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FLUCHMASCHINE  I
von Nicole Kroppen, Neustadt
(erschienen in LHC-4 07-1998)
War einmal ein Bumerang;
war ein weniges zu lang. 
AAAAAAAAAAAAAAAAAAAhhhhh!!!!!! Bumerang flog ein Stück, 
aber kam nicht mehr zurück. 
Publikum - noch stundenlang-
wartete auf Bumerang.


 Ich mag das Gedicht. Aber ich habe den Verdacht, dass Ringelnatz sich geirrt hat. Dass der Bumerang wegblieb, nicht weil er zu lang war, sondern weil ein Linkshänder ihn geworfen hatte. Wenn Linkshänder nämlich einen Bumerang schmeißen, der von einem Rechtshänder für rechtshändige Bumerangschmeißer gebaut ist, dann hat der Linkshänder verloren. Da wartet er wirklich stundenlang. 

Nun haben Linkshänder, zugegeben, andere Sorgen als den rechtshändigen Schliff an Bumerangkanten. Bogenschießen, zum Beispiel. Oder Baseballspielen. Also praktisch alles Dinge, die man täglich so tut. Die Sportbögen sind so gebaut, dass ein Rechtshänder den Pfeil rechts außen anlegen kann. Würde ein Linkshänder das versuchen, könnte man Blut fließen sehen. Beim Baseball dürfen sie nie ihren Handschuh vergessen, denn kaum ein Trainer hat einen Ersatzhandschuh für die rechte Hand dabei. Linkshänder werfen nun mal mit links und fangen  mit rechts. Was Sportkollegen übrigens ganz schön irritieren kann. 

Katastrofal sieht es - werden wir jetzt mal ernst - im Alltag in der Küche aus. Wenn ich Brot schneide, liegt natürlich das Brot rechts, weil ich in der linken Hand das Brotmesser halte. Schneidet dann mein Mann sich eine Schnitte ab: Brot rumdrehen, Messer rüber nach rechts. Ihn amüsiert das immer noch. Eine Erfahrung, die viele Linkshänder kennen: Rechtshänder leben so selbstverständlich in dieser für sie eingerichteten Welt, dass sie sich einfach nicht vorstellen können, was es für Linkshänder bedeutet, dauernd umdenken und sich ständig verrenken zu müssen. 

„Die Bohrmaschine nervt“, sagt Bernhard dazu. „Alle Knöpfe und Hebelchen zum Einstellen, die man mit dem Daumen bedienen soll - die liegen bei mir in der Handfläche.“ Kenne ich. Siehe auch Parkautomaten. Feinde!!! Der Schlitz für die Karte ist ja auf der richtigen Seite, aber der Geldeinwurf ... da muss ich mich verrenken. Das Drama hat - wie bei den meisten Linkshändern - auch bei mir schon in der Kindheit angefangen. 

Einer der berühmtesten Linkshänder war Leonardo da Vinci. Er schrieb und zeichnete sein Leben lang mir der linken Hand - und nicht nur das : er schrieb Spiegelschrift. 

Wieviele Linkshänder es gibt, darüber existieren nur sehr ungenaue Zahlen. Das liegt daran, dass die Statistiken nur solche Menschen als reine Linkshänder erfassen, die mit links schreiben, zeichnen und z.B. einen Ball werfen. Linkshänder, die in der Schule zum rechtshändigen Schreiben und Zeichnen umerzogen, sonst aber weiter linkshändig sind, fallen dabei unter die Rubrik „Gemischthänder“ und werden nicht als Linkshänder erfasst. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein. 

Dass Linkshänder das Teufels seien, wird heute zwar nicht mehr geglaubt, aber es gibt in einigen Kirchen noch die alte Sitztradition: Männer rechts, Frauen links. 
In arabischen und indischen Kulturkreisen gilt die linke Hand als unrein. Mit der linken Hand wurde sich zum Beispiel der Hintern abgeputzt. Daher wird in Indonesien bis heute nicht die linke Hand zum Essen benutzt. Wer das trotzdem tut, gilt als unhöflich. 

Ein dicker Kuss gebührt dagegen der Plattenfirma Polydor: 1981 erschien eine Schallplatte (das waren diese großen schwarzen Scheiben, die man auf den Plattenspieler legte und aus denen dann Musik kam .. knister, kratz ...) des Chansonniers Robert Long. Die Öffnung des Plattencovers ist links. Hinten auf der Hülle steht: „weil wir eine oft vernachlässigte Minderheit unterstützen möchten, ist diese Hülle mit der Öffnung zur falschen Seite hergestellt. Wir hoffen, auf diese Weise auch den linkshändigen Menschen in den zwischenmenschlichen Plattenverkehr einzubeziehen."

Zum guten Schluss: Linkshänder gelten als nette, fantasievolle und kreative Menschen. Siehe wiederum Leonardo da Vinci. Der hat sowohl die Mona Lisa als auch seine berühmten Flugmaschinen „mit links“ gezaubert. „Fluchmaschine ?“ sagt Bernhard. „’ne Fluchmaschine hab ich mir auch gebaut. Die flucht für mich, wenn der Korkenzieher sich wieder mal nur falschrum drehen läßt.“


FLUCHMASCHINE II
Von Norbert Martin, Wuppertal
Nicole, Bernhard und die Fluchmaschine. 
(Ein Spontan-Interview von Left Hand Corner aus 10-1998)

Die Fluchmaschine existiert bis jetzt leider nur als Einzelexemplar, ein Bauplan ist zur Zeit in Arbeit und kann demnächst zur Verfügung gestellt werden. Bernhard ist stolzer Besitzer seines Eigenbaues und verwendet das Gerät schon seit Jahren mit Erfolg. LHC (Left Hand Corner) hatte Gelegenheit, ihm und Nicole, die die Baupläne zeichnet und ihn berät,  einige Fragen zu stellen:

LHC: Hallo, Nicole, wie geht´s ?

N.: Danke, sehr gut ! 

LHC: Was macht der Bumerang ?

N.: Hinterm Horizont verschwunden, schade.

LHC: Hallo, Bernhard, wie geht´s ?

B.: Ooch, okay, alles klar, bisschen Zahnweh, sonst echt okay.

LHC: Was macht der Bauplan Deiner Fluchmaschine ?

B.: Na ja. Die ursprüngliche Version, die ich jetzt schon seit Jahren benütze, liegt im Moment auf Eis. Aber demnächst bin ich mit einer großen, sogar begehbaren Fluchmaschine soweit. Kann auch als Sauna und/oder Orgonakkumulator  zusätzlich genutzt werden.

LHC: Wow ! Sag mal, Du möchtest das Ding doch hauptsächlich als Linkshänderprodukt auf den Markt bringen, wieso  ?

B.: Ich habe aufgrund geheimer, aber brandaktueller Statistiken, die mir aus Hintertupfingen zugespielt wurden, erfahren, dass das Fluchbedürfnis bei umgeschulten, nicht umgeschulten, rückgeschulten und bergevonschulten Linkshändern europaweit um ungefähr 60% höher liegt, als bei ungeschulten Rechtshändern. Das hat mir genau das bestätigt, was ich seit Jahren schon mit Hilfe meiner kleinen tragbaren Fluchmaschine versuche, in den Griff zu kriegen: Ein waaahnsinniges Fluchbedürfnis !

LHC: Nicole, hast Du im Moment ein Fluchbedürfnis ?

N.: Warum nicht. Ich drück hier diesen kleinen Knopf  ...

Fluchmaschine: HimmelherrgottsakramentzefixhallelujaSaupreissnpolitische!!

Fluchmaschine 3 -Daumenkino-

LHC: Kommt gut, geht echt unter die Haut. Sind da nur bayrische Flüche abrufbar ?

N.: Das Ganze ist praktisch ein kleines Fluchgehirn für sich. Das entlastet gerade mich als umgeschulte Linkshänderin doch ungemein. Manchmal leiht Bernhardt mir das Ding, aber länger, als zwei Wochen hält er´s ohne auch nicht aus. Also, da ist ein kleiner Zufallsgenerator drin und .........

B.: .....das Gerät is ja wohl nur gei.....!

N.: Bernhard !! ...  Also, da ist praktisch ein kleiner Zufallsgenerator drin und funktioniert eigentlich genauso, wie ein Mensch beim Fluchen auch: Völlig spontan, manchmal völlig aus dem Zusammenhang, also praktisch die Schwaben z.B. schreien ja auch los: "Ha leck me am Arsch, dr Karle!", wenn sie jemanden nach Jahren zufällig wiedersehn. 

LHC: Stimmt.

B.: Von einer grossen Airline haben wir sogar schon einen Auftrag. Die wollen die große Version in ihre Transatlantik-Jumbos einbauen für die vielen Raucher, die nicht rauchen dürfen. 

LHC: Das heißt, das Gerät wird auch für Rechtshänder nicht uninteressant sein?

B.: Letzten Endes kann das jeder gebrauchen, der sich ab und zu mal, ob permanent oder sporadisch, ärgert. Der Witz ist ja, dass eigene oder neue Flüche sofort über die eingebauten Mikros gespeichert werden und der Mikrochip auch selbst Flüche nach verschiedenen Filtern, z.B dem Klang, kreiert. Standard sind 750 verschiedene Flüche in Deutsch und 50 in Englisch, 400 gemischt-sprachig. Ich drücke hier mal auf die English-Taste und du hörst:

Fluchmaschine: "Goshalmightysakesalivegloryshovitshitpitpissandcorruption!"

N.: Was ich auch wichtig finde, sind die Super-Stimmen, die wir dafür gewinnen konnten. Von Pavarotti haben wir bereits 22 Flüche in Deutsch, Englisch und Italienisch zugesagt bekommen. Sogar der Papst hat uns einen, ‘maximal zwei’  lateinische Flüche zugesagt. Einen zusätzlichen vielleicht sogar in polnisch.

LHC: Bernhard, wann benutzt Du Deine Fluchmaschine so ?

B.: Am meisten definitiv beim Korkenziehen. Doch ..., ich glaube das kommt hin ... . Beim Bohren manchmal auch. Eigentlich hab ich die immer bei mir.

LHC: Man hört ja auch von internationalen Kontakten ...... ?

N.: Praktisch ist es so, dass China vier von den großen Maschinen fest bestellt hat. Die wollen die gleichmäßig verteilt auf dem "Platz des Himmmlischen Friedens" aufstellen, direkt neben den Klohäuschen. Die bekommen aber ihre eigene Software, das war Bedingung.

LHC: Letzthin sprachen der ehemalige Wissenschaftminister Riesenhuber und der ehemalige Vorsitzende des ‘Wuppertal-Institut’, Herr Weizsäcker, von einem ‘Beichtstuhl der Moderne’. Stimmt Ihr dieser Umschreibung für Euer Gerät zu ?

N.: Bedingt. Wir haben es verschiedenen Kirchen und sogar Sekten angeboten. Die Resonanz ist allerdings mehr als dürftig. Insofern: Nein !

B.: Ja aber eigentlich und überhaupt doch schon. Klar.

LHC: Danke, war schön, mit Euch zu plaudern. Könnten wir noch einmal drücken ?

Fluchmaschine: Zefixrechtshenderdamische!!


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