(aus LHC-09 10-1999) 

 

 WASCHEN, SCHNEIDEN, LEGEN

Umfrage zur Situation im Fisörhandwerk







Von schroffer Ablehnung über zweifelndes Zögern bis wohlwollender Aufgeschlossenheit gingen auch bei dieser dritten Left Hand Corner-Befragung die Reaktionen. Beachtliche 60 Prozent der angeschriebenen Betriebe (6 von 10) zeigten sich kommunikativ und gewährten mit ihren Antworten einen aufschlussreichen Blick in den Frisör-Spiegel. 

A) 
1) Anzahl  Mitarbeiter O bis 5  O bis 10 O bis 20 O mehr als 20, . . . . . . 

Wir befragten Frisörgeschäfte mit insgesamt ca. 500 Mitarbeitern in Berlin, Kassel, Magdeburg, München und Wuppertal sowie eine überbetriebliche Lehrwerkstatt der Friseurinnung mit permanent ca. 200 Auszubildenden. Da unser Hauptaugenmerk "dem Schneiden" gilt, gehen wir von einer Beobachtungsgröße N= 630 Personen aus. Der größte befragte Betrieb verfügt über 350 Mitarbeiter verteilt auf mehrere Filialen in München. Aber auch kleinere und damit übersichtlichere Läden bis 10 Mitarbeiter gaben Auskunft. 
 

2) Davon „schneiden“  O alle  O nicht alle, sondern nur ca. ......630.....

90%  (630 von 700) schneiden und führen damit das Hauptwerkzeug, die Schere. 

3) Davon schneiden mit links   O ca. . . . ....  (geschätzt) O . . .5 . . . .  (genau)

Hier hing die Genauigkeit der Angaben von der Größe der Mitarbeiteranzahl ab. Je mehr Leute, desto "versteckter" die Linksschneider. Die geringe Anzahl ergibt sich auch daraus, dass die größeren Betriebe keine Angaben, auch keine Schätzung, geben konnten oder nur vage Vermutungen anstellen konnten, da man bisher diesen Sachverhalt praktisch nicht beobachtet hat und die Mitarbeiter nicht alle in einem Salon, sondern verteilt auf die Filialen arbeiten. Keinesfalls läge der Anteil aber über 10%.  Exakte Angaben, also keine Schätzung, erhielten wir nur  von den kleineren Geschäften mit insgesamt 125 "Schneidern", also 5 von N1=125 = 4 % 

4) Bei uns  O sind alle RH O sind alle Beidhänder O kann man das nicht feststellen

Dieser Punkt bestätigte die Angaben zu Frage 3) 



B) Ihre Einschätzung zur LH-Situation im Frisörhandwerk im Allgemeinen

1) Wer Frisör werden will, sollte  O besser RH sein   O als LH besser auf RH umlernen O egal

Nur ein Betrieb mit 10 Mitarbeitern gab an, man sollte besser Rechtshänder sein. Alle andern hielten dies für egal. 

2) LH werden selten Frisör O eher ja O eher nein, aber sie schneiden rechts O  eher nein

Zwei Betriebe (30 Mitarbeiter) bestätigten, dass Linkshänder eher selten Frisör werden wollen. Einer (200 Mitarbeiter) bestätigte, dass Linkshänder mit rechts schneiden. Ein anderer Betrieb (89 Mitarbeiter, davon 3 Linksschneider = 3,3%) antwortete mit "eher nein". Die anderen ließen diese Frage offen. 

3) Gerade unter Frisören sind viele LH O eher nein  O eher ja O eher 50:50 O weiß nicht

Drei Betriebe (230 Mitarbeiter) sagten "eher nein". Die anderen sind untentschieden. 
 

4) Scheren für LH-Frisöre  O gibt es O gibt es nicht O sind teurer als RH-Scheren

Allen ist bekannt, dass es Profi-Scheren auch für Linkshänder gibt. Zwei Betriebe (289 Mitarbeiter) kannten diese als teurer im Vergleich zu Rechtshänder-Scheren. Ein links schneidender Mitarbeiter gab uns ausführlich Auskunft über seine enttäuschenden Erfahrungen mit LH-Scheren. Er habe es bereits mit  drei verschiedenen Marken, "Jaguar", "Matsusaki" und "Briskee" versucht. Alle seien im Vergleich zu RH-Scheren von schlechterer Qualität. Das Hauptproblem sei das zu frühe "Ausleiern" . Wenn bei täglicher Benutzung nach ca. drei Monaten an der Gelenkschraube nachjustiert werde, helfe dies nur kurzfristig. Nach maximal sechs Monaten seien die Scheren praktisch unbrauchbar. Erfahrungen seiner RH-Kollegen zeigten, dass deren Scheren ca. 10 mal so lange hielten. Auch sei die Zahnung für das "Slicen" so schlecht geschliffen, dass die Haare an den Scherblättern hängen blieben. 
 

5) Die Arbeitsplätze sind meist  O RH-gerecht eingerichtet O leicht auf LH anzupassen  O egal

Je größer die verfügbare Fläche pro Arbeitsplatz, desto flexibler kann auf die Händigkeit des Mitarbeiters eingegangen werden. Alle bis auf einen Salon (10 Mitarbeiter) sahen hier kein Problem. 



C) Ihre Einschätzung zur LH-Situation im Zusammenhang mit dem Kunden
 

1) Merkt der Kunde, dass ein LH schneidet, ist er  eher  O kritsch O wohlwollend    O egal

Ein Betrieb mit drei Linksschneidern (von 89) gab an, die Kunden merkten meistens nicht, wenn jemand links schneide. Generell unterstellt man hier  der Kundin/dem Kunden keine kritische Sicht. 

2) Kunden wollen unterhalten werden. Das können besser O RH  O LH       O egal

Diese Frage zielte auf das mögliche andersgeartete Kommunikations- bzw. Verbalisierungs-Verhalten von Linkshändern und umgeschulten Linkshändern ab. Ein Ausbilder (200 Auszubildende) gab an, dies sei ihm in diesem Zusammenhang noch nicht so bewusst aufgefallen, er werde aber in Zukunft diese Unterscheidung besser beobachten. Ein Betrieb (350 Mitarbeiter) verwies auf die Wechselwirkung mit der Mentalität des Kunden. Manche Kunden wollten sich unterhalten, manche nicht. 



FAZIT:

1) Wie im Handwerk generell, scheinen auch in der Sparte "Frisör" die praktizierenden Linkshänder mit ca. 4% stark unter repräsentiert zu sein. 

2) Sensibilität für das Thema Händigkeit und die nachteiligen psychischen Folgen einer Umschulung scheint eher dort gegeben zu sein, wo sich Linkshänder als solche bereits zu erkennen gaben. 

3) Die meisten Linkshänder im Handwerk scheinen sich bereits in ihrer Lehrzeit auf rechtshändigen Gebrauch der spezifischen Werkzeuge umzuschulen, um Komplikationen zu vermeiden. Dies scheint unabhängig davon zu sein, ob die Schreibhand umgeschult wurde oder nicht. 

4) Ausbilder, Vorgesetzte und Kollegen sollten sich informieren und bei der Ausbildung und der Einrichtung der Arbeitsplätze den unterschiedlichen Seitigkeiten so weit wie möglich Rechnung tragen. 

5)  Die Werkzeugindustrie sollte allmählich aufwachen und aufhören, sich hinter dem Argument des geringen Umsatzes mit LH-Produkten zu verstecken. Wer LH-Produkte minderer Qualität anbietet oder überhöhte Preise verlangt, muss zwangsläufig scheitern. Wenn Produkt und Preis stimmen, muss wirksam auch Werbung betrieben werden. 
 
 

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