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Leonardo da Vinci


Wir haben drei neuere Bücher zum "König der Linkshänder", Leonardo da Vinci, gelesen und gesichtet und daraus einige Zitate zusammengestellt, die sich mit seinem Denken und vor allem Schreiben beschäftigen.

1) "Leonardo - Forscher, Künstler, Magier" Orbis Verlag München 2002, 
    320 Seiten, verschiedene Autoren

S.57: "Leonardo schrieb, zeichnete und malte mit der linken Hand.  . . . Die Unterschrift unter einem öffentlichen Dokument ist in herkömmlicher Weise geschrieben."

S.81: "Auch in den reiferen Jahren wird seine Schrift nie schnell und flüssig. Die Buchstaben sind nicht untereinander verbunden, es sei denn durch horizontale Striche oder in gewissen Buchstabengruppen. Jeder Buchstabe scheint in das Papier eingeprägt zu sein, und wenn die Schrift besonders sorgfältig ist, wirkt sie wie in Stein gehauen.  . . . Sein Stil ist apodiktisch, bestimmend und manchmal aggressiv."

Dramatische Ereignisse bringt Leonardo mit wenigen Worten auf den Punkt:
"Die Spinne, die Ruhe im Schlüsselloch zu finden glaubte, fand den Tod."

S.73: Die Denkweise Leonardos als Ingenieur statt als Mathematiker entdeckt der Orbis-Verlag in der Anekdote von der Kubikwurzel:

Frage an Leonardo: Was ist die Kubik-Wurzel aus 128 ?

Leonardo: Fünf - und ein gewisser unsagbarer Bruchteil, der leicht auszuführen, jedoch schwer auszudrücken ist.
 

S.226: Zur zeichnerischen oder gemalten Darstellung des menschlichen Körpers äußert er sich mit Blick auf seinen üppige Muskelberge liebenden Konkurrenten Michelangelo:

"Und wenn du anders (als ich) verfährst, bildest du eher einen Sack Nüsse oder ein Bündel Rettiche ab, als einen menschlichen Körper."


2) "Leonardo da Vinci für Dummies" Teisch/Barr, Wiley-VCH Weinheim 
    2006, 420 Seiten

S.74: "Er schrieb mit der linken Hand von rechts nach links, so wie es heute noch im hebräischen und im arabischen Sprachraum der Fall ist."

Hier wird also wieder einmal ein Irrtum wiederholt, der z.B. auch schon in der Romanbiografie von Mereschkowski (s.w.u.) verbreitet wird. Richtig ist: Hebräer und Araber schreiben zwar von rechts nach links, aber doch nur in eher seltenen Fällen mit der linken Hand.

Leider ohne nähere Erläuterung machen die Autoren Leonardo dann auch noch zum zeitweiligen Rechts-Zeichner. Während also der schon erwähnte Mereschkovski aus ihm einen Rechts-Maler macht, dreht man hier das Ganze einfach um:

"Gelegentlich zeichnete er aber auch mit der rechten Hand, so dass nicht wenige glauben, er sei beidhändig veranlagt gewesen."


3) "Leonardo da Vinci" Daniel Kupper, rororo-Taschenbuch 2007, 160 Seiten

Hier wird für die linkshändige Schreibweise Leonardos wieder einmal die auch heute noch immer wieder durchgekaute Theorie der Vermeidung des "Tinte-Verwischens" bemüht:

S.53: "Einen zweiten Grund für die nur langsam vorankommende Systematisierung und Analyse der Manuskripte lieferte Leonardo selbst. Zum einen hat er das meiste davon in einer schwer lesbaren Spiegelschrift "a rovescio" verfasst, die im frühen 19.Jh. bisweilen für "chinesisch" gehalten wurde. Man hat die Spiegelschrift nicht nur mit der Vorsicht vor dem Diebstahl seines geistigen Guts, sondern auch aus seiner Linkshändigkeit erklärt, die an der Schraffur seiner Zeichnungen mit dem diagonalen Strich von links oben nach rechts unten erkennbar ist. Wenn er als Linkshänder von rechts nach links, also gespiegelt schrieb, bestand geringere Gefahr, dass auf dem damals noch sehr kostbaren Papier die Tinte verwischte."

Dass Leonardo doch nicht ganz so geizig mit seinem Papier und Schreibgerät war, entnehmen wir am besten seinen eigenen Worten:

"... und ich glaube, bevor ich damit fertig bin, werde ich mehrmals dasselbe wiederholen. Mach mir deshalb keinen Vorwurf, Leser, denn der Dinge sind viele, und das Gedächtnis kann sie nicht behalten und sagen: Das will ich nicht mehr schreiben, denn ich habe es vordem schon geschrieben. Wenn ich diesen Fehler vermeiden wollte, müsste ich für jeden Fall, den ich schreiben wollte, ohne mich zu wiederholen, alles schon Geschriebene noch einmal lesen, und vor allem, weil bei meinem Schreiben von Mal zu Mal lange Zeiten dazwischenliegen."

Zum Schluss dieser Zitaten-Sammlung nehmen wir noch eine durchaus deftige Kostprobe sozial-psychologischer Betrachtungen Leonardos im Originalton:

S.132: "Es gibt manche, die nicht anders zu nennen sind als Nahrungsdurchlauf und Scheißeanhäufer und Füller der Aborte, denn von ihnen erscheint nichts anderes auf der Welt, keine Tugend wird ins Werk gesetzt, denn sie lassen nichts anderes zurück als volle Scheißhäuser."

(c) Norbert Martin 05-2008


Leonardo rechtsseitig gelähmt mit 66 Jahren

Leonardo, Sprengmeister der Renaissance

Michelangelo blieb umgeschult

Leonardo schrieb nicht nur Spiegelschrift

Beweis nach 500 Jahren: Leonardos Fallschirm funktioniert

Leonardo über Wahrheit und Lüge







Vielen umgeschulten Linkshändern ist ihre Fähigkeit bewusst, mühelos Spiegelschrift schreiben zu können, mit der linken Hand, von rechts nach links. Der berühmteste Vertreter dieser Spezies ist Leonardo da Vinci (*Vinci bei Florenz 15.4.1452, + Chateau de Cloux bei Amboise 2.5.1519). 



In der 1903 erschienenen 576 Seiten starken Roman-Biografie von Dmitri Mereschkowski (Leonardo da Vinci, 1973, Droemer Knaur, ISBN 3-426-00322-8) findet sich bereits auf Seite 30 ein Hinweis auf Leonardos Schreibweise:

"Beltraffio bemerkte, dass er den Schreibstift nicht in der rechten, sondern in der linken Hand hielt und sagte sich: er ist linkshändig! Ihm fielen die seltsamen, über Leonardo umlaufenden Gerüchte ein: angeblich schrieb er seine Werke in Spiegelschrift, nicht von links nach rechts, wie andere Leute, sondern von rechts nach links, wie man im Orient schreibt. Es wurde behauptet, er tue es, um seine verbrecherischen, ketzerischen Gedanken über Gott und Natur zu verbergen."

Dann lesen wir viele Seiten nichts mehr zu Leonardos Linkshändigkeit. Erst wieder auf Seite 553, also kurz vor seinem Tode, stoßen wir auf Erstaunliches:

"Leonardo hatte sein ganzes Leben hindurch stets beide Hände, die linke wie auch die rechte, benutzt; sie waren ihm für seine Arbeit beide nötig: mit der linken zeichnete er, mit der rechten malte er seine Bilder. Was die eine tat, konnte die andere nicht leisten. Auf dieser Zusammenarbeit zweier entgegengesetzter Kräfte beruhte, wie er behauptete, seine Überlegenheit anderen Malern gegenüber. Jetzt aber, da die Finger der rechten Hand infolge des Schlaganfalls gelähmt waren, so dass er sie fast gar nicht gebrauchen konnte, fürchtete er, überhaupt nicht mehr malen zu können.


Leonardo war also BEIDHÄNDER. Und somit hirngeschädigt? Gab er einem inneren Drang nach einer Art "Lebenssymmetrie" nach, zeichnete und schrieb also mit links und malte tatsächlich mit rechts? Und musste deshalb schon mit 67 Jahren an den Folgen des Gehirnschlags, einer Folge der Überforderung der linken Gehirnhälfte, viel zu früh sterben? Oder wäre er auch als Einhänder nicht älter geworden? Und fühlte sich bei diesem beidhändigen Arbeiten ganz wohl, indem er mit links "inkubierte" und dann mit rechts dem Ergebnis zum Ausbruch verhalf? Oder war seine Beteuerung, er schreibe und zeichne zwar linkshändig, male aber rechtshändig, nur eine Schutzbehauptung, um seine Gemälde mit hauptsächlich sakralem Inhalt einer Abwertung durch seine Auftraggeber zu entziehen? Wer ein Mal vor einem ORIGINAL-Gemälde da Vincis gestanden hat, und es muss nicht die Mona Lisa gewesen sein, der hat vielleicht dieses im allerersten kurzen Moment leise, angenehme Erschrecken verspürt, wenn Madonna und Jesus-Kindlein zu atmen beginnen. Hat der Meister dieses Wunder nun mit rechts oder links fabriziert? 

Er ist der wohl berühmteste Linkshänder überhaupt (weshalb nach ihm in unserem LHC-Fragebogen auch nicht gefragt wird. Siehe dazu ARTIKEL/Texte/Fragebogen, Frage Nr. IX). Seine umfangreichen (ca. 6000 Seiten)  spiegelschriftlichen Aufzeichnungen lassen eine eindeutige Händigkeitsbestimmung zu, denn flüssig und schnell Spiegelschrift schreiben zu können, ist eine Domäne der (umgeschulten) Linkshänder. Auch die Bedieneinheiten seiner Erfindungen, Kurbeln, Hebel etc.sind alle streng linkshandfreundlich ausgelegt. 

Sollten diese Zeichnungen auch als Vorlagen zur Herstellung von Druckstöcken gedacht gewesen sein, z.B. Holzschnitten, wären die Druckergebnisse allerdings dann spiegelbildlich rechtslastig. Und die Schrift wäre in der gebräuchlichen, für alle leserlichen Richtung von links nach rechts.



Die oft (also nicht nur in Mereschkowskis Roman) anzutreffende Vermutung, er habe durch das spiegelschriftliche Aufzeichnen seiner Ideen und Bau-Anleitungen seine Kenntnisse "geheim" halten wollen, ist eher unzutreffend. Durch Verwenden eines Spiegels beim Lesen ist die Schrift gut und problemlos lesbar. Im "Spiegel" Nr. 7 vom 10.2.1992  war zu diesem Thema unter der Überschrift "Rätsel fürs Auge" zu lesen:

"Rätselhaft wie das Lächeln der Mona Lisa blieb auch die Gewohnheit ihres Schöpfers, sein Lebenswerk in Spiegelschrift niederzulegen. Nun glaubt der Bremerhavener Leonardo-Forscher Victor Smetacek, eine Erklärung für die scheinbare Marotte des Meisters gefunden zu haben.
     Leonardo, vermutet Smetacek, sei als gebürtiger Linkshänder in seiner Jugend zum Schreiben mit der Rechten genötigt worden. Dieser wider die Natur des Knaben gerichtete Zwang habe in dem Renaissance-Gelehrten später die sonderbare Neigung zur Spiegelschrift hervorgerufen. ....
     .... Offenbar, so spekuliert Smetacek, lerne beiLinkshändern, die zur Rechtsschrift gezwungen werden, die Linke beim Schreibunterricht in der Schule heimlich mit und drücke das so erworbene Wissen später durch den Hang zur Spiegelschrift aus." 


"Mehr Sprengmeister als Stern der Renaissance, Daniel Arasse holt das Universalgenie Leonardo da Vinci vom Himmel auf die Erde" schreits in einer Buchbesprechung zu "Leonardo da Vinci" von Daniel Arasse (Dumont Buchverlag, Köln 1999, 546 S.) in der Frankfurter Allgemeinen vom 17.1.2000 in großen Lettern. Wir geben hier einige Passagen der sehr informativen Kritik von Günter Metken wieder, aus der wir oft einen mehr oder weniger lauten Unterton unergründlicher Polemik heraus zu hören meinen:
Leonardos Selbstportrait, Bonner GA 22.4.2000
"Gottähnlich zeigt ihn das berühmte Turiner Selbstporträt in Rötel; so olympierhaft, dass manche schon an seiner Urheberschaft zweifelten. Und wenn es eine Maske wäre, eine der vielen, die Leonardo da Vinci sich vors Gesicht hielt, der schon seinen Zeitgenossen seltsam vorkam, ein Erfinder von cose bizarre? Das bestrickende Auftreten des Höflings, der weltläufige Gesellschaftsmensch und Verfasser unheimlicher Rätsel wären dann weitere Varianten dessen, was Marcel Duchamp "das Spiel zwischen mir und meiner Person " genannt hat. Aber wozu dieses Rollenspiel um Person und persona, dem, was er war, und dem, was er scheinen wollte? Was hatte er zu verbergen, oder, anders gesagt, was wollte er sich vorbehalten?

In jedem Fall den Freiraum eigener Erfahrungen und Experimente. Den konnte ihm, im Unterschied zur städtisch-handwerklichen Auftragssituation, nur ein Hofamt verschaffen, weshalb Leonardo sich fast unterwürfig um solche Anstellungen bemüht hat und im Herzogtum Mailand auch für längere Zeit eine Sinekure ("einträglicher Posten ohne viel Arbeit", LHC) fand. ...... "Er arbeitet wenig", fand ein Besucher, und so sah es auch der französische König, der ihn im Alter nach Amboise holte; dort soll er in den Armen Franz I. gestorben sein. ........
Letztlich ging es ihm darum, Kunst und Wissenschaft zu anschaulichen, mit dem Zentralorgan des Auges aufgefassten und durch die zeichnende Hand klar ausformulierten Erkenntnissen zu bündeln, in einer Einheit von Beobachtung und Fiktion. Außer Gott und der Metaphysik hat sich Leonardo mit fast allen Erscheinungen der sichtbaren wie der energetischen Welt beschäftigt: Mechanik, Physik und Akustik, Geographie, Gesteinskunde und Wetter, Astronomie, Vogelflug, den Elementen und ihren Verheerungen.

Das nötige Fachwissen hat Leonardo nicht besessen. Er war, das ist der Tenor dieses monumentalen, in Text und Bild anschaulich aufeinander abgestimmten Werks des französischen Kunsthistorikers Daniel Arasse, keineswegs der Übermensch, der er offenbar zu sein vorgab und als welchen ihn, zwischen Geniekult und Mythomanie, seine Bewunderer von Vasari bis Paul Valéry immer wieder neu erfunden haben - bei spärlichsten biografischen Anhaltspunkten. Leonardo, dem außerehelichen Sohn eines Florentiner Notars, fehlte die ordentliche Schulausbildung. Weder konnte er genügend Latein, um anspruchsvolle Schriften selber zu lesen, noch war er in Mathematik sonderlich beschlagen; hier ließ er sich von Koryphäen wie Luca Pacioli helfen. Nach der Abc-Schule früh zu dem vielseitigen Andrea del Verrocchio in die Lehre gekommen, hatte er sofort künstlerische Aufgaben zu lösen, nach damaliger Werkstattpraxis ohne vorherige Unterweisung.

Diese Von-Fall-zu-Fall-"Methode" praktizierte er, so Arasse, auf allen ihn fesselnden Gebieten. Mittels Notizen, beschreibenden Sätzen und visionären Passagen versuchte er in Spiegelschrift, seine experimentell gewonnenen Einsichten niederzulegen; abstraktes Denken war nicht seine Sache. ...........

Er arbeitete an mehreren Projekten gleichzeitig, entwickelte verschiedene Lösungen und setzte bestimmte Motive immer wieder ein. ....... Komplexere Vorhaben aber ....... wurden nicht abgeschlossen. Vollendung mochte für Leonardo Einschränkung der Möglichkeiten und damit Erstarrung bedeuten. ...... Leonardos Werk ist nicht auszuschöpfen, das gibt auch Arasse nach fünfhundert Seiten zu. Er hat den Gottähnlichen heruntergeholt auf die Erde mit ihren unbegrenzten Möglichkeiten . Leonardo wollte sie offenbar alle ausschöpfen, keiner Einheitsformel auf der Spur, wohl aber einem durchgehenden Gesamtrhythmus."

Soweit Günter Metken in der FAZ.


Nun folgen Auszüge aus dem Begleitheft zu einer Ausstellung Anfang 2003 im Metropolitan Museum in New York zum Thema: "Linkshändigkeit in der Renaissance" geben weiteren Einblick in die 500 Jahre zurückliegende Menschenwelt:
http://www.metmuseum.org/special/Leonardo_Master_Draftsman/ draftsman_left_essay.asp

"......die natürliche Linkshändigkeit anderer (außer Leonardo da Vinci) wichtiger Meister in der westlichen Kunstgeschichte stellte sich nicht dar als eine herausragende biographische Tatsache bezüglich der Person oder deren Werk.  ......

Z.B. gibt es über die angeborene Linkshändigkeit Michelangelo's, des um 23 Jahre jüngeren Zeitgenossen Leonardos, nur eine Anspielung in der Autobiographie des Florentiner Bildhauers und Archtekten Raffaello da Montelupo (ca. 1504/5-1566), und da auch nur in Form einer Anekdote, in der er seine eigene Linkshändigkeit beim Zeichnen und Schreiben erwähnt. ..........
Raffaello's Augenzeugen-Bericht ist aber nur eine Fußnote bei Studien über Michelangelo, denn die berühmten Biographien von Ascanio Condivi (Rom, 1553) und Giorgio Vasari (Florenz, 1550 und 1568), also von Autoren mit großer Nähe zu dem berühmten Künstler, erwähnen darüber nichts.

Aber viele Renaissance-Autoren, die über Leonardo schrieben, gaben an, dass er linkshändig war.

Man könnte einwenden, dass dieser Unterschied in der Dokumentation ganz klar damit erklärt werden kann, dass seine Art, das ganze Leben hindurch zu schreiben und zu zeichnen seine Linkshändigkeit so offensichtlich belegte, dass es keinem seiner Zeitgenossen entgehen konnte.

Anders als viele Linkshänder, von der Renaissance (wie z.B. Michelangelo) bis in unsere Zeit, hat Leonardo sich wohl nicht auf die rechte Hand beim Schreiben und Zeichnen umgeschult.

Während die Linkshändigkeit Leonardos modernen Forschern seines Werkes wohlbekannt ist, wird sie doch viel zu vereinfacht abgehandelt in Anbetracht der bedeutsamen Zusammenhänge, sowohl in Bezug auf die Erkenntnis seiner Zeichnungen als auch für die Rekonstruktion seiner künstlerischen Persönlichkeit.

Von dem Maler und brillianten frühen Forscher Matteo Zaccolini von Cesena (1590-1630) ist bekannt, dass er durch seine Studien der Originalschriften Leonardos davon so gefesselt wurde, dass er laut den privaten Aufzeichnungen des gelehrten Kenners Cassiano del Pozzo lernte, Spiegelschrift zu schreiben und begann, viele seiner eigenen Notizen mit großer Leichtigkeit und wohlgeformter Schrift so zu schreiben, sodass aber niemand sie zunächst verstehen konnte.

Die fragmentarische Autobiographie von Raffaello da Montelupo, die in den 1560ern, als er schon ein alter Mann war, geschrieben wurde, gibt einen unerwarteten Einblick, wie Linkshändigkeit in der Renaissance aufgefasst wurde und was es bedeutete, ein linkshändiger Künstler zu sein. Die Autobiographie schildert Ereignisse aus Raffaello's Jugend Anfang des 16. Jahrhunderts (vor der zerstörerischen Plünderung Roms 1527 durch die Armee Kaiser Karls V., die er auch sehr lebensnah beschreibt):

"Ich möchte nicht unterlassen zu sagen, dass ich von Natur her linkshändig bin und merkte, dass diese Hand geschickter ist, als die rechte, sodass ich auch mit dieser schrieb, zumal mein Lehrer nichts dagegen hatte, sondern zufrieden war, dass meine Handschrift gut war. Deshalb habe ich immer die linke Hand benutzt, sei es zum schreiben, sei es zum zeichnen einiger Entwürfe zum Morgante (Heldenepos "Il Morgante maggiore" von Luigi Pulci, 1432-1482), der in der Schule gelesen wurde. Als ich nun das Blatt also längs hielt, um mit der linken Hand zu schreiben, wunderten sich viele und dachten, ich schriebe im "hebräischen" Stil (von rechts nach links), sodass das Geschriebene später nicht gelesen werden konnte. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an einen merkwürdigen Fall: Ich befand mich in Florenz, um einem Notar eine Quittung über einen Geldbetrag auszustellen und drehte das Blatt wieder längs, um zu schreiben. Der Notar bezweifelte die Leserlichkeit meiner Aufzeichnungen. Als ich einen Satz fertig geschrieben hatte, nahm er das Blatt und erkannte, dass es sehr gut lesbar war, worauf er an die 10 seiner Kollegen zusammen rief, um mir zu zu schauen. Als ich die Quittung fertig geschrieben hatte, schrieb ich einige weitere Worte mit der rechten Hand, da ich auch diese sehr gut benutzen konnte. Später aber hörte ich auf, diese zu benutzen.
Wie ich schon sagte, zeichne ich besser mit der linken Hand und einmal, als ich dabei war den "Arco di Trasi al Colosseo" (Konstantins-Bogen) zu zeichnen, kamen Michelangelo und Sebastiano del Piombo vorbei und blieben stehen, um mich zu beobachten. 
Hier muss vorausgeschickt werden, dass beide, obwohl von Natur aus linkshändig, alles mit der rechten Hand taten, außer Tätigkeiten, die Kraft erforderten. Also blieben sie lange bei mir stehen und wunderten sich sehr, denn soweit bekannt ist, machte keiner von ihnen irgendetwas mit der linken Hand."

Eine der wichtigen erhaltenen Zeichnungen des linkshändigen Raffaello da Montelupo ist schattiert mittels Feder und Tinte in einer Schraffur, die von unten rechts nach oben links verläuft. Ebenso zeigt dieses Blatt mit der Inschrift "Vico mio caro" und anderen kalligraphischen Übungen seine Art zu schreiben, wie er sie in der obigen Passage beschrieben hat. Einige auffallende Punkte in Raffaello's Bericht bieten die Möglichkeit zu einem nuancierteren Verständnis des linkshändigen Leonardo. 

Erstens kam Raffaello bezüglich des Schreibens und Zeichnens in einer klugen und ungewöhnlichen Weise mit seiner Linkshändigkeit zurecht. Seine Fertigkeit als linkshändiger Zeichner zog die Aufmerksamkeit seiner Zeitgenossen auf sich, einschließlich Michelangelo und Sebastiano del Piombo, die zwar beide wohlbekannt sind als Künstler aber in heutiger Zeit praktisch nicht bekannt sind als "Lefties", da sie sich anscheinend zur Rechtshändigkeit umtrainiert haben. Raffaellos Fertigkeit als linkshändiger Schreiber beeindruckte die Notare, also einen Berufsstand, der ein kritisches Augenmerk auf das Handwerk des Schreibens legt.

Zweitens konnte er auch mit seiner rechten Hand schreiben und zeichnen. Diese Fähigkeit ist nicht untypisch für linkshändige Menschen, sowohl damals als auch heute. Aber eventuell gab er seine Rechtshändigkeit ganz auf, da sie weniger bequem für ihn war.

Und drittens bestand Raffaello's Lehrer nicht auf einer Umschulung der Linkshändigkeit seines jungen Schülers.

Man kann darüber spekulieren, dass Leonardo, in seinen jungen Jahren als uneheliches Kind außerhalb des väterlichen Hausstandes aufwachsend, nicht die damals üblichen Ausbildungsmuster erfahren hat. Und für wie seltsam mag man Leonardo's von-rechts-nach-links-Schreibweise gehalten haben? Neben dem durch Raffaello da Montelupo geschilderten Fall ist es schwierig, konkrete Beweise zu liefern und die öfters erhobene Behauptung zu belegen, dass auch andere italienische Künstler und Archtekten  der Renaissance in dieser Art mit links schrieben. Nichtsdestoweniger bezeugt die, wenn auch ungewöhnliche, Tatsache, dass das äußerst populäre Kalligraphie-Lehrbuch "Libro nuovo d'imparare a scrivere" von Giovanni Battista Palatino (Rom, 1540) auch eine durchdachte Anleitung für das linkshändige Schreiben in Spiegelschrift (lettera mancina) liefert, dass das linkshändige Schreiben nicht unbekannt war. Entsprechend dem gereimten Vers, der unter Palatinos Holzschnitt-Illustration steht, kann das so Geschriebene mit Hilfe eines Spiegels mit Leichtigkeit gelesen werden. Die Auswahl an Schreibarten, die diese Lehrbücher für annehmbar hielten, scheint sehr groß gewesen zu sein. Das Musterbuch "Excellente scrivere" von Giovanni Antonio Tagliente (Venedig, 1532) zeigt sogar eine Vorlage für eine vermutlich linkshändige  "Lettera pendente"-Schrift, eine konventionelle links-nach-rechts-Handschrift, die in einer eigentlich kläglichen und übertriebenen Weise nach links geneigt ist (im Gegensatz zur konventionellen Rechtsneigung).

Obiges Material stammt aus dem Katalog zu der Ausstellung "Leonardo da Vinci, Meister-Zeichner". Herausgegeben von Carmen C. Bambach unter Mitwirkung von Carmen C. Bambach, Alessandro Cecchi, Claire Farago, Varena Forcione, Martin Kemp, Anne-Marie Logan, Pietro C. Marani, Carlo Pedretti, Carlo Vecce, Françoise Viatte, und Linda Wolk-Simon. Veröffentlicht durch The Metropolitan Museum of Art, New York, 2003. Verbreitet durch Yale University Press. Der Katalog ist erhältlich in der Museumsbuchhandlung und im online Met-Store.
(Übersetzung ins Deutsche durch Norbert Martin 05-2003.)


Ein wunderbares Buch über den Meister ließ uns Franz-A. Eultgem aus Bonn zukommen:
"Leonardo da Vinci, Der Vögel Flug ~ Sul volo degli uccelli" (Marianne Schneider, Verlag Schirmer/Mosel, München, 2000) In diesem 110-seitigen, durchgehend mit den 38 Originalseiten Leonardos illustrierten Buch finden sich seine Aufzeichnungen und Skizzen, hauptsächlich zum Thema Vogelflug zusammen mit der Klarschrift sowohl in Deutsch als auch Italienisch.
Anhand eines dieser Facsimiles (S.95) von der Umschlagseite des Originalheftes lässt sich die Spiegelschrift und die seltene Normalschrift Leonardos vergleichen. Ob die Normalschrift mit der rechten oder ebenfalls mit der linken Hand geschrieben wurde, ist unklar. Vermutlich aber mit der rechten, denn das Schriftbild ist dem der Spiegelschrift ganz ähnlich. Hätte er die Normalschrift ebenfalls mit links geschrieben, hätte sich ein weniger ähnliches Schriftbild ergeben. Marianne Schneider schreibt zu dieser Seite:

"Auf der Innenseite des hinteren Umschlagteils drängen sich, gezeichnet und geschrieben, die verschiedensten Notizen zusammen: architektonische Skizzen für die Villa von Charles d'Amboise, des französischen Statthalters von Mailand, deren Fassadenentwurf schon an Palladios Stil denken lässt, unten ein Lobpreis des Großen Vogels, auf der linken unteren Hälfte die Fortsetzung des Wasserlaufs von 18v. (also der vorhergehenden Seite) und oben rechts eine Liste mit Leonardos seltene NormalschriftHaushaltsausgaben, eine Magd (mona) wurde bezahlt, Spreu und Stroh für die Pferde (crusca, inpaglia), ein Schlüssel (chiaue) und ein Huhn (pollo) wurden gekauft, und "für mich" (a me) heißt ein anderer Posten. Ein Kuriosum auf diesem schon an sich kuriosen Heftumschlag: Die Ausgabenliste hat Leonardo von links nach rechts, also nicht, wie gewöhnlich, in Spiegelschrift geschrieben. Seiten wie diese machen besonders deutlich, dass seine Manuskripte, heute Codices genannt, zum großen Teil nichts anderes waren als Notizbücher. Er fabrizierte sie selbst in einem Format, das gut in seine Taschen passte, denn er hatte unterwegs immer ein Heftchen bei sich, um sich seine Beobachtungen aufzuzeichnen."

S.95 aus Der Voegel Flug

Ausschnitt aus Seite 95, unten:

Leonardos Spiegelschrift

Ausschnitt aus Seite 95, unten, gespiegelt und teilweise freigestellt (das "o" über dem "p" steht für "primo", der Strich über dem "a" steht für "n", das "v" steht für "u", also: "Piglera il primo volo il grande uccello..." = Zum ersten Mal wird der große Vogel auffliegen,....)

Leonardos Spiegelschrift, gespiegelt


Leonardos Fallschirm, Meldung v.28.6.2000


Als Fazit dieses Left Hand Corner-Artikels bleibt uns nur ein Zitat aus der Feder des Meisters selbst, aus Seite 62 des oben genannten Buches:

"Ohne Zweifel verhält sich die Wahrheit zur Lüge wie das Licht zur Finsternis. Und die Wahrheit ist in sich von so hervorragender Größe, dass sie, selbst wenn sie sich auf Geringes und Niedriges bezieht, unvergleichlich größer ist als die Unsicherheiten und Lügen, die sich auf Großes und Höchstes beziehen. Denn wenn auch unser Geist die Lüge als fünftes Element besitzt, so bleibt die Wahrheit der Dinge doch die höchste Nahrung der feinen Geister, nicht aber der bald dahin bald dorthin irrenden Gehirne.

Und die Lüge ist so etwas Verächtliches, dass sie, falls sie Herrliches über Gott sagen würde, seiner Göttlichkeit eine Grazie wegnähme. Und die Wahrheit ist von so hervorragender Größe, dass die geringsten Dinge, die sie etwa loben würde, zu edlen Dingen werden. Aber du, der du dich von Träumen nährst, dir gefällt es besser, mit Sophismen und Schwindeleien von großen und unsicheren Dingen zu reden, als von den sicheren und natürlichen, die nicht solche Höhenflüge erreichen."


(c) Norbert Martin 05-2003
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