Erstveröffentlichung dieses Artikels in Left Hand Corner 02 01-1998
 
 

ZUR TESTUNG DER LINKSHÄNDIGKEIT 
von Frau Dr. Johanna Barbara Sattler

Vorbemerkungen

Zunächst muss eindeutig festgestellt werden, dass eine seriöse Händigkeitstestung nur von einem Fachmann durchgeführt werden kann. Das ist durch die Tatsache begründet, dass Händigkeit nicht nur eine Frage des bevorzugten Handgebrauchs für bestimmte Tätigkeiten ist, sondern mit der Betonung im menschlichen Gehirn zusammenhängt bzw. durch die motorische Dominanz der gegenüberliegenden Gehirnhälfte verursacht wird.

Wir haben es hier also mit hoch komplizierten Prozessen aus dem neuro-physiologischen Bereich zu tun, die durch bestimmte Störungen und negative Beeinflussungen u.a. auch in einer Irritation der Händigkeit münden können. Oft treten in solchen Fällen auch andere Störungen in der Entwicklung des Kindes auf, z.B. in der Fein- und Grobmotorik oder der Sprache, wobei die nach aussen nicht eindeutige Händigkeitsentwicklung nicht Ursache, sondern Folge ist .

Neben diesen neurophysiologischen Irritationen der Händigkeitsentwicklung kennen wir aber noch zwei andere massive Einflussfaktoren:

1)  Umschulungsversuche der Umgebung des linkshändigen Kindes zum Gebrauch der rechten Hand und
2)  Modell- und Nachahmungsverhalten des linkshändigen Kindes als Anpassung an die rechtshändige Umwelt.

Das bedeutet, dass Linkshändigkeit sich bei einem Kind, aber auch bei einem Erwachsenen, sehr unterschiedlich nach aussen manifestieren kann und vornehmlich durch eine oder mehrere der drei genannten Ursachen verzerrend beeinflusst worden sein kann. Hier zu einem sicheren Ergebnis über die tatsächliche, angeborene Händigkeit zu kommen, ist oft nicht leicht, denn es setzt sowohl medizinische Kenntnisse, als auch psychologisches und soziologisches Wissen voraus. Schliesslich gehört noch eine sehr geschulte Beobachtung und Kenntnis sinnvoller Testmethodik zur Händigkeitsuntersuchung dazu.

Eine pure Selbsteinschätzung der eigenen Händigkeit durch das Kind, aber auch bei vielen Erwachsenen, ist besonders bei nicht eindeutiger Händigkeitsmanifestation sehr gefährlich und soll ausdrücklich davor gewarnt werden.

Professionelle Händigkeitstestung

Folgende Berufsgruppen sind zur Händigkeitstestung besonders prädestiniert, wobei der einzelne Vertreter aber doch eine etwas tiefergehende Weiterbildung auf diesem Gebiet vorweisen sollte, denn die meisten Berufsausbildungen gehen bis heute leider nicht speziell auf Linkshändertestung ein, jedoch bestätigen Ausnahmen natürlich wieder die Regel: Ergo- und Mototherapeuten, Heilpädagogen, Schulpsychologen und manche Sozialpädagogen.

Überlegungen zur Selbstbeobachtung

Um aber auch dem Nichtfachmann und den Betroffenen gewisse Anhaltspunkte zu geben, sollen doch einige, eher als Vortest zu betrachtende Hinweise gegeben werden.

Selbstverständlich ist bei manchen Menschen die Linkshändigkeit so eindeutig, dass keinerlei Zweifel an ihr bestehen und die oben aufgeführten Überlegungen nicht relvant sind. Das sind Menschen, die oft schon seit dem Alter von ein bis zwei Jahren wichtige Tätigkeiten bevorzugt mit der linken Hand ausführen. Sofern es nicht zu einer Beeinflussung der Linkshändigkeit von aussen kommt, wechseln diese Kinder auch nicht im Handgebrauch, sondern bevorzugen durchgehend die linke Hand. Oft trifft das auch auf die Füsse zu, doch ist hier manchmal nicht eindeutig zu entscheiden, welches bei bestimmten Bewegungsabläufen der wichtigere Fuss ist, besonders wenn beide Füsse dabei gebraucht werden - wie z.B. beim Fussballspielen, wo auch das Standbein und nicht nur der kickende Fuss wichtig ist.

Dann gibt es aber die Gruppe der Linkshänder, die durch sanfte oder früher massive bis brutale Umschulungsmassnahmen (Überredung, Schläge, Festbinden oder sogar eingipsen der linken Hand) zum Gebrauch der rechten Hand umgeschult wurden. Das betrifft besonders Kulturverhalten und - Techniken, wie Essen mit Messer, Gabel und Löffel, Handgeben bei der Begrüssung, Malen, Schreiben und Schneiden, Kartoffelschälen und Handarbeiten.

Diese Gruppe der linkshändigen Kinder bzw. Erwachsenen verrichtet viele der genannten Tätigkeiten mit der rechten Hand. Andere, von den Erziehungsmassnahmen nicht betroffene Tätigkeiten werden zu einem großen Teil weiter links vollzogen. Dazu gehört oft Werfen, Zähneputzen, Greifen, Blumengiessen, Hämmern, Würfeln, Kreiseln. Hier werden bewusst Tätigkeiten aufgezählt, die nur mit einer Hand vollzogen werden und deren Beobachtungsmöglichkeit dann leichter und aussagekräftiger ist. Aber schon das Werfen und in Sportarten wie Tennis, Fechten, Hockey, Golf sind wieder stark von der Art, wie der Lehrer es dem linkshändigen Kind vorgemacht und gezeigt hat, abhängig und sie sind daher kein sicheres Indiz, daß es sich um „keinen echten Linkshänder“ handelt, weil das Kind z.B. rechts wirft oder Golf spielt, wenn es ansonsten viel links macht. 

Linkshändige Kinder, die oft aufgrund von leichten zerebralen (das Gehirn betreffend) Störungen - die im Normalfall nicht die Intelligenz betreffen! - länger Zeit brauchen, um deutlich ihre Linkshändigkeit zu zeigen und die zeitweise im bevorzugten Handgebrauch hin und her wechseln, sind besonders gefährdet, sich eine falsche Händigkeit einzuüben. Sie haben manchmal leichte Störungen in der Feinmotorik und daher ermüdet die dominante Hand schneller und sie wechseln dann auf die andere Hand über. Manche Kinder gewöhnen sich dadurch einen andauernden Wechsel des Handgebrauchs so an, dass die nicht dominante rechte Hand schliesslich bestimmte Tätigkeiten ganz übernimmt und automatisiert. Das kann in umgekehrter Richtung auch bei einem rechtshändigen Kind geschehen. Allerdings zielen auch heute noch die zwar meist eher vorsichtig versuchten Umschulungen bei kleinen Kindern eher in eine Beeinflussung zur Rechtshändigkeit und somit sind linkshändige Kinder mit zunächst wechselndem Handgebrauch stärker gefährdet.

Man sollte diese Kinder in Ruhe lassen und möglichst wenig Fragen zur Händigkeit vor dem Kind diskutieren, um es nicht zu beeinflussen. Ansonsten kann es geschehen, dass sich manche linkshändigen Kinder bewusst selbst umschulen, weil sie meinen, Rechtshändigkeit sei besser für sie oder weil sie z.B. einem Elternteil die grössere Glaubwürdigkeit einräumen und sich nach dessen Meinung ausrichten.

Hier ist besonders das Modell - und Nachahmungsverhalten der intelligenten und wachen Kinder ein gefährlicher Beeinflussungsfaktor der angeborenen Händigkeit. Hat sich bei einem solchen Kind etwas im Alter von vier bis fünf Jahren noch keine eindeutige Händigkeit herausgestellt, sollte unbedingt fachlicher Rat und kompetente Hilfe eingeholt werden. 

Denn letztendlich zu Schulbeginn muss die Schreibhand spätestens festgelegt sein. Andere Tätigkeiten können eventuell auf der nicht dominanten Hand bleiben, um eingeübte Handlungsabläufe des Kindes nicht zu sehr durcheinander zu bringen und das Kind durch zu viele Umstellungen zu überlasten und zu stark zu frustrieren. 

Kind schneidet Spirale (Foto Dr. Cizek)
Anfangs ungewohnt, später angenehm -die Linkshänderschere 
(Foto Dr.Cizek)

Erwachsene Linkshänder haben diesen wechselnden Handgebrauch und die Anpassung an die rechtshändige Umwelt in der frühen Kindheit oft vergessen und verdrängt, so dass mancher eine sehr grosse Affinität zu seiner linken Hand verspürt, ohne sich aber konkret an eine Umschulung der Händigkeit zu erinnern. Er ist eigentlich ein Linkshänder, kann diese Wahrnehmung aber nicht mehr an Geschehnissen und Erinnerungen festmachen. Manchmal können hier Kinderfotos weiterhelfen, denn auch die Eltern haben die anfängliche Neigung zur Linkshändigkeit ihres Kindes später oft vergessen oder überhaupt nicht wirklich darauf geachtet und wahrgenommen.

Es gibt aber auch viele linkshändige Kinder, die wach und intelligent sind und ihre Umgebung sehr beobachten und genau nachahmen. Wenn so ein linkshändiges Kind etwas zum Wechseln des Handgebrauchs neigt und/oder die Umgebung gute Argumente für den Gebrauch der rechten Hand anbringt, schulen sich solche linkshändigen Kinder oft selbst auf die rechte Hand um, was dann in die entsprechenden Umschulungsfolgen mündet .

Einige Tätigkeiten, die zur Händigkeitsbestimmung geeignet bzw. ungeeignet sind
1.  a) Besonders aussgekräftig sind Tätigkeiten, die nur mit einer Hand durchgeführt und möglichst wenig von erzieherischen Maßnahmen beeinflusst sind: 
- Blumengießen (kleine Kanne)
- Zähne putzen
- Kreiseln
- Würfeln
- Perlen aus einem Gefäß holen und wieder in dieses einsammeln
- Perlen auf einen senkrecht befestigten dünnen Draht stecken
- Streichhölzer zählen
- Streichhölzer in die Schachtel zurücklegen

1.  b) Tätigkeiten, die beide Hände erfordern erweisen sich oft als ein irritierendes Beobachtungskriterium, weil verschiedene Größen und unterschiedlich gutes Handling von Gegenständen den Handgebrauch beeinflussen:
- Perlen auffädeln
- Kehren mit Besen und Schaufel
- Blättern in einem Buch
- Messer und Gabel

2.  Bestimmte Tätigkeiten können ein sehr gutes Beobachtungskriterium sein, da sie aber stark im Blickpunkt der Erziehung stehen, werden sie oft beeinflußt und sind bei unternommenen Umschulungsversuchen der Händigkeit äußerst irreführend:

 - Essen mit dem Löffel, der Gabel 
 - Malen und Schreiben 

3.  Durch fehlende linkshandgerechte Gebrauchsgegenstände beeinflusster Handgebrauch ist ein oft sehr irritierendes Beurteilungskriterium, besonders weil oft die durch Automatisierung erfolgte fest Einübung vergessen wird. So glauben manche Eltern, dass wenn sie ihrem sechsjährigen, linkshändigen Kind jetzt endlich eine Linkshänderschere kaufen, es diese auch begeistert annimmt und sofort mit ihr problemlos schneiden kann. Sie vergessen, dass das Kind schon mindestens drei Jahre mit der nicht so günstigen Rechtshänderschere geschnitten hat, die Hand-Augen-Koordination sich fest eingeprägt hat und das Kind nicht ohne Anpassungs- und Umlernprozesse mit der eigentlich viel geeigneteren Linkshänderschere schneiden kann. Ganz besonders muß hier genannt werden:
 - Schneiden
 - Gebrauch des Kartoffelschälers und Dosenöffners
 - Öffnen einer Flasche mit dem Korkenzieher
- oft auch die Benutzung des Bügeleisens

4.  Typisch für linkshändige Kinder ist auch die Spiegelschrift, also das Verdrehen einzelner Buchstaben und einzelner Worte. Viele linkshändige Kinder möchten in der oberen rechten Ecke zu lesen beginnen oder blättern das Buch von hinten nach vorne. Allerdings ist hier wieder Vorsicht angesagt, denn auch rechtshändige Kinder verdrehen anfangs manchmal Buchstaben.

5.  Händigkeitstests wie Spurennachzeichnen, Punktieren u.ä. sollten von Fachleuten durchgeführt und ausgewertet werden. Auch ist vor weitgehenden Rückschlüssen aus der Schreibqualität von Kindern zu warnen, insbesondere, wenn man Kinder um die Einschlungszeit ihren Namen einmal mit der rechten und einmal mit der linken Hand schreiben lässt. Dieses erste Schreiben ist oft mehr ein sehr konzentriertes Malen und kein wirklich aussagekräftiges Kriterium über die Händigkeit des Kindes.

6.  Die Füssigkeit ist ein sehr gefährliches Testkriterium. Denn auf der einen Seite treten Entscheidungsschwierigkeiten auf, welcher Fuss der wichtigere ist und auf der anderen Seite können bei der Füssigkeit auch wieder irritierende Auswirkungen aus ganz anderer Ursache oft relevant werden. Natürlich kann man den bevorzugten Fussgebrauch auch beobachten, aber man sollte sehr vorsichtig mit Schlussfolgerungen sein.

7.  Häufig wird auch die Äugigkeit geprüft, z.B. beim Durchschauen durch ein Papierrohr, ein Kaleidoskop oder durch das Schlüsselloch. Aber ähnlich wie auch bei der Ohrigkeit kommt es hier zu Irritationen aufgrund von ganz anderen Einflüssen, die in Funktionsstörungen bereits in dem jeweiligen Organ, also dem Auge oder Ohr, begründet sind oder sogar im Gehirn. Daher sind auch dies sehr mit Vorsicht zu behandelnde Tätigkeitskriterien. 

Schlussüberlegungen

Es war nicht Absicht dieses Artikels, Eltern oder Betroffene zu verwirren, sondern vor übereilten Schlüssen zu warnen, die massive negative Folgen für den Betroffenen haben können. 
Gerade bei der Testung der Linkshändigkeit wurde und wird leider auch heute noch manchmal sehr oberflächlich und leichtfertig vorgegangen und meist zum Schaden des Linkshänders.

Zuletzt soll aber noch betont werden, dass man sich nicht verrückt machen, sondern die Sache eher mit Gelassenheit angehen soll. 

Eine Tatsache darf dabei nie vergessen werden: wir haben zwei Hände, die wir benutzen und meist stellt sich die Führungshand eindeutig heraus, aber manchmal benutzt man auch die andere, nicht dominante Hand für vermeintliche oder tatsächliche Führungsaufgaben, ohne dass es sofort zu Irritationen kommt.
Kritisch wird es auf alle Fälle beim Schreiben mit der nicht dominanten Hand und bei anderen sehr häufig ausgeführten, eine Hand besonders belastenden Tätigkeiten, wie z.B. beim Musizieren und Sport und ganz besonders später bei 
Profis. Zu nennen ist z.B. Schlagzeug und Gitarre oder auch Fechten, Tennis und Bewegungsabläufe wie beim Ballett. Hier ist es absolut wichtig, die tatsächlich dominante Hand herauszufinden und gerade sie für diese Tätigkeiten zu benutzen. 

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