Achtung: Eine Erklärung des Verfassers:

Hier ist ein Kurz-Krimi, welcher unter dem Eindruck derzeitiger (Anfang 2000) und einige Jahre davor sich bereits anbahnender politischer und wirtschaftlicher Ereignisse nunmehr vor einer Veröffentlichung sich nicht mehr zu scheuen braucht, ist doch die Wirklichkeit offensichtlich noch um ein Vielfaches grauenhafter als die bescheidenen Vorgänge, die hier fiktiv geschildert werden. Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder bereits toten Personen, mit Ausnahme des wirklichen Erfinders der "Berlin-Uhr", Dieter Binninger, sind weder beabsichtigt, noch basieren sie auf irgendwelchen tatsächlichen Belegen, sondern sind einzig und allein Ergebnisse der politischen und kriminellen Fantasie des Verfassers.

KORRUPTION IN BERLIN oder 
DER FALL RINGINGER 

„Erst, als sie die Ringe untersucht hatten, erkannten sie, wer es war“, schloss die Innenministerin ihren Vortrag vor den noch eifrig notierenden Journalisten. Seit Tagen war trotz Nachrichtensperre durchgesickert, „ein ganz grosses Ding“ sei aufgedeckt worden. Ein Mordkomplott gegen einen Ingenieur aus Berlin. Eine seiner Erfindungen hinge damit zusammen. Auch seien Unmengen von Notizen entdeckt worden, die alles erklärten. Hier der Wortlaut ihres Vortrages:

„Ich muss Ihnen heute über den Fall Ringinger berichten, dessen Aufdeckung seit zwei Tagen und der vorläufig letzten Festnahme gestern Abend eine bedingte Aufhebung der Nachrichtensperre erlauben. Weitere Namen dürfen wegen Involvierung von Personen unter diplomatischer Immunität noch nicht genannt werden. 

Der Fall kann beim derzeitigen Ermittlungsstand nur grob umrissen werden. Die Zeugenvernehmungen dauern noch an. Die in das Komplott mit grosser Wahrscheinlichkeit verwickelte Elektro-Wirtschaft gab bisher keine offizielle Stellungnahme. Aus dem Kreise der in Untersuchungshaft Befindlichen wurden viele Details preisgegeben, die noch genauer ausgewertet werden müssen.

Das Verbrechen: 
Vor zwei Wochen, abends, kurz nach Einbruch der Dunkelheit und gutem Flugwetter wurde ein einmotoriges Sportflugzeug mit dem Erfinder Ringinger, einem erfahrenen Piloten, am Ortsrand eines Dorfes nahe Berlin zum tödlichen Absturz gebracht. Dies gelang durch Fernzündung eines an der Treibstoff-Einspritzpumpe angebrachten Sprengsatzes. Zunächst sah alles nach menschlichem oder technischem Versagen aus. Die Lokalpresse berichtete in der üblichen Form.

Tatverdächtige: 
Bisher befinden sich 12 Personen an unterschiedlichen Orten in Untersuchungshaft. Vor zwei Tagen gab es eine Selbstanzeige. Unter den Verdächtigen findet sich bisher nur eine Frau. Sieben  umfassende, teilweise gegenseitig belastende Geständnisse liegen bereits vor. Eine Person war gerade im Begriff, die noch immer funktionstüchtigen Original-Dauerglühbirnen in der Berlin-Light-Uhr gegen handelsübliche auszutauschen, als sie verhaftet wurde. Dazu später einige Details mehr. 
 

Verdachtsmomente:
Bildung einer kriminellen Vereinigung, Mord, Mordversuch, Beihilfe zum Mord, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Erregen öffentlichen Ärgernisses, Bestechung und Bestechlichkeit, unterlassene Hilfeleistung.

Das Opfer: 
Alter zum Zeitpunkt des Todes 53 Jahre, verheiratet, keine Nachkommen. Beruf: Erfinder und Problemlöser, selbständig. Geführt durch ein rechtshemisphärisch orientiertes Gehirn -dies ergaben die später noch zu erwähnenden Aufzeichnungen-, faszinierten ihn technische Neuerungen und die Perfektionierung bereits erfundener Gebrauchsgegenstände aus dem elektronischen Bereich. Als 21-Jähriger erwarb er den Flugschein für Segel- und Motorflugzeuge. 

Nach vierjährigem, abgebrochenem Physikstudium und im Schnelldurchgang absolvierter Lehre zum Nachrichtentechniker war er für einen Elektrokonzern in Berlin tätig. Im Alter von 28 Jahren traf er zum ersten Mal auf einen Teil jenes Personenkreises, der ihm später zum Verhängnis werden sollte. Damals bestand ein grosser Bedarf an Signalleuchten bzw. Ampeln hauptsächlich für den Strassenverkehr. Er hatte die Aufstellung dieser Verkehrssteuerungsanlagen in West-Berlin zu konzipieren. Schon bald störte er sich an dem immensen Nachrüstungs- bzw. Austauschbedarf der für die Ampel- und Strassenbeleuchtungen notwendigen Glühbirnen, welche in der bis heute handelsüblichen Ausführung eine durchschnittliche Brenndauer von nur etwa 1000 Stunden liefern. Er fand den technischen Kunstgriff, durch ein leicht modifiziertes Herstellungsverfahren die Lebensdauer der Leuchtmittel auf mindestens 150.000 Stunden zu erhöhen ! Und dies sogar bei einer über der gängigen Norm liegenden Lichtausbeute. Hier wird bereits die revolutionäre Tragweite dieser Erfindung deutlich, in der letzten Endes auch das Motiv für die bald einsetzende Dynamik des Verbrechens zu finden ist.

Umstände, die zum Tatentschluss führten:
Lange zögerte das Opfer mit der Veröffentlichung seiner Erfindung und zog zunächst nur seinen engeren Freundeskreis ins Vertrauen. Frustriert soll er festgestellt haben, dass diese wider Erwarten seine Produktidee eher skeptisch beurteilten. Er ahnte nicht, dass hinter seinem Rücken eine für ihn bedrohliche Entwicklung ihren Lauf nahm.

Seine Erfindung liess er patentieren und bot sie einem potentiellen Hersteller an. Dass dieser stillschweigend bereits viele Informationen vorliegen hatte, war ihm unbekannt. Man bat um Kopien seiner technischen Aufzeichnungen. Er wurde vertröstet, man werde sich das in Ruhe ansehen und sich bei ihm melden. So verging Monat um Monat. Auf nationalen und internationalen Elektronikmessen war hinter vorgehaltener Hand viel die Rede von der umsatzfeindlichen Birne. Wo sollte man da hinkommen, bei plötzlich dermassen krass zu erwartenden Umsatzeinbussen durch schlagartigen Rückgang der Stückzahlen bei kaum erhöhtem Verkaufspreis ? An der perfekten Funktion und immensen Lebensdauer, das hatten aufwendige Alterungstests an Prototypen ergeben, konnte kein Zweifel bestehen. Schnell war man sich in der Branche einig, dass diese Erfindung zu boykottieren sei, nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. 

Der Erfinder war inzwischen selbständig und plante einen Werbefeldzug für die Birne. Die Alarmglocken in der Branche läuteten Sturm. Man musste ihn zurückhalten. 

Eingedenk seiner Innovationsfreude, aber auch seiner Eitelkeit, versuchte man ein Ablenkungsmanöver, welches auch tatsächlich für weitere Jahre den gewünschten Erfolg bringen sollte. Er wurde motiviert , etwas „ganz Großes, Einmaliges und Weltberühmtheit Verheißendes“ zu schaffen. Er sprang darauf an und konzipierte innerhalb weniger Tage die „Berlin-Light-Uhr“, welche mittels Lichtsignalen bei Tag und Nacht weithin sichtbar die Zeit anzeigen sollte.  So konnte er schon damals seinem noch nicht einmal auf dem Markt befindlichen Produkt  „Dauer-Glühbirne“ zu einem Denkmal verhelfen. Zähneknirschend akzeptierte man seinen Vorschlag, ließ ihm sogar einen Betrag von 200.000 DM zukommen der von fünf Firmen der Elektrobranche zu etwa gleichen Teilen aufgebracht worden war.  Für die Bestückung der Leuchtuhr stellte man ihm eine kleine Null-Serie der gefürchteten Glühbirnen zur Verfügung. Für einige Zeit war der Erfinder also abgelenkt, ohne dass er aber sein Ziel, einen Hersteller für die Massenproduktion seiner Dauerbirne zu finden, aus den Augen verlor. Seine Gegner indessen wurden nicht müde, gezielte Falschinformationen zur Diskreditierung des Produktes zu streuen. Auch lasteten ihn viele andere innovative Projekte aus. Seinen kurz vor dem Tode niedergeschriebenen Notizen ist die konkrete Planung eines europaweiten Tankstellen- und Mietwagen-Netzes für Solarfahrzeuge zu entnehmen.

Mit Öffnung der Märkte durch die „Wende“ trieb er das Glühbirnen-Projekt wieder mit aller Kraft voran, fand überraschend schnell einen kooperativen Hersteller aus Osteuropa und sah nun endlich seinen Lebenstraum Wirklichkeit werden. Seinen Gegnern wurde klar, dass er durch Intrigen nicht mehr vom Markt fernzuhalten war. Damit hatte er sein eigenes Todesurteil gesprochen.

Tathergang:
Etwa ein Jahr vor der Tat muss aus den Führungsebenen der fünf grössten Elektrokonzerne grünes Licht zur Beseitigung des Erfinders gegeben worden sein. Auch hierzu machte man sich wieder die Neugierde des Opfers an technischen Neuerungen zunutze. Strohmann war ein ehemals Vertrauter des Erfinders. Schnell war über die Lieblingsleidenschaft des Arglosen, das Fliegen, das alte Vertrauen wieder hergestellt. Man bot ihm an, eine über Funk fernsteuerbare Videokamera an seinem Flugzeug anzubringen. Mit dieser Kamera konnte er bei Dunkelheit die erzielten Helligkeitswerte seiner, in einem Dorf bei Berlin probeweise installierten Dauerglühbirnen, mit konventionell erleuchteten Strassenzügen vergleichen. Auch sein letzter Flug muss diesem Zweck gedient haben.
 

Der als Installateur des Sprengsatzes entlarvte Elektroniker hatte ihm am Nachmittag des Tattages unter dem Vorwand, die Kamera justieren zu wollen, die Sprengladung und Zündverbindung zum Funkempfänger eingebaut und eine Zweit-Frequenz auf ein Bodenfunkgerät eingestellt. Der am Tattag ebenfalls anwesende, ehemals  - beste Freund - des Opfers löste den todbringenden Kontakt aus, als sich das Flugzeug über freiem Feld in ca. 200 Metern Höhe an einer genau abgesprochenen Überflugstelle befand. Das Leben des Erfinders endete auf einem Rübenacker. 

Fortgang der Ermittlungen:
Die Vielzahl der erwähnten Details ist neben aktuellen Zeugenaussagen den umfangreichen handschriftlichen Aufzeichnungen des Opfers zu verdanken. Mit Verlassen der allgemeinbildenden Schule hatte der Erfinder begonnen, seine Ideen, Betrachtungen, Eingebungen, Kontakte und Adressen fortlaufend und erstaunlich vollständig in durchnummerierten Tagebüchern zu notieren. Alle 83 vorgefundenen Kladden trugen neben einer laufenden Nummer den Titel „Ringe“. Wie wir heute wissen, neigte der Verfasser zu Generalisierungen und Wortspielereien. Es ist deshalb anzunehmen, dass er in diesen Bänden „Ringe“ sah, die kettenglieder-artig aufeinander folgten und ineinandergriffen. Vielleicht persiflierte er aber einfach nur seinen Namen Ringinger. Spätestens innerhalb der letzten drei Lebensjahre muss er sich, anfangs eher diffus, später konkreter, bedroht gefühlt haben. Dies ist seinen, viele Seiten lang oft spiegelschriftlichen Notizen deutlich zu entnehmen.

Ein anonymer Anruf durchbrach 2 Tage nach dem Flugzeugabsturz die Mauer des Schweigens, die so lange standgehalten hatte, und führte zum Anfangsverdacht eines Mordkomplotts und wenig später zum Auffinden und Auswerten der Ringe-Tagebücher. 

Drei Tage nach dem Unfall hatte man anhand eines Vergleiches der in den Flugzeugtrümmern aufgefundenen Indizien mit den knappen Hinweisen des anonymen Informanten den Absturz plausibel rekonstruieren können. Ein 50-köpfiges Spezialisten-Team wurde als Sonderkomission „Ringe“ auf die Auswertung der Aufzeichnungen des Mordopfers angesetzt. Den Ermittlern hatten zwar aufgrund der knappen Angaben des anonymen Anrufers schon Hinweise vorgelegen, in welcher Richtung der Täterkreis zu vermuten sei. Namen waren aber noch nicht bekannt. Erst, als sie die Ringe untersucht hatten, erkannten sie, wer es war.“

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