Links-Filosofie des Gitarrenspiels aus der Sicht eines Rechtshänders

(Dieser Artikel ist erschienen in LHC-07 04-1999)

Von
Dr.K.Jörg Senf, geb 1954 in Leipzig, Schule in Südhessen, Kriegsdienst-Verweigerer, Gelegenheitsjobs, Reisen, Musik. Studium in Heidelberg und ab 1976 in Rom. Übersetzer, Autor, Lehrer. Z.Zt. VHS-Kurse Gitarre und Lektor für Deutsch an der Uni "La Sapienza", Rom. 



HEMISPHÄREN UND MUSIK 


Aborigines beim Musik machen

Aborigine (Eingeborener)Ein australischer Aborigine. Auf seinem Weg liegen Pflanzenteile, Holzstücke. Er liest sie auf: Mit den größeren kann man auf dem Boden trommeln, kleinere lassen sich rhythmisch schlagen oder schwirren an einem Faden in der Luft. Trockene Hülsen rasseln. Und als Blasinstrument eignet sich ein von Termiten ausgehöhlter Ast. 

Würde auf seinem Weg eine Gitarre liegen… was fiele dem Aborigine dazu ein? Ein Klangkörper der, wenn man seitlich oder frontal draufschlägt - hart oder sanft, mit Fingerspitzen oder Handflächen - ganz unterschiedlich tönen kann. Dann die Saiten, die sich einzeln zupfen oder schlagen lassen, sich höher oder tiefer stimmen, wenn man oben am Wirbel dreht. Eine Gitarre kann man in der Luft pendeln und läuten lassen – und wer Lust hat, beißt auf dem Holzschaft und spürt die Töne im Kopf vibrieren. 

Interkulturelles
Dieser Aborigine war früher einmal sehr weit weg. Die andere Hemisphäre der Welt interessierte uns nicht weiter, solange unsere Bildschirme nicht mit ihr vernetzt waren. Heute begegnet er uns häufiger, kommt uns so nahe, dass sein Anderssein, auch sein seltsam ganzheitliches Musizieren nicht mehr bloß "exotisch" bleiben kann.

Wir kommen nicht mehr umhin, uns mit ihm auseinanderzusetzen, unsere eigenen Überzeugungen und Gewohnheiten zu relativieren, uns auch ganz anderen und neuen zu öffnen. Dazu gehört der Mut zum Risiko: die Bereitschaft, potenzielle Missverständnisse und Schwierigkeiten friedlich anzugehen, unsere Identität letztlich so umzustellen, dass wir fähig werden, uns im "(Gegen-)Einander-Treffen" verschiedener Individuen und verschiedener Kulturen zu bereichern. 
 

Vernachlässigte Hemisphäre 
Woran und wie können wir denn, auf der fortgeschrittenen und gebildeten Seite der Welt, unser Leben noch bereichern?  Gibt es menschliche "Ressourcen", die wir bisher vernachlässigt haben? Als Antwort verweisen gerade Forschungsgebiete, die interkulturelle Öffnung (z.B. beim Fremdsprachenerwerb) als Lernprozess thematisieren, auf die Hemisphären des menschlichen Gehirns. 

Neurologische Studien bestätigen folgendes: Bei normalem Funktionieren des Gehirns wechselt die bioelektrische Aktivierung rasch zwischen linker Hemisphäre (dem "analytischen" Teil) und rechter Hälfte (dem "globalen" Betriebssystem) hin und her. Auch natürliches Lernen (von Sprachen, Musik) erfolgt in beiden Gehirnhälften gleichzeitig. 

Lernen – und Tun allgemein – ausschließlich linkshemisphärisch anzusiedeln, bloß mit analytisch rationalem Wissen in Verbindung zu bringen, genügt demnach nicht. Die vernachlässigte Ressource liegt in der rechten Gehirnhälfte, in der Intuition und Emotion; und diese Erkenntnis stellt bei uns jahrhundertealte Überzeugungen und Gewohnheiten in Frage. 
 

Abrechnung mit der Musik
In Frage zu stellen ist dabei auch unser mitteleuropäischer Begriff von Musik. Und es wird Zeit, abzurechnen mit jener sublimen Rechenoperation, die uns jahrhundertelang als Musik gelehrt wurde: Pentagramm, Harmonielehre, Bach. J.S.Bachs "Clavicembalo Ben Temperato" (Das Wohltemperierte Klavier) von 1722 wird immer noch als Modell zitiert. Musik sei nichts anderes als analytisch exakte Konstruktion aus berechenbaren Elementen. 

Beim Begriff Rhythmus denken wir an streng symmetrischen Aufbau aus 4/4- oder 3/4-Takten. (Dagegen erweist sich assymmetrische Unterteilung, z.B. 7/4, als "unendlich lebendiger und in jeder Hinsicht gesünder, weil sie uns wachrüttelt, während einheitliche Unterteilung uns völlig teilnahmslos lässt" (Marius Schneider ). Die unendliche Reihe möglicher Töne (einschließlich der "blue notes", der Übergänge, die im Süden die Musik so menschlich machen) reduzieren wir auf 7 bzw. 12 wissenschaftlich definierte Wellenlängen, und deren mathematisches Verhältnis zueinander ergibt Melodien. 

Musik am Rechner herzustellen, erscheint uns heute völlig legitim. Gerechtfertigt nicht zuletzt auch dadurch, dass sogar die Kostenrechnung stimmt: Das Produkt erreicht den Markt schnell und kostensparend, denn auf den aufwendigen Einsatz von Musikern aus  Fleisch und Blut kann verzichtet werden. 

So viel Linkshemisphärisches prägt unseren Begriff von Musik, dass wir uns angewöhnt haben, Musik in abstrakten, unpersönlichen Kriterien zu bemessen und der Domäne hochspezialisierter Experten zu überlassen. Ist es da verwunderlich, wenn wir uns so oft "unmusikalisch" fühlen?

Ganzheitlich musizieren
Im Vergleich zum Aborigine fehlt es uns beim Musikmachen an lustvoll lockerer Spontaneität. Wo er ganzheitlich musiziert - im Sinne einer natürlich fließenden Interaktion zwischen rechts- und linkshemisphärischen Abläufen -, da erscheinen wir Mitteleuropäer "plump, unbeholfen, müde". 

Rechtshand-Quartett
Unserer Neigung zu Marschrhythmen, dem "Gipfel an Unnatürlichkeit", hält Schneider folgendes entgegen: "Wer streng symmetrisch singt, ermüdet. Wer dagegen frei atmet und dabei einer gewissen Asymmetrie oder Elastizität folgt, fühlt sich beim Singen erleichtert". 

Das ganzheitliche Musizieren des Aborigine scheint keine frustrierenden  Vergleiche mit Bach oder Hendrix zu kennen, scheint keine ängstlichen Ausreden "ich bin unmusikalisch, habe kein Talent" oder unsicheres Unterbrechen "Moment mal, das war falsch, ich muß noch mal stimmen" nötig zu haben. 

Wirklich untalentiert (so wie umgekehrt ungewöhnlich genial) sind nur sehr wenige Menschen. Darum soll es also nicht gehen, sondern vielmehr darum, unserem natürlichen Rhythmusgefühl, der kreativen Neugier und der Fähigkeit zu Interaktion und musikalischem feeling zu vertrauen, die alle Menschen besitzen - wieder aus dem Vollen unserer Energie zu schöpfen und dadurch zu etwas vollkommeneren, ganzheitlichen verwirklichten Individuum zu werden.
 
Quellen: 
1) Marius Schneider, 1965, Was ist Rhythmus? Über die natürlichen rhythmischen Fähigkeiten des Menschen.  in :Il significato della musica, 1970, Rusconi
2) Abb.1: Musical Instruments of the World: An Illustrated Encyclopedia, 1976 Diagram Visual Information Ltd.
3) Abb.2: Kendi Kendine, SAZ Ögrenimi, 1974 Izmir

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