben.

Wir ändern (s.u.*) und erweitern in aller Höflichkeit und ohne Häme den Schreibfluss von Frau Weber entsprechend unserer Auffassung und beginnen noch einmal mit oben angeführtem Zitat von Seite 73 und fahren ab dem Sternchen mit unserem Lösungsvorschlag fort

"Ganz allgemein ist natürlich sehr wichtig, dass der Lehrer des Kindes bereit ist, es am umgestellten Instrument anzuleiten. Ist dies nicht der Fall, *sollte man als Eltern zunächst das Gespräch mit dem Lehrer oder der Lehrerin suchen. Dieses Gespräch sollte möglichst VOR Aufnahme des Unterrichtes stattfinden. Auch wenn die Eltern selbst kein Instrument spielen oder sich für unmusikalisch halten, sollten sie das Gespräch nicht scheuen. Denn es geht hier um niemand anderes, als DAS KIND! Wenn sich in dem Gespräch herausstellen sollte, dass bei der Musiklehrkraft Informationsmängel bestehen, sollte man eine "Wartezeit" von ca. vier Wochen vereinbaren. Während dieser Zeit kann der Lehrer/die Lehrerin sich zu dem Thema schlau machen und seine/ihre Argumente überprüfen. Danach sollte ein weiteres Gespräch stattfinden. Falls auch dann noch keine Einsicht besteht und die Händigkeit des Kindes nicht respektiert wird, bleibt nur noch die Möglichkeit, einen anderen Lehrer/In zu suchen." 
Hätte die Autorin doch nur eine Seite "Häkeln, Stricken, Sticken" geopfert für ihre Erklärung zu Ihrer Aufforderung zum Gehorsam gegenüber Musiklehrerinnen und -lehrern. Als besorgter linkshändiger Leser fragt man sich: "Und wenn jetzt ein Schreiblehrer nicht bereit ist, mich zu unterrichten, weil ich links und holprig schreibe, soll ich dann auch einverstanden sein, um des lieben Friedens willen, rechts zu schreiben, weil es besser ist, überhaupt erst mal schreiben zu lernen?"

Leider wieder einmal hinterlässt uns ein vom Titel "Linkshändige Kinder richtig fördern", her große Erwartungen weckendes Buch relativ verwirrt und bedauerlicherweise auch sehr enttäuscht. Einen ganz anderen, beunruhigenden Klang hat das Wort "richtig" im Titel nach vollbrachter Lektüre des Werkes. 

(Fragen, die Sie dem Musiklehrer stellen können, finden Sie z.B. in dem Bericht über die Left Hand Corner-Umfrage unter Musiklehrern unter ARTIKEL/Infos/Musik-Gitarrenlehrers Meinung aus LHC-2 01-1998.  )

Der Vollständigkeit halber sei noch auf zwei Punkte hingewiesen:
Ein etwas verwirrender Druckfehler zu der Grafik auf Seite 90. Da das Standbein bei einem Linksfüßer das rechte ist, ergibt sich durch das linke Spielbein in der Vorwärtsbewegung eine bevorzugte Drehrichtung im Uhrzeigersinn.

Und eine Ergänzung zum Absprungfuß beim Weitsprung bei Linksfüßern (Seite 91): Der Absprungfuß ist der rechte. Das linke Bein, natürlich mit Fuß, verlässt zuerst den Boden und schnellt zuerst nach vorn. Aus zahlreichen Gesprächen mit Sportlehrern ist uns bekannt, dass dies oft verkannt wird.

Zum Schluss noch eins, um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: Wir gönnen Frau Weber und dem Ernst Reinhadt Verlag jedes verkaufte Exemplar und sind dankbar für jedwede Forschung und Entwicklung auf allen relevanten Gebieten, wenn sie einem harmonischen Miteinander von Linkshändern und Rechtshändern dienen.
N.Martin 05-2003



Sylvia Weber, Linkshändige Kinder richtig fördern, Mit vielen praktischen Tipps ("Kinder sind Kinder", Band 23), 124 Seiten, 3-497-01646-2, kt, 9,90 Euro, April 2003, Ernst Reinhardt Verlag, München, www.reinhardt-verlag.de


(c) Norbert Martin Verlag Left Hand Corner, Wuppertal, 05-2003

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